Vaupel in einer Geisterstadt
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 7. Februar 2012, 12:00 Uhr
ENL5454
Melde mich hiermit wie angekündigt aus dem südlichen Afrika. Lebe noch.
Zum hiesigen Jatropha-Projekt später mehr. Heute zu etwas anderem. Denn ich bin auch immer auf der Suche nach Empfehlungen für meine zahlenden Abonnenten (im Börsendienst Der Rohstoff Performer). Spekulation mit Grundnahrungsmitteln ist da tabu - doch wenn es um Erze oder Diamanten geht, da werde ich wie Dagobert Duck hellhörig.
Und es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Explorern, die im Lande tätig sind, und auch kleinere Minen-Betreiber. Eine Klarstellung: Meine Devise ist "Märkte statt Einzeltitel". Wenn ich z.B. davon überzeugt bin, dass der Silberpreis steigen sollte - dann setze ich nach Möglichkeit direkt auf Silber. Oder Silber-Zertifikat. Und nicht auf die Aktie eines Explorers. Da kauft man doch immer ein zusätzliches Risiko (das Management kann schlicht kriminell sein, oder inkompetent, etc. pp.)
Aber als spekulative Beimischung (beim "Rohstoff Performer" für die Kategorie "spekulative 10%") können solche kleineren Aktien durchaus interessant sein, finde ich. Natürlich nur dann, wenn sie z.B. nicht örtliche Landwirte von ihrem fruchtbaren Land verdrängen, um eine "open pit" Mine zu eröffnen. Alles schon vorgekommen. Solche Aspekte sollte kein Mitglied der Trader´s Daily-Gemeinde bei der Geldanlage ausblenden, wir wollen schließlich alle erhobenen Hauptes in den Spiegel schauen können.
Und auf manche Rohstoffe lässt sich sonst auch gar nicht setzen - Beispiel "Seltene Erden". Die kauft man nicht direkt (anders als die von mir favorisierten "strategischen Metalle"!) Und es gibt bei den "Seltenen Erden" auch keine Zertifikate direkt auf den entsprechenden Rohstoff-Preis. Da gehe ich dann doch auch mal den Umweg über Aktien entsprechender Produzenten.
Und Thema Diamanten. Da hatte ich am 11.11.2011 (welch großartiges karnevalistisches Datum) hier im Trader´s Daily etwas über den Diamanten-Giganten de Beers geschrieben. Inzwischen hat Großaktionär Anglo American seinen Anteil deutlich aufgestockt.
In der Ausgabe vom 11.11. berichtete ich auch über:
"...einen Eisenbahnarbeiter. Mit dem schönen Namen August Stauch. Der lebte vor über 100 Jahren in Thüringen, litt an Asthma und hatte als Hobby die Mineralogie. Sein Arzt riet ihm, wegen seines Asthmas nach Deutsch-Südwestafrika mit seiner klaren, trockenen Luft zu gehen. Tat er dann auch, und half beim Bau der sogenannten Lüderitzbahn mit. Dabei entdeckte er Anno Domini 1908 Diamanten. Es setzte - ähnlich einem ´gold rush´ - ein regelrechter Boom ein, Diamantsucherstädte schossen aus dem Boden."
Ich beschloss, mich auf die Spuren des Thüringers August Stauch zu machen (der übrigens zunächst Millionen machte, dann aber im Alter von 69 Jahren verarmt mit Magenkrebs starb).
Und so geschah es, dass Ihr Autor mitten in der Namib-Wüste auf eine dieser "Diamantsucherstädte" stieß, deren Gründung auf August Stauchs Diamenten-Enteckung zurückgeht.
Der Name: Kolmannskuppe.
Entstanden vor rund 100 Jahren. Aus dem damaligen Deutschen Reich wanderten zahlreiche Diamantensucher in diese Stadt ein. Einige brachten ihre Familien mit.
Und es entstand diese Stadt, welche ich vor einigen Tagen besuchte. Beeindruckend.
