Unmittelbar vor der Zinsentscheidung der Fed
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 30. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
An den Finanzmärkten ist schon lange nichts mehr passiert. Ehrlich gesagt ist mir das ein bisschen langweilig geworden.
Es wird etwas passieren. Selbst wenn es so unwichtig scheint, dass es weniger als nichts ist.
Ich beziehe mich nicht auf die Übergabe der "Souveränität" an die Iraker – zumindest an die Iraker, die von der US-Regierung für zugverlässig gehalten werden. Nein, ich meine einen anderen Humbug.
Es geht um die heutige Zinserhöhung der Fed. Wahrscheinlich werden die Leitzinsen auf 1,25 % erhöht. Die amerikanische Inflationsrate (Konsumentenpreise, offizielle Zahlen) liegt bei rund 3 % pro Jahr. Wenn die Fed die USA ernsthaft vor einer steigenden Inflationsrate schützen wollte, dann sollte man denken, dass sie nicht für weniger als 3 % Geld verleihen würde. Tatsächlich vergibt sie aktuell Geld für 1 %, und ab Morgen vielleicht für 1,25 %.
Immerhin wird die Fed ein Ende – oder so ... das wird zumindest weithin angenommen – der Ära der fallenden Zinsen einläuten. Diese Ära hatte in den ersten Jahren der ersten Amtszeit von Ronald Reagan begonnen.
1980 waren die Zinssätze in den USA bis auf 20 % gestiegen. Im nächsten Vierteljahrhundert fielen sie. Die Renditen am US-Anleihenmarkt fielen letztes Jahr im Juni auf ein 46-Jahrestief, dank dem auf Rekordtief stehenden Leitzinssatz. Mittlerweile sind die Renditen wieder gestiegen. Aber der Leitzins steht immer noch bei 1,0 %. Und er wird heute wahrscheinlich um 25 % erhöht werden, was das Ende eines 24 Jahre dauernden Trends markieren wird.
Was wird dann als nächstes passieren?
Die New York Times schreibt über ein durchschnittliches amerikanisches Ehepaar:
"Joyce Diffenderfer beginnt sich zu fragen, wie sie und ihr Ehemann Curtis mit den wachsenden Zinskosten für ihre Kreditkartenschulden in Höhe von 16.000 Dollar klar kommen werden."
"Die Diffendorfers sind eine von Millionen amerikanischer Familien, die durch die jüngste welle der niedrigen Zinsen in den Besitz eines Hauses gekommen sind ( ...), und jetzt müssen sie mit dem Zinsanstieg klarkommen."
Ein Mann, der gelernt hat, in einer Welt mit 1 % Leitzins so gerade über die Runden zu kommen, wird diese Welt wahrscheinlich etwas weniger freundlich finden, wenn der Leitzins auf 1,25 % gestiegen ist. Aber eine Welt mit einem Leitzins von 5 % wird ihm sicherlich Probleme bereiten. Und was mit einer Welt mit Leitzinsen von 10 % oder sogar 20 % (die gab es, als Paul Volcker Fed-Vorsitzender war) wäre ... daran wage ich gar nicht zu denken.
Es gibt Dinge, die wir wissen, liebe(r) Leser(in), und Dinge, die wir später wissen werden. Was wir wissen, ist, dass die Fed ihren Auftrag – finanzielle Stabilität – auf merkwürdige Weise erfüllt. Seit ihrer Gründung hat der Dollar 97,5 % seines Wertes verloren.
Wir wissen, was passierte, nachdem die Fed in den Paul Volcker-Jahren die Geldpolitik verschärft hatte. Was wir später wissen werden, ist, was passierte, nachdem die Geldpolitik in der Greenspan-Ära gelockert worden war.
Jetzt zu Eric Fry: