Unsummen
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 20. Oktober 2011, 08:30 Uhr
ENL5454
der Europäische „Rettungsschirm". Unendliche Summen. Millionen, Milliarden, Billionen - was kommt eigentlich danach? Trillionen? Wie heißt die Zahl darüber? Revolutionen ;o)
Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn unsere Politelite bald auf die fantastische Idee käme, die „Feuerkraft" (noch so ein fantastisches Wort aus der Wirtschaftspresse aus dem Baukasten der Propaganda; auf wen soll denn gefeuert werden?) des Rettungsschirmes weiter zu erhöhen, indem man den zehnfachen Hebel kreiert, indem man anstatt 20% nur 10% der Summe „absichert", oder den 20fachen.... . Bei Geld, das man sowieso nicht hat, ist es doch letztlich völlig egal, wie groß die Luftbuchungen werden. Dumm nur, dass inzwischen selbst der wenig wirtschaftsinteressierte Mann auf der Straße begriffen hat, das hier lediglich der letzte, verzweifelte Akt eines großen Theaterstückes läuft. So dumm, wie die Eliten glauben, sind die Leute eben nicht. Mit ernsthafter Wirtschafts- und Finanzpolitik hat das Ganze spätestens seit 2007 ohnehin nichts mehr zu tun.
Letztlich wäre es sicher besser gewesen, das ganze marode System im Herbst 2008 zusammenbrechen zu lassen und bereits vor zwei Jahren ein neues, solides System aus der Taufe zu heben. Eine (mit was auch immer) gedeckte, neue Währung, die Abschaffung des Zinseszinses, eine Zerschlagung der Großbanken, strikte Schuldenobergrenzen für alle Haushalte, die sich am Wirtschaftswachstum orientieren, wären meiner Meinung nach gute Eckpfeiler für diesen Neustart gewesen. Hätte man vor zwei Jahren damit begonnen, wären wir jetzt bereits aus dem Gröbsten raus, anstatt uns mit Finanzkrise 2.0 zu befassen und erneut den sinnlosen Versuch zu unternehmen, mit Unsummen (die nicht vorhanden sind) die ach so armen Banken zu retten, die sich nach den Schrottanleihen im Immobiliensektor nun mit Schrittanleihen von Pleitestaaten verzockt haben.
Allerdings standen im Herbst 2008 gerade US-Präsidentschaftswahlen an - ein schlechter Zeitpunkt für einen Systemzusammenbruch (zumindest aus Kandidatensicht). Es musste also noch schnell „gerettet" werden. Damals hat man uns weiß gemacht, das Gras würde aufhören zu wachsen, wenn weitere Großbanken Pleite gehen. Heute hören wir die gleichen Töne. Absoluter Blödsinn! An der prekären Situation vieler großer Finanzinstitute hat sich auch nach den steuer- und schuldenfinanzierten Geschenken nicht das Geringste geändert. Und wird es auch in Zukunft nicht durch die neuen Billionen, weil das System an sich eine einzige Fehlkonstruktion ist. Mit sozialer Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun, wenn ein kleiner elitärer Kreis den Rest der Gesellschaft aussaugt über unvorstellbar riesige Zahlungsströme, die aus Zinszahlungen für Kredite einerseits und Rettungspaketgeschenken andererseits bestehen.
Das wiederum hat zu extremen Ungleichgewichten in der Einkommens- und Vermögensverteilung weltweit geführt. Bei uns geht es dabei noch relativ harmlos zu, aber selbst hier besitzen die obersten zehn Prozent der Bevölkerung fast zwei Drittel des Vermögens, während die Hälfte der Bevölkerung nur vier Prozent vom Kuchen besitzt. Ich möchte damit keine Neiddebatte anstoßen, fühle mich im Übrigen auch keiner Partei zugehörig. Aber man muss sicher kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass solche Ungleichgewichte auf Dauer nicht tragbar sind. Und dann trifft es häufig die Falschen, weil die „Richtigen" den Zorn zu lenken wissen. Erfreulicherweise kommt jetzt wenigstens eine Debatte um diese Ungleichgewichte in Gang. Es bleibt zu hoffen, dass sie zu den richtigen Schlüssen führt.
