US-Einzelhandelsumsätze unter den Erwartungen
Von Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 11. Mai 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Liebe Leser, in diesem Bereich finden Sie immer Montags eine Vorschau auf diejenigen Konjunkturdaten, die wirklich für die Börsen relevant sein werden. Diese werden von mir, sobald sie auf dem Tisch liegen, ausführlich erklärt und deren Bedeutung kommentiert. An Tagen ohne bedeutsame Daten finden Sie hier jeweils eine Erläuterung interessanter Konjunkturdaten, können sich also letztlich so ein kleines "Konjunkturdaten-Lexikon" zusammenstellen.
US-Einzelhandelsumsätze unter den Erwartungen
Die US-Einzelhandelsumsätze für den Monat April wurden heute um 14:30 als erste wichtige Konjunkturzahl nach der gestrigen US-Notenbanksitzung veröffentlicht. Die Gesamtrate fiel mit +0,5% ebenso wie die Kernrate (ohne Kraftfahrzeuge) mit +0,7% schwächer als erwartet aus (Prognosen +0,8-0,9% für die Gesamt- und +0,9-1,1% für die Kernrate). Kurz danach wurden zudem die Lagerbestände der Unternehmen veröffentlicht, die mit +0,7% ebenfalls auf eine Abschwächung der Konjunktur hindeuteten (Prognose +0,5%). Da es sich bei letzteren um Daten aus dem März handelt, sind diese Zahlen aber für den Markt momentan weniger wichtig.
Die Einzelhandelsumsätze wurden als Bestätigung dafür gesehen, dass die US-Notenbank ganz bewusst das Wörtchen „noch“ in ihr Statement eingefügt hatte (siehe oberer Bericht) und sorgten zunächst für steigende Aktienfutures im vorbörslichen Handel. Eine Abschwächung der US-Wirtschaft würde eine Fortsetzung der Leitzinsanhebungen durch die Notenbank unnötig machen und damit verhindern, dass weiter steigende Zinsen den Anleihemarkt zu einer attraktiven Konkurrenz für Aktien werden lassen. Denn dergleichen Kapitalabflüsse weg vom Aktienmarkt hin zu Anleihen würde, gerade nach einem derart langen Anstieg des Aktienmarkts, zu einem scharfen Rückschlag der Kurse führen. Aber jede Münze hat zwei Seiten:
Der Nachteil dieser Konjunkturdaten ist nun einmal, dass sie in erster Linie bedeuten, dass der US-Einzelhandel weniger umsetzt und damit in der Folge weniger als erwartet verdient. Und das ist schlecht für die Aktienkurse, deren angemessenes Niveau (so dies denn überhaupt realistisch möglich wäre) vor allem über die Gewinnsteigerungen der Unternehmen gemessen wird. Somit konnten sich die Märkte nicht allzu lange über eine möglicherweise beendete Phase der Zinsanhebungen freuen – die Aussicht auf schwächere Unternehmensgewinne drückte den Aktienmarkt zügig ins Minus. Hieraus erkennen Sie einen ganz wichtigen Aspekt:
Einzelne Daten haben in aller Regel nur eine sehr begrenzte Wirkung, die von einigen Stunden bis zu ein paar Tagen reichen kann. Mittel- und langfristig ist aber das Gesamtbild entscheidend, das sich aufgrund der Vielzahl der Einflussfaktoren erst nach und nach offenbart und – das ist das Schicksal der Börsen und die Basis permanenter Kursbewegung – zum Zeitpunkt ihrer Offenbarung schon wieder Schnee von gestern ist. Die Börse spielt immer die – naturgemäß im dunklen liegende – Zukunft. Was für heute hieß: Daten zur Kenntnis nehmen, abhaken und auf die nächsten Daten warten. Immer im Hintergrund: Die drohenden Wolken u.a. seitens der steigenden Rohstoffpreise, deren Auswirkungen auf die Märkte ich Ihnen morgen vorstellen werde.