Ungerechtfertigter Optimismus
Marshall Auerback in Investors Daily
vom 26. Februar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Der heutige Ölmarkt ist heute geopolitisch bedrohter als je zuvor ... und den Märkten scheint das relativ egal zu sein. Die Investoren glauben, dass das Angebot schon irgendwie stabil bleiben wird, und sie glauben, dass der bevorstehende Irakkrieg genauso leicht gewonnen werden kann wie der Golfkrieg 1990 oder der Afghanistan-Krieg. Sie glauben, dass die großen Ölgesellschaften nach dem Krieg sofort wieder investieren werden, und sie glauben, dass die irakische Ölproduktion explodieren wird, nachdem US-Fallschirmjäger Saddam Hussein ausgeschaltet haben.
Aber Tatsache ist, dass die Kapazitätsauslastung der Ölindustrie derzeit so hoch ist wie nie zuvor. Das Angebot an Rohöl ist relativ zum Verbrauch so niedrig wie nie zuvor in den letzten Dekaden. Und in drei der sechs größten ölproduzierenden Staaten ist die Ölförderung wegen geopolitischer Risiken gefährdet.
Im Fall des Irak ist diese Gefährdung offensichtlich. Aber auch in Saudi Arabien, dem weltgrößten Produzenten, bleibt die politische Lage weiterhin instabil. Die ölabhängige Wirtschaft Venezuelas stöhnt unter den Streiks, die auch die Ölexporte getroffen haben. In diesem Umfeld könnte der Irakkrieg durchaus zu einem stark steigendem Ölpreis führen, was dann der Sargnagel der bereits schwächelnden Weltwirtschaft sein könnte.
Die Aussichten für einen globalen "Öl-Schock" sind so hoch wie nie zuvor in den letzten Dekaden. Laut einer aktuellen Studie von Goldman Sachs ist der Ölpreis seit Ende November um 30 % gestiegen – alleine die Streiks in Venezuela haben 125 Millionen Barrel Ölproduktion gekostet. Das ist bereits der fünftgrößte "Öl-Schock" der Geschichte, was laut der Studie "das derzeitige Preisniveau fast völlig erklärt." Wenn der Streik in Venezuela noch zwei Monate so weitergeht und der Irakkrieg auch ungefähr so lange dauern wird, dann wird sich der Produktionsausfall auf 600 Millionen Barrel belaufen – erheblich mehr als die 400 Millionen Barrel, die im israelisch-arabischen Krieg wegfielen.
Nach der Veröffentlichung der Goldman Sachs-Studie hat sich die Lage in Venezuela entspannt. Aber die weltweit angespannte Lage an den Ölmärkten bleibt ungefähr so, wie sie von Goldman Sachs beschrieben wurde. Die Regierung von Venezuela hat ungefähr 10.000 streikende Arbeiter ausgesperrt, und die Bemühungen, die Ölförderung und Raffinerie wieder zu reaktivieren, sind nur begrenzt erfolgreich gewesen.
Zusätzlich zu den Problemen in Venezuela gibt es auch in Saudi Arabien weiterhin Probleme: Die Stellung des Herrscherhauses der Saudis wird immer unsicherer. Die herrschende königliche saudische Familie, die einen Großteil des Ölreichtums für sich in Anspruch nimmt, wird als korrupt wahrgenommen – und die Unzufriedenheit der Untertanen ist groß. Die saudische Ölproduktion ist deshalb wegen möglicher drohender sozialer Konflikte – wie in Venezuela – gefährdet. Und auch, weil die globale fundamental-muslimische Bewegung in Saudi Arabien zu Hause ist.
Manche Investoren glauben, dass der Ölpreis derzeit eine künstlich hohe "Risikoprämie" beinhaltet. Einige würden deshalb sogar den Ausbruch des Irakkriegs begrüßen, weil sie dann denken, dass diese "Risikoprämie" wieder wegfallen würde. Aber diese Einschätzung ist unbegründeter Optimismus. Was heute im Ölpreis "eingepreist" ist, ist ein kurzer, aus Sicht der USA erfolgreicher Krieg – und kein blutiges, chaotisches Experiment, das Kriege normalerweise sind.
Aber der drohende Irakkrieg lässt sich nicht mit dem von 1990 vergleichen. Es gibt bedeutende Unterschiede: Die USA werden durch Terroranschläge von bisher unbekannten Ausmaßen bedroht, die transatlantischen Beziehungen sind in einer Krise, und auch die amerikanischen Beziehungen zur gesamten islamischen Welt haben gelitten. Nichts davon war 1990/91 der Fall. Und auch das wirtschaftliche Umfeld ist nicht vergleichbar: Die Konsumenten in den USA haben heute Rekordschulden angehäuft – und das war bereits der Fall, bevor sich ein neuer Irakkrieg abzeichnete.
Es ist diesmal weniger wahrscheinlich, dass der Ölpreis bei Kriegsausbruch explodieren wird, um danach gewaltig zu fallen (wie das 1991 der Fall war). Wenn die Streiks in Venezuela endgültig aufhören würden UND im Irakkonflikt alles gut gehen würde, dann könnten die vorübergehenden Produktionsausfälle durch die strategischen Reserven aufgefangen werden. Die irakische Ölproduktion würde sich dann wahrscheinlich ein Jahr lang stabilisieren, und dann würde sie in den nächsten zwei Jahren vielleicht um 1,0 bis 1,5 Millionen Barrel Öl pro Jahr steigen.
Aber es ist unrealistisch, langfristig damit zu rechnen, dass die zusätzliche irakische Produktion den Ölmarkt überschwemmen wird. Ein aktuelles Arbeitspapier vom "Council on Foreign Relations" schreibt dazu: "Es ist unwahrscheinlich, dass sich die irakische Ölproduktion sofort erholen wird. Abhängig von den Schäden, die die Produktion in den Kampfhandlungen nehmen wird, wird auch die Menge der möglichen Ölexporte reduziert werden."
Kurz gesagt: Es gibt kein einfaches Mittel gegen die hohen Ölpreise, auch wenn man einen "Öl-Schock" abwenden kann. Im besten Fall stabilisiert sich der Ölpreis, oder vielleicht werden wir einen moderaten Rückgang sehen. Aber ein Rückgang bis auf 20 Dollar pro Barrel – auf dieses Niveau fiel der Ölpreis nach dem Ende des Golfkriegs 1991 – ist unwahrscheinlich. Schließlich gibt es noch das Problem mit Venezuela, das den Ölpreis auf Messers Schneide einer Preisexplosion stehen lässt. Für viele bleibt der Irak ein relativ unberührtes Juwel in der Krone des Mittleren Ostens. Aber dieses "Juwel" könnte sich als Dornenkrone entpuppen, wenn sich die Invasionspläne nicht mit den optimistischen Erwartungen des Marktes decken.
Der heutige Markt betrachtet den drohenden Krieg als so etwas wie eine Maschine. Wohnzimmer-Strategen vernachlässigen das menschliche Element. Nur die wirklichkeitsfremdesten Optimisten können erwarten, dass Sicherheit und gute Zeiten wiederkehren, sobald die erste Cruise Missile gegen den Irak abgefeuert wurde.