Wenn Sie mit mir über die Entwicklung einmal persönlich sprechen möchten: Ich werde morgen, am Freitag, den 21.10.2011, ca. von 13:30 bis 18:00 Uhr, auf der Anlegermesse „World of Trading" (WOT) in Frankfurt auf dem Stand des Investor Verlages vertreten sein. Vielleicht sehen wir uns dort.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Müller (20.10. 2011 09:43 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt Bei Ihrer Meinung über die Politik kann ich mich nur anschliessen. Es stehen für mich aber noch ein paar offene Fragen im Raum, welche Sie mir vielleicht in Ihrem Newsletter beantworten könnten. Der Rettungsschirm sei mit 20% abgesichert heisst es. Bedeutet dies, wenn der Plan aufgeht und die privaten Investoren angelogt werden, dass sie in der Höhe von 20% ihres eingesetzten Kapitals in Staatsanleihen oder was auch immer abgesichert sind bzw. mindestens die 20% des Kapitals zurück erhalten? Eine weitere Sache die mir nicht klar ist. Sollte es nun zu einem Kreditausfall kommen und Griechenland die Kredite nicht mehr zurückzahlen können, woher wird dann der fällige Betrag genommen? Irgendwie kommt mir die Regierung wie ein Futures-Händler vor, der seine Position zwar hält aber wehe ihm, der Futures wird fällig. Die Initial konnte er zwar leisten aber bei Fälligkeit ist dann Feierabend. Würden dann die Steuerzahler die Zeche begleichen in der Höhe von 200 Milliarden oder wie weit die Bürgschaft schon aufgetürmt wurde? Ich meine auch, dass die Regierung gegen den den Leverage-Handel beispielsweise bei Gold schon gewettert hat und nun machen die es gleich mit dem Rettungsschirm. Besten Dank für Ihre Mühe. Freundliche Grüsse M.Müller
Antworten - Kommentar von Helmut Bühnemann (20.10. 2011 12:24 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt, ohne viel Worte zu verlieren, Sie haben völlig Recht. Nur traurig das wir nicht eingreifen können. Mfg. H.Bühnemann
Antworten - Kommentar von Thomas K Felthusen (20.10. 2011 12:30 Uhr):
Ihre Beiträge sind immer spannend und kontrovers. Ich finde es allerdings von Tag zu Tag bedrückender, mit welcher Inbrunst derzeit von links, rechts und aus der unpolitischen Mitte über das „System“ hergefallen wird, was immer das eigentlich genau sein soll und von dem angeblich bislang nur ganz wenige profitiert hätten. Tatsächlich profitieren von dem System, dass Sie möglichst schnell zusammenkrachen lassen möchten, alle, nicht zuletzt diejenigen ganz unten. Dass es „letztlich sicher besser gewesen wäre, das ganze marode System im Herbst 2008 zusammenbrechen zu lassen“, klingt momentan in den Ohren vieler von der Komplexität der Probleme Überforderter irgendwie gut, ist aber wohl kaum mehr als eine emotionsinfizierte Gratis-These – „wäre“ und „hätte“ ist ja nachträglich nicht mehr zu beweisen, kann man also einfach mal so sagen. Ich würde den Vorteil eines Systemzusammenbruchs allerdings bezweifeln und hoffe, den Beweis dafür nicht bald erleben zu müssen. Viel mehr als Gras würde dann nicht mehr wachsen – wir würden in eine heillose Depression geraten. Würde dann auch noch der Staat seine Möglichkeiten als Vor-Finanzierer