Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Frankreich
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 21. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
"Wir beten für die, die wegen ihrer Arbeit nicht in Urlaub fahren können ..."
Eine Fürbitte aus der Messe letzten Sonntag in St. Marcial in Lathus
Zwischen Fürbitten für die Toten und die Sterbenden ... kam diese kuriose Fürbitte für diejenigen, die unter der schweren Last arbeiten, dass sie sich nicht ihren üblichen Sommerurlaub leisten können. Kaum ein Sonntag geht vorbei, in dem man in der Messe in St. Marcial nicht an die Unglücklichen erinnert wird, die in Frankreich keine Arbeit finden können; das war das erste Mal, dass man Bedauern für die haben sollte, die zuviel Arbeit haben.
Sobald wir uns an die schwarze Nacht einer Schlechtigkeit gewöhnt haben, kommen die Strahlen des ersten Tageslichts. Was könnte schlimmer sein, als nicht einen Monat Sommerferien zu haben, frage ich mich um Mitternacht? Mittags kommt die Antwort: Ein Leben, das nur aus Freizeit besteht.
Wer verdient meine Gebete, frage ich mich: Der Mann, der sich mitten in der Nacht darüber aufregt, dass er keinen Sommerurlaub hat ... oder der Mann, der morgens verzweifelt ist, weil er keine Arbeit hat?
Oder verdient der moderne Realist meine Gebete, der weder die Schwärze der Nacht noch die Helligkeit des Tages sieht, da ihm das Weiß und das Schwarz egal sind?
Jeder vernünftige Mensch weiß, dass sich die Erde dreht. Ein solcher Mensch weiß, dass es in fast allen Bereichen – Aktienmärkte, Politik, Natur – eine beobachtbare Tendenz hin zum Durchschnitt gibt. Das bringt diesen Menschen dazu, seinen Enthusiasmus zu bezügeln. Aktien mit einem KGV von 200 können bei einem abendlichen feierlichen Kerzenlicht attraktiv sein; aber in der hellen Sonne des folgenden Tages könnte das nicht mehr der Fall sein.
Wenn dieser Mensch ein Optimist ist, dann begrüßt er die Möglichkeit, die Nacht genießen zu können, in dem Wissen, dass er auch den Tag genießen wird, wenn er vor dem Frühstück wieder geht. Wenn er ein realer Pessimist ist, dann wird er die ganze Angelegenheit als Zeitverschwendung abtun.
Sowohl die Franzosen als auch die Amerikaner halten sich für etwas Besonderes. Ich verneine nicht, dass sie verschieden sind. Au contraire, ich genieße diese Unterschiede täglich. Aber es stimmt auch, dass sie sich in vielen Bereichen sehr ähnlich sind; beide können die Welt nicht stillstehen lassen.
"Die Rolle des Staates war seit dem 17. Jahrhundert (in Frankreich) fundamental, was ich sehr bewundere", sagte Jean-Luc Lagardère, kurz bevor er letztens gestorben ist.
"Als wir unseren Staat organisierten, da hatten wir die Idee, dass dieser Staat nicht nur für Frankreich ein Modell sein sollte, sondern für die gesamte Welt", fügt Charles Pasqua hinzu, ein früherer gaullistischer Minister.
Die Franzosen waren auf ihre "Zivilisation" so stolz, dass sie sie dem Rest der Welt anboten. Der zentralisierte Wohlfahrtsstaat kam im Frankreich der 1930er unter Léon Blum ein großes Stück vorwärts ... genau wie in den USA im gleichen Zeitraum unter Franklin Roosevelt.
Und jetzt sehen sich die Amerikaner, geführt von den Neo-Konservativen, als Götter ... als "masters of the universe", die beabsichtigen, die Welt nach ihrem Bild neu zu gestalten.
"Westeuropa ist ein sterbender Kontinent, demografisch und geistig", sagt Father Richard Neuhaus, ein katholischer Theologe mit Freunden im Weißen Haus, "während die Amerikaner energiegeladen sind, vibrierend, gefüllt mit technischem Wissen ( ...)."
Washington ist wie zuvor Paris und Rom der Ort geworden, zu dem alle Straßen führen.
Die Stadt ist voll "von ausländischen Lobbies, die irgendetwas von Amerika wollen", erklärte der ehemalige Direktor der National Securty Agency, Lt. Gen. William Odom. "Warum sollte man eine Lobby bei Chirac wollen – um die Käsearten zu ändern oder wofür?"
Während sich die Franzosen wegen Käse und Urlaub Sorgen machen, träumen die Amerikaner von der Eroberung der Welt.
