Value Investing lebt
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 17. Mai 2007 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
die Konferenz der deutschsprachigen Value Investoren findet jedes Jahr am Vortag der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha statt. Der Hotelraum war klein aber sehr gut gefüllt.
Niemand machte eine Einleitung dazu, was Value Investing eigentlich sei, denn das ist seit Großvaterszeiten klar:
Kaufe erstklassige Aktien zum Discountpreis !
Jeder, der sich schon einmal mit der Börse beschäftigt hat, ist dieser Strategie schon einmal begegnet:
Kaufe eine unterbewertete Aktie und warte, bis ihre Gewinne steigen und ihr Preis natürlich auch. Diesen Traum haben wir alle schon einmal geträumt.
Doch bald zeigt sich, daß es nicht ganz so einfach ist:
- einen Discount auf eine Aktie zu bekommen
- eine "Margin of Safety" für ein Unternehmen zu erkennen
- zu erkennen, ob eine Aktie unterbewertet ist oder nicht
So ist es nicht verwunderlich, daß Value Investoren, die per se Zeit und Geld mitbringen (sonst sind es keine Value Investoren) , in einer scheinbar sicheren Welt leben.
Ihre Konzentration auf die Güte des Unternehmens, auf den langfristig verteidigbaren Wettbewerbsvorteil und den daraus folgenden steigenden Gewinnen, enthebt den Investor des sonst üblichen "Wachschlafs der Krokodile", die ja der Legende nach mit offenen Augen schlafen, während die Märkte, die Devisen, die Daytrader von der Angst zu verlieren nahtlos in die Angst etwas zu verpassen übergehen - und zurück.
Die Konzentration auf das zu kaufende Unternehmen enthebt den Value Investor der Hektik des einzelnen Börsenalltags (niemand sagte während der Konferenz die aktuellen Kurse an) und lässt ihn gut schlafen. Er weiss sich im sicheren Hafen seiner Konzentration und wartet ruhig und gelassen, bis der Börsenfluss ihm den Kurs zutreibt, den er von Anfang an geplant hat.
Doch wirklich ganz Gallien?
Nein, ein kleines Dorf in Gallien (in unserem Kopf) leistet Widerstand: denn auch auf den Schultern der Value Investoren sitzen diese "kleinen Teufelchen", die sich wohl nie besiegen lassen:
1. Gibt es noch genug Gelegenheiten? Ist nicht schon alles zu teuer geworden? Muß nicht erst ein Kursrutsch der Aktien folgen? (Hatten wir nicht eben noch gehofft, dass Devisen, Märkte und Konjunktur uns nicht wirklich einholen können?)
2. Auf für den Value Investoren gibt Skylla und Charybdis: Ist die neu entdeckte Superaktie nicht zu klein: Bekomme ich überhaupt Aktien und wenn ja, bekomme ich überhaupt einen, der sie mir später wieder abkauft?
Und natürlich diese Szene: Eben noch wird über die unglaublich tolle, gewinnträchtige Aktie X berichtet und deren unschlagbar günstigen gegenwärtigen Preis - dann kommt schon die Frage: "Warum ist sie denn so billig?" (Sind die anderen so dumm oder übersehe ich etwas?)
Unschwer zu erkennen, daß auch beim Value Investing, welches auch als die Suche nach dem versteckten oder verdeckten inneren Wert einer Firma beschrieben werden könnte, neben der Kenntnis der Mathematik und der Zahlen, Erfahrung und ein klarer Verstand benötigt wird.
Deutlich sollte aber auch werden, daß "Value Investing" keinesfalls ein Weg ist, sich grundsätzlich vor dem Risiko zu drücken.
Am folgenden Tag wird Warren Buffett auf der Hauptversammlung detailliert erklären, was seinen Erfolg als Value Investor ausmacht: nämlich der Umgang mit dem Risiko: "Bei allem was ich tat, habe ich mich niemals so verhalten, dass ich die Substanz des Unternehmens mit einem oder mehreren Investments wirklich gefährdet hätte. Ich bin nicht einmal besser als andere Value Investoren, ich habe nur niemals, wenn ich mich irrte, mehr als 2% des Geldes verloren, obwohl ich mich öfter mal geirrt habe.
Aus reiner Dummheit hatte ich letztes Jahr in einen Schuhproduzenten investiert. Hätte ich das nicht getan, wären Sie jetzt 2% reicher!"
Charlie Munger kommentiert schmunzelnd dazu: "Glücklicherweise traf er auch bessere Entscheidungen!" (Theo Lingens blitzendes Grinsen im Gesicht)
Viel Erfolg!
Ihr Doc
