Update zu Griechenland
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 2. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
gerne würde ich heute über ein angenehmeres Thema schreiben, aber es kommt eben selten vor, dass ein europäisches Land kurz vor dem Abgrund steht. Da am Freitag dieser Woche der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou in Berlin erwartet wird, dürften wir bereits Anfang nächster Woche wissen, mit welchen "unorthodoxen Maßnamen" das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit Griechenlands wieder hergestellt wird. Denn eins können Sie mir glauben: In dieser Union wird keiner fallen gelassen. Nichts solange die deutschen Ackermanns ihre Bücher voller griechischer Bonds haben....
„Berlins Schuldenmanager [gemeint ist der Geschäftsführer der deutschen Finanzagentur GmbH, Carl Heinz Daube, Anm. d. Verf.] warnt vor dem Ende des Euros", titelte die FTD am 25.02.10:
"Sollte eines der 16 Euro-Mitgliedsländer pleite gehen, würde das gesamte System zusammenbrechen".
Und da alle gut ausgebildeten deutschen Bank-MBAs und CEOs großteils regelmäßig die FTD lesen, kam auch prompt einen Tag später diese Nachricht über den „Äther“:
„Exklusiv: [...] Dem Mittelmeeranrainerstaat droht eine Verschärfung der Finanzkrise. Mehrere Geldinstitute halten Investments in Ouzo-Bonds für zu riskant und lassen es deshalb lieber. Schließen sich weitere Banken an, wird Griechenlands Geldnot weiter wachsen. Die beiden wichtigsten deutschen Staatsfinanzierer, Eurohypo und Hypo Real Estate, kündigten an, bei der bevorstehenden Finanzierungsrunde keine neuen Griechenlandbonds mehr zu zeichnen. Auch die Postbank wird nach FTD-Informationen kein frisches Geld in dem Mittelmeerland investieren. Die Deutsche Bank will nur noch als Investmentbank bei der Platzierung von Anleihen mitwirken - und nicht mehr selbst Geld in griechischen Staatspapieren anlegen.“
Ich frage mich ja, was die Damen und Herren, welche bei den aufgeführten Banken für den Eigenhandel zuständig sind, die ganzen letzten Jahre getan haben.
Lief es etwa so ähnlich ab?
“Hey Joe, haste gehört.... die Griechen können nicht mehr zahlen. Das trifft uns völlig unvorbereitet. Ist definitiv ein Black Swan. Konnten unsere Super-Computer einfach nicht vorhersehen. Und weißte was... die schreiben sogar, dass der Euro auseinanderbrechen könnte. So ein Quatsch. Mann, bin ich froh, dass wir unser Portfolio mit Spanien- und Italien-Anleihen sowie Pfandbriefen der deutschen Lebensversicherer diversifiziert haben...“
Eigentlich läuft doch alles prima für die deutschen Banken und Versicherungen. Da aller Voraussicht nach die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau zusammen mit der französischen Caisse des Depots griechische Anleihen aufkaufen wird oder zumindest private Institute mit Garantien dazu bewegen könnte, braucht wirklich niemand nervös zu werden...
Woher das Geld letztendlich kommen wird? Über so unwichtige Dinge sollten Sie sich bitte jetzt keine Gedanken machen. Solange unsere Steuer- und Abgabequote noch nicht die magische Grenze von 80% erreicht hat, haben Herr Schäuble und sein Ministerium mein vollstes Vertrauen.
Wir sollten unseren Blick stattdessen lieber nach Übersee, genauer gesagt nach New York, richten. Dort trafen sich in lustiger Runde u.a. die Hedge Fond Manager David Einhorn, George Soros und Aaron Cowen, um über Strategien zu beraten, wie sie von der Verwerfungen der europäischen Währungsunion profitieren können. Und sie stellen eine mutige Prognose auf:
„Der Euro könnte mittelfristig auf Parität [d.h. 1:1, Anm. d. Verf.] zum Dollar fallen.“
Ich bin sogar noch mutiger:
Der Euro und der Dollar werden in gar nicht so ferner Zukunft in Parität zu „Sanft & Sicher“, „Kokett“ und sonstigen Klopapiermarken fallen.
Aber kommen wir zurück zu den (natürlich politisch korrekt stets bösen) Hedgefonds. Es ist ja schon ein ganz "mieses Ding", dass diese tatsächlich versuchen, im Zeitalter flexibler Wechselkurse von Währungsschwankungen der ungedeckten Papierwährungen zu profitieren. Wo kämen wir denn dahin, wenn das jeder machen würde? Und es konnte ja wirklich keiner wissen, dass der Euro zu einer Weichwährung verkommen könnte. Doch was werden wohl die deutschen Zeitungen wieder an Desinformation schreiben, wenn der Euro immer weiter fällt?
BLIND-Titel:
„Amerikanische Heuschrecken stürzen Griechenland und die gesamte europäische Union ins Verderben. BLIND-Experte Dr. Horst Frick [Name rein zufällig gewählt, Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen nicht beabsichtigt, Anm. d. Red.] sagt, wie Sie ihr Geld retten können“.
oder vielleicht eher etwas "niveauvoller" verpackt (jedoch der gleiche Unsinn):
„Parität zum Dollar verschafft der deutschen Exportpolitik einen Wachstumsschub"
„Inflation steigt trotz steigender Rohstoff-in Euro-Preise nicht an“
„Das statistische Bundesamt stiftet mehrere Stipendien für den ersten Lehrstuhl für öffentliches Erwartungsmanagement" ( = Propaganda)
Wie dem auch sei, egal ob mit Bail-Out Griechenlands oder ohne - Der Euro wird in den nächsten Monaten höchstwahrscheinlich weiter unter Druck bleiben und vermutlich gegenüber Ben Bernakes Druckpapier weiter abwerten. (Aber die Briten haben wir wenigsten hinter uns gelassen. Wenigstens ist dieser Teil der Welt noch in Ordnung, wenn es schon mit der Sonnenliege im Balearen-Urlaub nicht immer klappt...)