Und wer zählt die Kosten, wenn so Großartiges scheinbar greifbar nah liegt? Wenn man den Gegenwartswert der Differenz der zukünftigen Ausgaben und der zukünftigen Einnamen berechnet, kommt man auf 44 Billionen Dollar – das sind fast eine halbe Million Dollar für jede amerikanische Familie. Aber was soll's, das ist doch nur Geld! Und Geld dient dem großen Zweck genauso wie Bürger und Soldaten. In so einem Staat ist selbst Gott ein Diener des Staates. Elite-Neo-Konservative beten nicht zu Gott (außer, um den Kleinwählern ein gutes Vorbild zu sein); sie kommandieren Gott. So ein Land ist nicht länger ein Land unter Gott, sondern über Gott, wie der Neo-Konservative Intellektuelle Michael Ledeen erläutert:
"Für sein Land zu sterben, kommt nicht einfach so", sagt er, und schreibt dabei vielleicht von Osama bin Laden ab. "Moderne Armeen, die aus dem Volk kommen, müssen inspiriert und motiviert und indoktriniert werden. Religion ist zentral, denn Männer riskieren ihre Leben eher, wenn sie glauben, dass sie nach dem Leben dafür belohnt werden, dass sie ihrem Land gedient haben."
In Russland ist der Kommunismus kollabiert. Aber es war kaum ein Sieg für die amerikanische Freiheit. Die staatliche Bürokratie wurde nicht verkleinert, sondern in den USA und Westeuropa weiter ausgebaut.
"Die sogenannte konservative Revolution der letzten zwei Dekaden", schreibt mein Lieblings-Kongressabgeordneter Ron Paul aus Texas, "hat uns ein massives Wachstum der Institutionen, Ausgaben und Regulierungen gebracht. Die Defizite explodieren und die Staatsschulden steigen um mehr als eine halbe Billion Dollar pro Jahr. Die Steuern sinken nicht – auch wenn wir die Leute wählen, die sie senken wollen. Die Steuern können nicht gesenkt werden, solange die Ausgaben erhöht werden, denn alle Ausgaben müssen irgendwie finanziert werden ... die Regierung ist größer als je zuvor, und die zukünftigen Verpflichtungen des Staates sind überwältigend ... das Land ist pleite, aber niemand in Washington scheint das zu bemerken oder sich darum zu kümmern."
Oooh ... wie sich die Welt dreht. Ein Amerikaner fühlt sich derzeit in Paris freier (d.h., amerikanischer) als in Texas. Er kann rauchen, wo er will. Er kann schneller Auto fahren. Er kann im grünen Bademantel mit Badelatschen die Hauptstraße entlang gehen, ohne direkt angegriffen zu werden (obwohl man das vielleicht auch in Texas könnte -ich habe noch nie von jemandem gehört, der dies versucht hätte!).
"Und raten Sie Mal ... wenn man die lokalen Steuern zu den Bundessteuern addiert, dann besteht zwischen der gesamten Besteuerung in Europa und in den USA keine große Differenz", so der Analyst Dan Denning. "Es könnte sogar sein – das hängt vom Einzelfall ab –, dass man in Europa weniger Steuern zahlt als in den USA."
Nicht nur dass, sondern Steuerprobleme sind auch weniger bedrohlich. Es ist in Europa ja eben nicht üblich, dass man wegen Steuersachen ins Gefängnis wandert. In den USA hingegen gehen 10 Mal so viele Menschen wie in Frankreich wegen Steuersachen ins Gefängnis.
Und letzte Woche wurde berechnet, dass die durchschnittliche Produktivität des amerikanischen Arbeiters (gemessen als Produktivität pro Arbeitsstunde) niedriger ist als die seines durchschnittlichen französischen Kollegen.
Oh, welche Schande ... welche Erniedrigung ... welche Peinlichkeit.
Werden die Amerikaner jemals wieder ihre Köpfe hoch erhoben tragen können? Denn jetzt entdecken wird, dass die amerikanische super-duper Konsumenten-Volkswirtschaft den kritischen Test nicht schafft – den Test, der für die Sowjets fatal ausgegangen ist: Sie liefert einfach nicht genügend Güter.
Die Amerikaner arbeiten Tag und Nacht –400 Stunden pro Jahr mehr als der durchschnittliche Franzose –, aber sie werden nicht reich. Stattdessen häufen sie immer höhere Schulden an. Bis geben Geld aus, und denken, dass sie reich sind. Aber die Welt dreht sich. Und Tag für Tag nähert sich der Sonnenuntergang für sie ...
Mann könnte deshalb pessimistisch sein. Oder auch nicht. Es kommen härtere Zeiten, zumindest für Amerika. Aber es kommen auch bessere Zeiten.