US-Aktien: alles verdächtig ruhig ...
Kapitalschutz Akte zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 20. November 2006 07:30 Uhr
ENL5454
von Ronald Gehrt
Der Verfalltermin für Optionen auf Aktien und Indizes in November-Laufzeit zeigte Wirkung. So schoss der Dax am Freitag zum Zeitpunkt der Abrechnung der Index-Optionen gegen 13 Uhr auf ein neues Fünfjahreshoch. Gleiches passierte bei den US-Indizes zur Sitzungsmitte ... nachdem dort die runden Marken 12.300 im Dow Jones, 1.400 im S&P 500 und 1.800 im Nasdaq 100 angelaufen wurden. Typische Basispreise (Strikes) für Put-Positionen, die dadurch quasi in letzter Minute ihren Wert verloren. Gut für diejenigen, die diese Optionen geschrieben (verkauft) hatten ... und diese so genannten „Stillhalter“ sind, wie oben bereits angedeutet, nicht die normalen Privatanleger, sondern institutionelle Investoren mit entsprechender „financial power“.
Wer Calls verkauft hatte, konnte hier ohnehin nicht mehr dagegen halten, denn nach einer solchen Aufwärtsbewegung lagen fast alle Basispreise so weit unter dem aktuellen Stand, dass da nichts mehr zu machen war. Die Rallye der vergangenen Tage kann also zu einem Gutteil auf diesen Verfalltermin zurück zu führen sein – der nun hinter uns liegt. Es stellt sich die Frage, was diejenigen mit ihren neuen Beständen auf diesem Kursniveau tun werden, die als vormalige Call-Besitzer nun ab Dienstag/Mittwoch Aktien ins Depot gebucht bekommen, die auf Rekordniveaus notieren.
Es ist jedoch fraglich, ob der Versuch, diese Aktien auf dem erfreulich hohen Niveau abzustoßen wirklich entscheidende Auswirkungen haben wird. Sehr viele Akteure pflegen auslaufende Positionen zeitgerecht im Vorfeld zu „rollen“, also in die nächste Laufzeit zu transportieren. Das bedeutet, dass hier nur Optionen umgeschichtet werden, aber keine Aktien geliefert werden, die verkauft werden könnten. Wie hoch dieser Anteil diesmal war, lässt sich nicht abschätzen – wie werden es ab Wochenmitte sehen.
Aktuell sieht es – verdächtig – ruhig aus ...
Auch die im oberen Abschnitt angeführten Aspekte bedeuten nicht unmittelbar negativen Einfluss. Das Öl wird nicht gleich in drei Tagen senkrecht nach oben laufen (vermutlich), Gewinnwarnungen sind so früh selten und die laufende Woche birgt nicht allzu viele neue Konjunkturdaten.
Externe, negative Einflüsse, die den Aufwärtsdrang der US-Indizes behindern könnten, sind also in den kommenden Tagen weniger zu erwarten. Doch nicht selten beginnt gerade dann eine Korrektur, denn:
So lange das Umfeld noch positiv ist, fällt es vermeintlich leichter, Gewinne zu realisieren, weil noch genug Käufer da sind und so gute Kurse erzielt werden können. Das werde ich in den kommenden Tagen engmaschig beobachten – gerade im sensibelsten Bereich, dem Nasdaq 100. Denn sollten die Kurse ohne externen Druck zurückkommen, wäre dies ein sehr klares Signal dafür, dass dem Markt auf diesem Level die Kaufinteressenten ausgehen. Warten wir es mal ab.
Aktuell zeigen sich die Aktienmärkte jedenfalls noch unbeeindruckt von negativen Impulsen von außen und schwindelfrei ob der erreichten Kurshöhen.
