Value Investing
Alexander Green (US-Korrespondent) in Investoren Wissen
vom 30. Juli 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Value Investing: Treten Sie in die Fußstapfen von Sir John Templeton
Liebe Leser,
Anfang Juli hatte ich die Gelegenheit, beim 'FreedomFest' in Las Vegas mit Hunderten von Kapitalanlegern zu sprechen.
Ich kann Ihnen sagen, dass die Stimmung dort vielerseits immernoch sehr düster ist - trotz diverser Kursanstiege. Und wenn es um Value Investing geht, ist das ein Grund zum Feiern.
Analysten werden Ihnen sagen, dass Aktien nur Schnäppchen-Niveaus erreichen, wenn sie hinsichtlich Umsatz, Ertrag und Buchwert preiswert sind. Aber hier erfahren Sie, wie Sie wissen, wann Aktien preiswert sind, ohne auf eine einzelne Zahl zu schauen:
- Es ist der Fall, wenn Leute wegen ihrer Aktienportfolios "dem Schlaganfall nahe" sind.
- Es ist der Fall, wenn sie über die Aussichten für die Wirtschaft am düstersten denken.
- Es ist der Fall, wenn sie sich wünschen, dass sie ihren Börsenmakler nie getroffen hätten.
Das ist es, wann Aktien wirklich preiswert sind. So dass es sich bezahlt macht, sie zu kaufen ...
Sir John Templeton - Value Investing durch maximalen Pessimismus
Sir John Templeton, der Mann, der fast im Alleingang den Weg für den Gedanken der globalen Geldanlage bahnte - und einer der großen Value Investoren der Welt war - wusste das. Als es um Value Investing ging, schwur er, dass die besten Kaufgelegenheiten "am Punkt des maximalen Pessimismus" gefunden werden könnten.
Das waren nicht nur Worte ...
1980 übernahm eine maoistische Guerilla-Kämpferorganisation in Peru, der Leuchtende Pfad (Sendero Luminoso) genannt, das Land, und zwang den Menschen das auf, was sie "eine Diktatur des Proletariats" nannte. Das Land taumelte in Folge von Gewalt und Brutalität. Die Vereinigten Staaten, Kanada und die Europäische Union brandmarkten den Leuchtenden Pfad als eine Terroristengruppe und verhängten Wirtschaftssanktionen.
Die peruanische Aktienbörse brach verständlicherweise zusammen.
Templeton wollte verzweifelt peruanische Aktien kaufen, während sie so billig wie Trödelware waren. Er wusste, dass die Lage besser werden würde - und damit würde es auch die Performance des peruanischen Marktes werden.
Leider war es Ausländern nicht erlaubt, peruanische Aktien zu kaufen.
Templeton ließ sich nicht abschrecken. Er gründete eine peruanische Aktiengesellschaft und verwendete sie als eine Holding, um die Hauptgesellschaften des Landes aufzukaufen.
Und, tatsächlich, fiel der Leuchtende Pfad, der ja einst selbst eine populistische Gruppe war, bei den peruanischen Bürgern in Ungnade. Die zwischenstaatlichen Beziehungen wurden wieder hergestellt. Die Wirtschaftstätigkeit erholte sich wieder. Die peruanische Aktienbörse stieg aufwärts.
Und - wie könnte es auch anders sein - verdiente Sir John Templeton ein weiteres Vermögen für seine Aktionäre.
Ignorieren Sie die abgestandenen Kennzahlen und halten Sie am Value Investing fest
Die Dinge stehen in den Vereinigten Staaten zur Zeit nicht ebenso schlecht wie sie in Peru 1980 waren; trotzdem höre ich überall, wohin ich gehe, weiterhin dieselben abgestandenen Kennzahlen:
- Wir befinden uns im sechsten Quartal mit Konjunkturrückgang in Folge, was bedeutet im längsten Wirtschaftsabschwung seit der Weltwirtschaftskrise.
- Die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem 26-Jahres-Hoch - und wir verlieren immer noch 500.000 Arbeitsplätze pro Monat.
- Gewerbliche Investitionen erfolgen kaum.
- Privater Konsum - und das Verbrauchervertrauen - sind anämisch.
- Kredite sind knapp.
- Die Hauspreise fallen immer noch.
- Die Unternehmensgewinne sind schwach.
Diese Dinge sind natürlich wahr. Aber fragen Sie sich dieses: Welche von diesen wohlbekannten Tatsachen ist nicht bereits bei den Aktienpreisen berücksichtigt? Was hier ist in den Medien nicht Hunderte von Malen zuvor bereits hinausposaunt worden?
Es klingt paradox, aber zügelloser Pessimismus über die Aussichten für Wirtschaft und Investments ist der beste Freund des Kapitalanlegers an der Aktienbörse.
Oder wie es der Ressourcen-Analyst Rick Rule ausdrückt, "Sie können ein Querdenker sein. Oder Sie können ein Opfer sein."
Beachten Sie das. Handeln Sie entsprechend. Und kaufen Sie gesunde Gesellschaften, wenn sie im Ausverkauf sind.
Wenn die Geschichte irgendein Ratgeber ist, werden Sie sich in einem Jahr freuen, dass sie es taten.
Erfolgreiches Anlegen,
Alexander Green
KOMMENTAR ZUM ARTIKEL VON HERR GREEN:
Ich denke, Herr Green liegt mit einigen Punkten, die er hier anführt, grundsätzlich richtig (etwa Templetons Punkt des maximalen Pessimismus).
Im obigen Artikel erscheint mir dies aber ein wenig zu sehr verallgemeinert. Aussagen wie sinngemäß "Vergessen Sie die Kennzahlen" etc. würde ich so keinesfalls unterschreiben wollen. Natürlich ist in den Märkten bereits eine Menge eingepreist, aber so einfach wie Herr Green die Dinge darstellt sind sie m.E. nicht.
Was ist also mein Vorschlag?
Ich würde die (an sich ja sehr guten) Punkte, die Herr Green hier anführt (extreme Negativität unter Privatanlegern etc.) durchaus bei der eigenen Analyse der Märkte nutzen, aber solchen Punkten nur den Rang eines Indikators unter vielen zusprechen. Meine Philosophie ist grundsätzlich, dass ich möglichst viele Indikatoren (am besten aus verschiedenen Bereichen, wie etwa Fundamentaldaten, Markttechnik, Zyklik, Sentiment) sehen möchte, die sich gegenseitig bestätigen. Investmententscheidungen nur aufgrund eines dominanten Grundsatzes in der eigenen Analyse zu treffen mag ja oftmals gutgehen, aber mir selbst reicht das nicht aus und ich würde auf die zusätzliche Sicherheit sich bestätigender Indikationen aus verschiedenen Bereichen keinesfalls verzichten wollen.
Beste Grüße
Alexander Hahn
P.S.:
Wenn Kennzahlen "zu vergessen" sind, wie kann dann objektiv überhaupt von einem Wert, in den investiert werden soll, gesprochen werden? Müsste es dann nicht eigentlich "gefühltes" Value Investing sein, was Herr Green empfiehlt, da hier weniger der tatsächliche Unternehmenswert sondern die Massenpsychologie dominieren? Das nur als ein weiterer kritischer Punkt zum Nachdenken... Mich überzeugt der oben geschilderte Ansatz Herr Greens - wie bereits erwähnt - nur bedingt.