aufgeben, wie Sie das gerne hätten, sehe ich eher eine 50-jährige Nacht voraus als irgendeine Art von wirtschaftlichem Frühling. Ich kenne Geschichten von kleinen Mittelständlern, Volksbanken-Kunden, die im November 2008 urplötzlich und grundlos, trotz sehr guter Auftragslage, von Betriebsmittelkrediten abgeschnitten wurden – Gott sei Dank ist der Geldfluss dann noch einmal in Gang gekommen. „Ein neues, solides System aus der Taufe heben“ einschließlich Abschaffung der ganzen Zinswirtschaft – auch die Parole schreibt sich leicht hin. Aber solche Forderungen sind intellektuell ungedeckte Schecks. Niemand weiß, wie unsere unendlich tief und breit vernetzte Wirtschaft sich von heute auf morgen neu organisieren könnte, ohne dass alles, was auf Finanzierung beruht, erst einmal komplett ausradiert wird. Zinsen sind ja auch nicht per se „Wucher“, sondern schaffen erst die Risikofähigkeit von Banken, Versicherungen und Kleinanlegern (die ja jedes Jahr unzählige kleinere und größere Kreditausfälle gegenrechnen müssen). Zum Beispiel ist der ganze Multi-Milliarden Bereich Forschung & Entwicklung von einem umgekehrten Geldfluss abhängig, trifft aber im Kern auf jede Lagerhaltung, jede Unternehmensgründung, jeden Hausbau zu. Völlig verdreht auch der Hinweis, die Banken hätten sich „nach den Schrottanleihen im Immobiliensektor nun mit den Schrottanleihen von Pleitestaaten verzockt“. Die Dexia hat sich nur insofern verschätzt, als sie dem Drängen der Politik nachgegeben hat, gefährdete Staatsanleihen umfangreich im Bestand zu halten. Andere Banken haben ihre Bestände abgebaut (daher ja die sinkenden Anleihekurse). Ohrfeigen kriegen die Banken inzwischen also, egal was sie tun: Halten sie die Anleihen, werden sie als „Zocker“ beschimpft; trennen sie sich von den Beständen, gelten sie als Verursacher der Re-Finanzierungskrise.
Antworten - Kommentar von Hartmut Fischer (20.10. 2011 13:42 Uhr):
Der "Übeltäter" ist nicht die Finanzindustrie allein, sondern das Duo aus Politik und Banken, da die Politik Stsaatsanleihen als "absolut sicher" definiert, um durch die so gewährte Rücklagefreiheit einen starken Anreiz zum Kauf von Staatsanleihen zu setzen, natürlich, um sich leichter und günstiger verschulden zu können. Und dieses binäre Schneeballsystem aus wechselseitiger Abschiebung von Veratnwortung hat nun besonders zur Eurokatastrophe beigetragen. Weitere Faktoren sind die Zinsmanipulation der Notenbanken und natürlich die Aufnahme traditionell korrupter Klientelstaaten ins Eurosystem mit der Konsequenz einer viel zu hohen Bewertung von deren Staatsanleihen, da sie ja durch die starken Staaten, besonders Deutschland, indirekt "garantiert" sind.
Antworten - Kommentar von Hartmut Fischer (20.10. 2011 13:49 Uhr):
Diese strukturellen Fehler in einem Chaosclub von 17 Nationalegoisten zu beseitigen wird unter keinen Umständen möglich sein, im Ergebnis aber unser Vermögen und den Rest an Demokratie kosten. Der Grundfehler des gesamte Systems ist die einmal etablierte repräsentative "Demokratie", in der seit Beginn mit aller Gewalt jegliche Elemente direkter Volkssouveränität hinertrieben worden sind.