Was also tun gegen die Euro-Schwäche? Warum fragen wir nicht einen von diesen bösen Hedge Fonds Manager um Rat. Herr Soros, Sie haben das Wort:
„Der Euro ist eine einzigartige Konstruktion, deren Lebensfähigkeit jetzt auf dem Prüfstand steht. Otmar Issing , einer der Väter der Gemeinschaftswährung, hat das Prinzip treffend benannt, auf das sie sich stützt: Der Euro solle eine Währungsunion werden, keine politische Union. Die beteiligten Staaten haben eine gemeinsame Zentralbank eingerichtet, aber sie haben ausdrücklich darauf verzichtet, das Recht, Steuern zu erheben, an eine gemeinsame Behörde zu übertragen. Dieses Prinzip in Artikel 125 des Vertrags von Maastricht wird seitdem vom deutschen Verfassungsgericht sehr streng ausgelegt.
Es ist jedoch offenkundig fehlerhaft. Eine richtige Währung braucht eine Zentralbank und ein Finanzministerium. Das Finanzministerium muss nicht alle Steuern erheben, aber es muss in Krisenzeiten bereitstehen. Wenn das System vor dem Kollaps steht, kann die Zentralbank Liquidität bereitstellen, aber nur ein Finanzministerium kann mit Solvenzproblemen umgehen.
[...] Der Absturz 2008 hat einen Schwachpunkt in seiner Konstruktion deutlich gemacht, als jeder Mitgliedsstaat sein eigenes Bankensystem retten musste, anstatt es gemeinsam zu tun. Mit der griechischen Schuldenkrise haben die Probleme ihren Höhepunkt erreicht. Wenn die Mitgliedsstaaten nicht die nächsten Schritte machen, droht der Euro auseinanderzubrechen, mit negativen Folgen für die EU.
[...] Die effektivste Lösung wäre es, gemeinsam und einzeln garantierte Eurobonds auszugeben, um sagen wir 75 Prozent der fälligen Schuld abzudecken, solange Griechenland die vereinbarten Ziele einhält. Griechenland müsste sich um die restliche Finanzierung kümmern. Die Finanzierungskosten würden erheblich sinken. Der Mechanismus entspräche dem des IWF, der seine Darlehen tranchenweise auszahlt, solange die Bedingungen erfüllt werden.
Aber dies ist politisch nicht machbar, weil Deutschland in seiner Weigerung, für seine verschwenderischen Partner tief in die Tasche zu greifen, unerbittlich ist.
[...] Eine provisorische Unterstützung wird also reichen, um Griechenland zu helfen, aber was ist mit Spanien, Italien, Portugal und Irland? Zusammen bilden sie eine zu große Gruppe innerhalb der Euro-Zone, um ihnen mit behelfsmäßigen Stützen zu helfen. Selbst wenn Griechenland überlebt, ist die Zukunft des Euro ungewiss.
[...] Was gebraucht wird, ist klar: eine aggressivere Aufsicht und institutionelle Lösungen für Hilfen, die an Bedingungen geknüpft sind. Zudem wäre ein gut organisierter Eurobond-Markt wünschenswert. Die Frage ist, ob der politische Wille, der für diese Schritte erforderlich wäre, erzeugt werden kann.
Ich kann Herrn Soros stets rein uneigennützigen Ideen (ohne böse oder gar listige Hintergedanken seinerseits) natürlich nur zustimmen. Mit einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung könnte die EU endlich die so dringend benötigte Klimasteuer von uns immernoch viel zu reichen Bürgern abschöpfen, in ganz Europa die bargeldlose Gesellschaft einführen und die Bürger vor den hochgefährlichen Edelmetallen (z.B. durch Konfiszieren) schützen.
Schöne neue Welt, ich freue mich auf dich!
Beste Grüße
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Leonore Graeve (02.03. 2010 19:15 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, danke für die vielen gelungenen Artikel! Wenn sie - wie dieser - auch gruselig klingen, so geben sie doch einen Vorgeschmack auf das was noch kommen kann und wohl auch in großen Teilen kommen wird. Beruhigend, dass es so kritische Stimmen gibt, erschreckend, dass sich darunter keine Politiker befinden. Ihr Börsenbrief ist hervorragend: vielseitig, informativ , etwas zynisch (finde ich gut)und hilfreich in dieser turbulenten Zeit! Viele Grüße L.G.
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (03.03. 2010 10:21 Uhr):
Sehr geehrte Frau Graeve, herzlichen Dank für Ihr Feedback. Es freut mich, wenn Ihnen Investoren Wissen zusagt. Natürlich muss nicht alles so kommen, wie von mir prognostiziert, doch die Zeiten momentan sind wahrhaft interessant und möglich ist leider sehr vieles an verschiedenen Endergebnissen dieser Krise... Herzliche Grüße Alexander Hahn
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