Marken für Korrekturstart klar fixierbar
Der Standard & Poors 500 läuft innerhalb seines steilen, im Juli begonnenen Aufwärtstrendkanals unvermindert aufwärts. Und wenngleich die Markttechnik langsam auch im mittelfristigen Zeitfenster überhitzt ist ... es sind noch keine Hinweise auf eine endgültige Übertreibungsphase zu sehen. So haben z.B. die abgebildeten Umsätze mit den steigenden Kursen nicht wirklich mitgezogen, aber:
Eine solche Explosion der Umsätze ist meist ein Hinweis auf das endgültige Ende eines mittel- bis langfristigen Trends. Das war z.B. in 2000 bei der Wende nach unten und Anfang 2003 bei der Aufwärtswende zu sehen. Für eine „normale“ Korrektur von 5-10% muss das nicht auftreten – ebenso wenig wie eine charttechnische Trendwendeformation.
Wichtig ist hier die Kurszone 1.375 bis 1.382. Hier schneiden sich 20 Tage-Durchschnitt, die untere Begrenzung des Aufwärtstrendkanals und die obere Begrenzung des längerfristigen Trendkanals, der im August 2004 begann. Erst, wenn diese Kreuzunterstützung durchbrochen wird, ist mit einer nennenswerten Abwärtsbewegung zu rechnen, deren erste Zielzone dann bei den Mai-Hochs um 1.326 liegt.
Beim Dow Jones sieht das Bild vergleichbar aus. Hier hat zwar der Trendkanal ab und an den Steigungswinkel gewechselt – aber das ist Makulatur. Auch was die markttechnischen Indikatoren anbelangt. Deren Kauf- oder Verkaufssignale auf hohem Niveau sind isoliert betrachtet nur Dekoration, so lange nicht die Charttechnik bestätigende Fakten schafft. Hier sehen Sie, dass die entscheidende Linie knapp unter 12.200 verläuft. Sollte dieses Niveau klar unterboten werden (Schlusskurs 11.150 oder tiefer), ist mit einem Rücksetzer in den Bereich 11.620 bis 11.750 zu rechnen, also in den Bereich der Mai 2006-Hochs und des bisherigen Rekordhochs aus dem Jahr 2000 – vorher nicht.
Für den Nasdaq 100 liegt diese Entscheidungszone zwischen 1.740 und 1.762. Die schon seit Wochen in der Überhitzungszone stehende RSI-Indikation deutet zwar an, dass eine Korrektur langsam überfällig ist. Aber nachdem der Index als letzter der „Großen Drei“ neue Jahreshochs erreichen konnte, wäre ein Pullback an dieses Ausbruchslevel um 1.760 nurmehr normal. Das kann auch mal ein paar Punkte darunter gehen. Man muss daher gerade hier aufpassen, nicht zu früh das Bärenfell überzustreifen. Erst ein Nasdaq 100 klar unter 1.740 und S&P 500 und Dow Jones unterhalb ihrer kurzfristigen Trendkanäle wären ein Signal, weitere Positionen im Aktiendepot abzubauen!
Die letzten Bären scheinen zu verzweifeln ... ein interessanter Hinweis
Ein Aspekt fiel mir in diesen Tagen auf: Wenn gar keiner mehr damit rechnet, kommt die Korrektur meistens doch. Vor allem, wenn externe Gründe dafür fehlen, dass es ausgerechnet jetzt passieren soll. Hinzu kommt, dass der Anteil bullisher Investoren jetzt hierzulande ebenso wie in den USA in den letzten zwei Wochen zugenommen hat.
Nimmt man die neutralen Einschätzungen heraus, liegt die Relation jetzt ganz grob bei knapp 2,5:1. Das ist relativ viel. Und das rührt nicht zuletzt daher, dass viele Bären, die bereits seit Wochen (oder Monaten) immer und immer wieder vergeblich Short gegangen sind, endgültig aufgegeben haben. Die verbliebene Schar beginnt hingegen mit seltsamen Indikationen zu hantieren: Sternkonstellationen, uralte Indexrelationen wie Dow Jones versus Dow Transport-Index, Gann-Gitter etc. Ich bin gespannt, was diese Woche passiert ....
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt


