US-Konjunkturdaten: Und auf einmal haben alle wieder Angst
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte
vom 05. Januar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Und auf einmal haben wieder alle Angst. Kaum stellte man vorgestern fest, dass die US-Notenbank vor drei Wochen (anhand von Daten, die noch älter waren) feststellte, dass das US-Konjunkturwachstum doch schwächer sei als erwartet, blicken die Akteure auf einmal sorgenvoll auf die Konjunkturdaten, deren Niveauverfall in den Wochen zuvor niemanden interessierte.
Weil eben – es sei noch einmal geklagt - die Damen und Herren der Notenbank schließlich in ihrer unmittelbar nach der Sitzung herausgegebenen Presserklärung eben nicht gesagt hatten, dass sie dachten, die Konjunkturwachstum sei schwächer als erwartet. Das hätte man den Wall Street-Akteuren aber doch sagen müssen. Schließlich - entschuldigen Sie, aber ich interpretiere nur Kommentare der Börsenmedien und die Kursreaktionen, die ich vor mir sehe – die Akteure offenbar zu dämlich sind, sich selbst Gedanken zu machen.
Diese gerade mit Blick auf die ausgerechnet jetzt unter dem Strich wieder etwas bessere Datenlage irrationale und dümmliche Denkweise führte dazu, dass die US-Aktien gestern ab 16:00 Uhr erst einmal weiter in die Knie gingen, nachdem die wichtigen Wirtschaftsdaten des Tages auf dem Tisch lagen.
Erstanträge keine Indikation für die heutigen Dezember-Daten
Den Anfang machten allerdings um 14:30 Uhr die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Normalerweise wenig beachtet, mit Blick auf die heute anstehenden Dezember-Arbeitsmarktdaten aber einen Blick wert. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg um 10.000 auf 329.000 – das ist immer noch im Rahmen des Normalen und indiziert nicht, dass die Schwäche des Immobilienmarkts bereits den Arbeitsmarkt erfasst hat. Eine normale Lage am Arbeitsmarkt zeigt auch die Zahl der Arbeitslosenhilfe-Empfänger insgesamt. Hier fiel das Niveau in der Vorwoche um 16.000 auf 2,48 Millionen. Aber: Dies ist nur ein Bausteinchen des Gesamtbildes. Es mag als Indiz für die heutigen Monatsdaten dienen, aber taugt nicht als Vorhersage. Überraschungen sind also nie auszuschließen!
US-Auftragseingänge enttäuschen
Es folgten die US-Auftragseingänge für die Industrie im November. Alte Daten, zweifellos, aber immer eine gute Vergleichsbasis für die Auftragseingänge langlebiger Wirtschaftsgüter aus der Vorwoche. Beide Daten zusammen ergeben ein recht gutes Bild der Lage – zumindest bis Ende November.
Die Auftragseingänge stiegen mit +0,9% weniger deutlich als erwartet. Nach dem starken Einbruch um -4,7% im Oktober hatte man auf eine größere Gegenbewegung um +1,5% gehofft. Interessant vor allem, dass die Kernrate gefallen ist. Rechnet man den volatilen Transportbereich heraus, fielen die Auftragseingänge im November um -0,5%. Für den Bereich langlebiger Wirtschaftsgüter wurde die vor zwei Wochen noch mit +1,9% angesetzte Wert auf +1,6% nach unten korrigiert. Keine guten Zahlen, aber sie passen durchaus in das aktuelle Gesamtbild.
US-Dienstleistungssektor wächst weiter ... aber mit gebremstem Tempo
Der US-Einkaufsmanager-Index für den Dienstleistungssektor (ISM Services) kam für Dezember mit 57,1 heraus. Das indiziert zwar immer noch deutliches Wachstum. Nachdem die Anleger aber auf einmal schreckhaft geworden sind, wurde auch dies als schlechte Nachricht wahrgenommen. Dabei lag dieser Wert durchaus am unteren Ende des Erwartungsrahmens, der zwischen 57 und 58 gelegen hatte.
Gegenüber November ist dies zwar ein Rückgang (da lag der Wert bei 58,9), aber das war auch ein sehr hohes Niveau gewesen. Allerdings sind es zwei Unterindizes, die durchaus Sorgen machen können: Die Preiskomponente stieg deutlich von 55,6 auf 59,1. Gerade der Rückgang der Preise und damit des Inflationsdrucks war es ja noch vorgestern gewesen, der im ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe für besonderen Beifall sorgte. Mit dieser Zahl sieht das Bild schon anders aus. Ebenfalls weniger erfreulich war der Rückgang der Auftragseingänge von 57,1 auf 54,4.
Die Zweifel bleiben
Es bleibt angesichts solcher so konträren Daten für den selben Zeitraum aber weiterhin die große Frage, welchen Aussagewert solche Zahlen wirklich haben. Kann es denn sein, dass im selben Land zur selben Zeit die Auftragseingänge im Dienstleistungssektor deutlich fallen und im verarbeitenden Gewerbe deutlich steigen? Ab und an mag der Zufall dies zulassen. Aber wir sehen in den letzten Monaten so oft seltsame und widersprüchliche Daten, dass ich mich nicht wundern würde, wenn die USA in einer Rezession landen ... und wir es erst ein halbes Jahr später erfahren. Denn wenn man weder auf die Aussagen von Statistiken noch auf die Statements der Notenbank vertrauen kann ... muss man dann selbst Umfragen starten, um die Fakten zu erkennen?
Dazu passt, dass gestern mehrere große US-Handelsketten schwächer als erwartet ausgefallene Dezember-Umsätze meldeten. Die gesamten Einzelhandelsumsätze kommen erst noch ... aber woher kommen denn diese plötzlichen Meldungen einen schlechten Weihnachtsgeschäfts? Sind nicht eben diese Aktien vor zwei Wochen auf positive Umsatzmeldungen hin noch gestiegen? Ich frage mich wirklich: Was sind diese Daten noch wert?
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt