Unverdiente Gewinne
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 16. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Seit seinem Tief am 11. März hat der Dow Jones über 20 % zugelegt ... der S&P 500 bringt es für den gleichen Zeitraum auf 23 % Plus, der Nasdaq-Composite auf rund 28 % Zuwachs.
Normalerweise werden 20 % als ausreichend angesehen, um einen Markttrend zu wechseln – in diesem Fall vom Bärenmarkt hin zum Bullenmarkt. Aber zumindest ich stelle die Frage: Haben wir wirklich einen neuen Bullenmarkt?
Ich habe damit meine Pflicht getan und diese Frage gestellt. Leser(innen) des Invesor's Daily mit wenig Zeit erspare ich den weiteren Spannungsaufbau und komme direkt zu meiner Antwort: Nein.
"Das wirkliche Problem mit unserer Welt ist nicht, dass sie vollkommen unvernünftig wäre", das schrieb einmal der berühmte Historiker G.K. Chesterton, "oder vollkommen vernünftig. Am meisten Ärger gibt es deswegen, weil sie fast vernünftig ist – aber nicht ganz. Das Leben ist nicht unlogisch; aber für Logiker ist es eine Falle. ( ...) Die Exaktheit ist offensichtlich, aber die Unexaktheit ist verborgen ..."
Mit anderen Worten: Die Welt sieht oft so aus, als ob sie mit mathematischer Präzision funktionieren würde, aber die "Realität" sieht oft anders aus als kalkuliert. Meine Meinung zu diesem Thema habe ich Ihnen an dieser Stelle schon oft aufgedrängt: Angesichts des Mangels an Sicherheit in der Welt können wir Dinge nur durch Analogien erkennen.
Eine konkrete Analogie wäre Japan – die beste mögliche Erklärung für die Entwicklung der heutigen Aktienmärkte. Nachdem der japanische Aktienmarkt 1989 kollabiert war, legte der Nikkei in den folgenden Jahren 5 separate Rallys mit jeweils mehr als 25 % Kursplus hin. Trotzdem machte er letztlich seinen Todesmarsch weiter. Trotz der Rallys haben die japanischen Aktien in diesem 14-Jahres-Zeitraum rund 80 % ihres Wertes verloren.
Österreichische Volkswirte haben eine Erklärung für solche kurzfristigen Aufwärtsbewegungen in einem sonst abwärts gerichteten Markt gefunden:
"Die plötzliche Politik des knappen Geldes, die die Fed im Juni 1999 einführte, hat wahrscheinlich den aktuellen Bärenmarkt begründet", erklärt Frank Shostak. Die Leitzinsen erreichten im Mai 2000 6,5 %, aber der AMS-Indikator fiel scharf (dieser Indikator ist ein österreichisches Maß für das Angebot an Geld)."
"Jetzt hat der AMS-Indikator seit Jahresanfang einen scharfen Rebound hingelegt", so Shostak weiter. "Die jährliche Wachstumsrate ist von 1 % im Januar auf 5,5 % im Mai gestiegen ... (was) für die Aktienkurse von diversen unproduktiven Aktivitäten eine starke Unterstützung sein sollte – auf Kosten von vermögensgenerierenden Aktivitäten."
Mit anderen Worten: Wegen der neuen Leidenschaft der Fed, Geld zu drucken, könnte zu dramatisch steigenden Aktienkursen führen – aber die Gewinne blieben ... nun, unverdient.
Tatsache ist, dass die jüngste Erholung am Aktienmarkt das durchschnittliche KGV der S&P 500-Titel (auf Basis bereits gemeldeter Gewinne) auf 34 im Mai erhöht hat ... nach 33 im April. Das bedeutet, dass das KGV nicht zum historischen KGV (Shostakt nennt einen Wert von 18) hinpendelt ... sondern in die entgegengesetzte Richtung.