Value statt Kurs
Raimund Klapdor in Nebenwerte Daily zum Thema Nebenwerte
vom 2. Juni 2009, 17:00 Uhr
ENL5462
Liebe Leserin, lieber Leser,
in der ersten Vorlesung eines Volkswirtschaftsstudiums werden nur Binsenweisheiten gelehrt: „Sinkt auf einem Markt der Preis eines Gutes, steigt die Nachfrage." Andersherum ebenso: „Steigt der Preis des Gutes, so sinkt die Nachfrage." Völlig logisch denkt man sich dann als unbedarfter Student. Denn stiege der Preis für eine Kinokarte morgen auf 100 Euro, ginge keiner mehr hin.
Doch die Professoren erklären weiter, dass es auch einige Güter gibt, bei denen das anders ist. Da steigt nämlich die Nachfrage mit zunehmenden Preisen, z. B. beim so genannten Snob-Effekt. Der Snob kauft nur das, was sich nicht jeder leisten kann, gerade um zu zeigen, dass ER es sich leisten kann. Ich habe damals meine Professoren gefragt, wie das denn an der Börse sei. Denn schließlich könne man dort beobachten, dass bei steigenden Aktienkursen die Kauflaune steigt. Und bei fallenden Preisen will die Anteilscheine plötzlich niemand mehr haben. Überzeugende Antworten habe ich hierauf nicht bekommen.
Börsenpsychologie kollidiert mit allgemeiner Nachfragetheorie
Ich glaube inzwischen, dass in den Köpfen der Anleger ganz andere Denkmuster vorherrschen. Beim Kauf einer Stereoanlage weiß man, was einem das Produkt wert ist. Man hat eine klare Vorstellung davon, was man zu zahlen bereit ist, weil man eine Vorstellung davon hat, was das Produkt nützen wird.
Je günstiger der Preis für diesen Nutzen, desto eher greift man zu. Anders bei Aktien: Viele Anleger haben keine Vorstellung davon, welchen Gegenwert sie für den gezahlten Preis erhalten. Sie kaufen in einer diffusen Hoffnung, dass ihnen irgendwer später mehr für das Papier bezahlen wird. So wird aus der Aktienanlage, die eine Investition in Unternehmen ist, vor allem ein Beobachten von Kursverläufen.
Schauen Sie weniger auf die Kurse, sondern mehr auf die Unternehmen!
Beim Blick auf den Kursverlauf bekommt man letztlich aber nur eines mitgeteilt: Erhalte ich jetzt mehr oder weniger, als ich selbst bezahlt habe? Das man so auf Dauer kein Geld verdienen kann, liegt auf der Hand. Denn es fehlen die Anhaltspunkte, WANN man kaufen und wieder verkaufen muss.
Wer nicht weiß, welche Werte hinter den Preisen stehen, wird bei steigenden Kursen schnell euphorisch und bei fallenden Kursen panisch. Das Ende vom Lied ist, dass bei hohen Preisen gekauft, bei tiefen verkauft und am Ende Geld verloren wird. Kaufen Sie daher nur Aktien von Unternehmen, deren Geschäft Sie nachvollziehen und deren Wert Sie auch einschätzen können!
Herzlichst Ihr
Raimund Klapdor
Chefredakteur Dividendenbrief Mehr über Raimund Klapdor und seinen Börsendienst finden Sie hier: Dividenden-Brief
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