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- Kommentar von Albert Karl (20.10. 2011 14:53 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt, Ihr Bericht überzeugt sehr, vielen Dank dafür. Es steht ja schon seit einiger Zeit die Glaubwürdigkeit der Politik in Frage. Letzten Endes gehe es doch darum, ob sich die Bürger auf Zusagen der Politik verlassen können; ist das nicht der Fall bäuchten wir nicht mehr zur Wahl gehen. Bei Einführung des Euro haben beispielsweise auch Unionspolitiker den Menschen fest versprochen, dass der Euro so stabil werde wie die D-Mark. "Der Euro werde gerettet, koste es was es wolle". So lautete doch die Vorgabe aus Brüssel und den meisten Hauptstätten der Eurozone. Und was haben wir bisher erreicht? Dass die versuchte Rettungsaktion nicht nur astronomisch hohe Geldsummen verschlingt, sondern sie kostet noch viel mehr: Glaubwürdigkeit, weil Verträge und Zusagen gebrochen wurden. Und sie kostet Europa die Zukunft, weil es seinen wirtschaftlichen Halt verliert. Zu den weitreichenden Folgen dieser brandgefährlichen >>Euro-Rettung<< gehört nicht zuletzt die Belastung der Steuerzahler in den europäischen Geberländern. Wir wissen im Zeitablauf ja mittlerweile, dass wir Steuerzahler Jahr für Jahr hunderte von Milliarden Euro hart erarbeiteter Einkommen und Ersparnisse Politikern zur Verfügung stellen, die damit ihre Euro-Illusionen fortsetzen. Nochmals: In der Eurozone werden öffentliche Schuldengebirge hinzugebaut, die doch in früheren Zeiten für undenkbar, unzulässig und vor allem für nicht beherrschbar gehalten wurden - und die es höchstwahrscheinlich auch nicht sind. Die Weiterentwicklung der Währungsunion hat sich mittlerweile zu zu einer Samariterunion für die hoch- und überschuldeten Staaten, aber auch Banken, gestaltet und lässt - wenn wir nicht aufpassen - die wenigen starken Staaten , wie beispielsweise Deutschland, ausbluten. Will heissen, wir werden unter der Last zusammenbrechen. Am Ende könnte sich Frau Merkel die Frage stellen, wer die Retter rettet. Erschreckend auch die Ignoranz gegenüber der Philosophie, dass eine Papierwährung der Realwirtschaft zu dienen hat. Die Euro-Philosophie läuft umgekehrt: Die Realwirtschaften haben sich dem Papiergeld Euro anzupassen! Auch wenn es Frau Merkel, Sarko und Barroso immer noch nicht wahrhaben wollen: Das Euro-Experiment ist so gut wie gescheitert. Unter dem Strich rettet das bisher eingezahlte Geld die hochverschuldeten Banken mit ihren faulen Eiern in den Anleihen-Körben. Am Dienstag d.Woche kam dann Ihre Meldung Herr Voigt, dass der EFSF auf bis zu 2 Billionen Euro gehebelt wird, was offiziell gestern Abend dann auch in den Nachrichten bestätigt wurde. Ich wusste gar nicht, dass unsere Regierung nun auch zum Finanzmarktzocker mutiert. Ich empfinde diese überhasteten und nicht richtig durchdachten Aktionen schon als beunruhigend, wenn unsere BRD mit den anderen Geberstaaten über Financial Engineering nachdenkt, um den EFSF-Fonds zu hebeln bzw. Finanzprodukte kreiert, deren Risiken das real vorhandene Kapital bei weiten übersteigen. Und was ist eigentlich, wenn sich nicht genügend Investoren finden, für solche unvorstellbaren Größenordnungen? Vielleicht hat Herr Schäuble ja auch vor einigen Tagen von Timothy Geithner einen dementsprechenden Hinweis bekommen zur Lösung dieser Krise? Nur, wer wird zur Kasse gebeten, wenn letzten Endes das Geld nicht zur Verfügung steht? Woher soll es dann kommen? Die Bundesregierung als ungedeckte Leerverkäufer, die auf nicht vorhandene Investoren setzt !!!!
Antworten - Kommentar von Peter Sandgraf (21.10. 2011 10:10 Uhr):
Sehr geehrter Herr Voigt, Ihre Beschreibung der aktuellen Politik hat mich insofern erstaunt, als man eine so hellsichtige Stellungnahme von einem Wirtschafts/Börsenjournalisten nicht erwarten konnte. Respekt! Schreiben Sie doch mal etwas darüber, wie und in welchem Umfang der deutsche Normalarbeitnehmer in den letzten 10 Jahren europäisch finanziell abgehängt wurde und wer davon profitiert hat. Man fragt sich ja schon, warum in anderen Staaten die Löhne so stark gestiegen sind und ob die deutschen Arbeitnehmer etwas davon, daß "wir" eine so starke Exportwirtschaft haben. Mit freundlichem Gruß Peter Sandgraf
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