US-Verbraucherkredite: Ein "Schuldbürgerstreich"
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 08. August 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Nein wirklich, manchmal kann ich mich eines schadenfrohen Grinsens einfach nicht erwehren. Leider ist es zu spät um herauszukriegen, wie sich die Rate derer, die von einem Ende der Zinssenkungen ausgehen, nach der soeben veröffentlichten Netto-Kreditaufnahme der US-Bürger verändert hat. Ich sage nur:
Respekt! DAS muss man erst einmal nachmachen. Für uns Europäer unvorstellbar, für die Amerikaner Routine: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Die US-Bürger „pumpen“ sich fröhlich in den Ruin. Sparen? Brauch’ ich nicht.
10,3 Milliarden US-Dollar Netto-Neuverschuldung im Juni! Netto heißt, die zurückgezahlten Kredite sind bereits herausgerechnet. Die Prognosen lagen gerade einmal zwischen 3,7 und 4 Milliarden. Knapp daneben geschätzt. Und, um das Ganze noch ein bisschen fetziger zu machen: Der Mai-Wert wurde von zunächst 4,4 auf 5,9 Milliarden nach oben revidiert! Und dabei dachten alle, die 10,6 Milliarden vom April seien ein Einzelfall gewesen.
1.000 Dollar Neuverschuldung pro Nase!
Das ist absolut bar jeder Vernunft und zugleich ein dunkelrotes Alarmsignal erster Güte! Nun rekapitulieren wir mal: Im 2. Quartal kommen wir, zusammenaddiert, auf eine Neuverschuldung der privaten Haushalte um schlappe 26,8 Milliarden Dollar. Das ist, bei ca. 290 Millionen Einwohnern, ein knapper Tausender, der seitdem mehr auf den Schultern jedes US-Bürgers lastet, egal, ob er drei Wochen oder 90 Jahre alt ist.
Ei, wo ist denn das Geld hin, frage ich mich? Wieso ist denn dann das Bruttoinlandsprodukt im selben Zeitraum nur (zumindest nach der ersten Schätzung) um mickerige 2,6% gestiegen? Nicht, weil die Leute ihre Kredite in Geldkoffern in die Schweiz verschickt haben oder Gold und Geschmeide erwarben.
US-Bürger in der Schuldenfalle
Nein, es kommt deswegen so relativ wenig davon im Konsum an, weil die Bürger das Geld brauchen, um über die Runden zu kommen! Die Konsumwut der vergangenen Jahre hatte dazu geführt, dass die Unternehmen steigende Kosten auf die Preise umlegen konnten. Alles ist teurer geworden. Mehr, als die Lohnsteigerungen wettmachen können, denn:
Die Benzinpreise sind erheblich gestiegen, die Kreditzinsen sind gestiegen und vor allem natürlich die Hypothekenkosten. Stichwort variabler Zins. Ich hatte es ja ebenso wie Mr. Bonner bereits mehrfach angesprochen: In den USA sind lange Zinsbindungen außer Mode gekommen. Die meisten Zinssätze für Immobilienkredite gelten nur zwischen einem und fünf Jahren.
Je weiter die Zeit bei steigenden Leitzinsen fortschreitet, desto mehr Hausbesitzer geraten in die Zinsfalle. Denn ein nur um einen Punkt erhöhter Hypothekenzins bedeutet mehrere Jahre länger zu zahlen oder ein erhebliches Ansteigen der monatlichen Raten. In den USA kommt es immer regelmäßiger vor, dass Bürger Kredite aufnehmen, um andere Kredite bedienen zu können!
Auf der anderen Seite: So stark liegt der Konsum noch nicht darnieder, das deuten die Daten nicht an. Es scheint, als würde der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts weniger aus dem Einzelhandel herrühren als aus dem Investitionsgüterbereich. Um das genau zu erkennen, muss man die kommenden Wochen und Monate noch abwarten. Ein Problem für die Notenbank, wie oben bereits beschrieben.
Und morgen kommen dann am Nachmittag auch noch die Daten zur Produktivität. Ist diese im 2. Quartal deutlich gestiegen, würde sie ein Gutteil der relativ hohen Lohnsteigerungen ausgleichen und so die Inflationsdiskussion dämpfen. Erwartet wird aber leider nur ein Plus von 0,9 % nach noch 3,7% im Vormonat ... das wäre zu wenig, um zu beruhigen.