US-Arbeitsmarktdaten sind kein Hinweis auf eine US-Zinserhöhung
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 06. September 2004 18:00 Uhr
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Ich muss zum Investor's Daily vom Freitag noch einen Nachtrag liefern: Ich hatte geschrieben, dass die Zahl der neu geschaffenen Stellen im Vormonat (Juni) bei 32.000 gelegen hatten. Das stimmte auch, das war die Anfang August prognostizierte Zahl. Allerdings wurde diese Zahl am Freitag nach oben revidiert und zwar auf 73.000 Stellen. Da ich nur auf die neuen Zahlen geachtet hatte, war mir das entgangen. In diesem Fall ist der Unterschied zwischen der Prognose und der endgültigen Zahl allerdings derart signifikant, dass ich darauf hinweisen wollte.
Nimmt man also die zwei Monate zusammen ergibt sich ein Schnitt von 108.000 Stellen je Monat und nicht 88.000, wie ich am Freitag geschrieben hatte.
Es ändert jedoch nicht wirklich etwas daran, dass die Zahlen nicht sonderlich gut waren. Zumindest auf dem zweiten Blick.
Bei der Betrachtung der langfristigen Entwicklung wird bei den neu geschaffenen Stellen in den USA der Dreimonatsschnitt herangezogen, eben weil dieser Wert so volatil ist. Und im Dreimonatsschnitt sinken die Zahlen seit Mai dieses Jahres und zwar nach meiner Berechnung von dem Höchstwert: 312.000 im Mai, auf 226.000 im Juni auf 129.000 im Juli und auf 98.000 im August – das dritte Mal in Folge.
Geglättet befinden wir uns also noch in einem intakten Abwärtstrend. Doch auch ungeglättet sind 144.000 neu geschaffene Stellen einfach zu wenig. Um für die Konjunktur positive Signale zu generieren, muss im Schnitt (!) mindestens ein Wert von über 150.000–200.000, manche nennen sogar Werte von 250.000 neue Stellen je Monat geschaffen werden. Generell sollten Sie bedenken, dass die Arbeitsmarkt-Zahlen im vierten Quartal aufgrund des Weihnachtsgeschäftes anziehen.
Die Märkte feierten die Zahlen, als wäre Ihnen ein Wunder geschehen. Der US Dollar stieg, weil nun doch mit einer Zinserhöhung gerechnet wird. Und auch die Märkte spielten mit dem Thema Zinserhöhnung.
Sicher, es kann sein, dass im September die US-Zinsen weiter angehoben werden, ich rechne nur immer noch nicht damit. Im Gegensatz zu der Ansicht mancher Analysten sind die Zahlen vom Freitag bis jetzt immer noch eher ein Hinweis darauf, dass die Zinsen NICHT gesenkt werden, da die Konjunktur schwächelt und der Arbeitsmarkt nicht auf die Füße kommt. Das kann man drehen und wenden wie man will.
Dabei ist das ganze sowieso schizophren genug: Sofern Sie bullish investiert sind, dann sollten Sie eigentlich schlechte Nachrichten begrüßen, denn dann sinkt die Chance einer Zinserhöhung und die Chance auf anziehende Märkte steigt. Nur, schlechte Nachrichten bedeuten gleichzeitig auch, dass es der US-Wirtschaft nicht so gut geht, wie man es als Bulle gerne hätte. Was soll man sich als Bulle also wünschen?
Und so stehen die Bullen auf ihrer Bullenkoppel und wiegen ihren Kopf im Takt dieser Nachrichten hin und her, verdrehen die Augen und verwirren sich mit seltsamen Gedanken á la Greenspan: Die aktuelle Abschwächung der Konjunktur ist lediglich eine Konjunkturdelle in einem Aufwärtstrend. Solange die Zinsen nur moderat erhöht werden, wird die Konjunktur bald wieder kräftiger wachsen. Natürlich nur, wenn der Ölpreis oder andere geopolitische Faktoren keine Einfluss nehmen und der US-Immobilienmarkt stabil bleibt. Dieser wird allerdings durch niedrige Zinsen weiter mit der Gefahr einer Überdehnung konfrontiert, solange der Markt über niedrige Zinsen motiviert wird.
Es drängt sich der Eindruck auf: Irgendwo ist da eine riesige Luftnummer versteckt.
Nur, Luftnummern haben die Angewohnheit sehr akrobatisch werden zu können, bis sie zerplatzen. Das haben wir im Jahre 2000 alle am eigenen Leibe erlebt. Aus diesem Grund befinde ich mich im schizophrenen Bärenlager und ziehe mir bis zum Ende des Jahres eine Bullenkappe übers Bärenfell ...
Da heute der Labor Day in den USA begannen wird, schläft gerade der deutsche Markt ein. So kann ich mich um all die liegengebliebenen Aufgaben kümmern: Steuerberater ärgern, Korrespondenz beantworten, Abos ab- und anmelden und die leidige Ablage aufarbeiten.