Was deutsche Kolonialisten da Anfang des 20. Jahrhunderts in einer wasserlosen Wüste zustande brachte. Ich stieß dort auf eine „Kegelbahn" mitten in der Wüste...ein ausgeklügeltes Kühlsystem für die Häuser, mit Eisfabrik, damit kühles Bier gewährleistet war. Medizinische Versorgung in Form eines kleinen Krankenhauses mit zwei Ärzten und vier Krankenschwestern, Jugendstilhäuser, ein Tanz-Saal und Turnhalle. Mehrere Kinder wurden dort geboren. Die Stadtverwaltung sorgte dafür, dass jedem Einwohner täglich zwei frische Brötchen zur Verfügung gestellt wurden. Und ein halber Eisblock, der in einer Art Kühlschrank deponiert wurde. Das geschmolzene Wasser war gleichzeitig Trinkwasser.
Und Elektrizitätsversorgung. Und eine Eisenbahnverbindung, welche in der Rekordzeit von 10 Monaten zum Meer verlegt wurde. (Zum Vergleich: Ein Neubau dieser Strecke ist seit über 4 Jahren in Arbeit...und immer noch nicht beendet.)
Und heute?
Eine Geisterstadt! Verlassen. Ende des Diamantenbooms.
Die einst blühende Stadt mitten in der Wüste verfällt. Kein "Preiskegeln" mehr. Kein kühles Bier oder täglich frisch gebackene Brötchen. Keine Champagner-Runden nach größeren Diamanten-Funden.
Die Häuser stehen noch, teilweise noch recht gut erhalten. Beim Bürgermeister eine Badewanne im ersten Stock, mit Blick auf seine "Stadt"...
Doch die Wüste holt sich das Terrain zurück. Durch die zerbrochenen Fenster wandern die Dünen hinein.
Memento mori. Von den damaligen Diamantensuchern lebt niemand mehr. Alles, was sie auf die Beine stellten, verfällt nun. Was bleibt schon?
Vergänglich auch wir, die Trader´s Daily-Gemeinde. August Stauch ist ein Beispiel dafür, dass wir nicht vergessen sollten: Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Und hier noch einige Impressionen:
Mit herzlichem und nachdenklichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von martin tschuemperlin (07.02. 2012 12:11 Uhr):
Dieser Herr Vaupel - er ist einfach herrlich. Ein Mann mit Rundsicht - mit Überblick, er versteht es zu sehen und zu spüren. Irgendwie ist Vergänglichkeit direkt spürbar - gerade aus dieser Verfallstadt. Er holt uns in die Realität - ich danke ihm dafür. Aus Zuerich - martin t
Antworten - Kommentar von weingril (07.02. 2012 12:25 Uhr):
Ich bin immer wieder beeindruckt von ihrer humanen Geisteshaltung. Sie sind der lebense Beweis, dass Geldanlage und Humanität kein Widerspruch sein müssen. Weiter so !
Antworten - Kommentar von Peter Hohm (07.02. 2012 12:42 Uhr):
Lieber Herr Vaupel, ich lese fast alle Ihre Börsenbriefe und freue mich immer wieder über Beiträge wie diese. Dies steht so erfreulich im Gegensatz zu der seelenlosen Hatz nach Umsatz und Gewinn, der Hinweis darauf, daß irgendwann eine Wanderdüne jeglichen Erfolg zudeckt, wie an den eindrucksvollen Fotos ersichtlich, wobei sich die Kegelbahn ja bis jetzt erfolgreich widersetzt hat. Vielleicht zeigt das, daß Spaßhaben höher zu bewerten ist als das Streben nach Ruhm und Erfolg. Grüße aus Stuttgart (versinkt gerade im Schnee) Peter Hohm
Antworten - Kommentar von Pabst (07.02. 2012 13:49 Uhr):
Das Interessanteste haben Sie in der Geisterstadt übersehen: Dort hatte man das erste Röntgengerät in Südafrika. Doch die Medizin war nicht der Hauptgrund. Man nutzte sie um verschluckte Rohdiamenten zu entdecken. Gruß E. Pabst
Antworten - Kommentar von Klenke (07.02. 2012 17:05 Uhr):
Interressanter Beitrag und Fotos. Bitte mehr davon. mit freundlichen Grüßen
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- Kommentar von Ernst Pabst (18.02. 2012 18:06 Uhr):
Hallo Herr Vaupel, Für Ihre Namibia Aktivitäten hier evtl. Ein nützlicher Kontakt : www.xing.com/profile/Robert_FreiherrHeereman Herr von Hereman von der Giz unterstützt Projekte
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