Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom
Das wird noch seine Zeit dauern bis wir herausbekommen, wohin die US-Wirtschaft denn nun wirklich läuft. Ich würde entgegen meinem Kollegen Jochen Steffens momentan nicht so weit gehen, eine Stagflation vorherzusagen. Was „Stag-“ angeht eher ein mickriges Wachstum statt völligem Stillstand, im Schnitt 2007 würde ich mal 1,5-1,8% anpeilen. Aber „-flation“, ja, da fürchte ich, werden so manche noch die Ohren anlegen.
Vergessen wir nicht, dass die steigenden Nahrungsmittel- und Energiepreise so lange aus irgendwelchen Daten herausgerechnet werden können wie man will – die Kaufkraft der Bürger sinkt leider trotzdem, denn die müssen essen und heizen. Und das ist nun einmal schlecht für Wachstum und unschön für die Notenbank. Hinzu kommen die immer ernster werdenden Probleme am Kredit- und Immobilienmarkt.
Die US-Fed kann daher eigentlich weder die Zinsen senken – wegen der faktischen Inflation – noch sie erhöhen – wegen des schwachen Wachstums und der Kreditnöte. Bleibt also zu prüfen, ob sich die USA alleine aus dem Sumpf ziehen können ... bislang jedoch ist da nichts Entscheidendes zu verbuchen.
ISM schwächer, Pending Home Sales überraschend gut
So hat der gestrige Nationale Einkaufsmanager-Index (ISM) für Juli die am Tag zuvor veröffentlichte regionale Vorgabe aus Chicago bestätigt: Es geht langsamer voran. Der ISM fiel von 56,0 im Juni auf 53,8 (erwartet wurden 55,5). Zwar fiel die wichtige Komponente der bezahlten Preise (Inflationsindikation) ebenfalls, doch mit 65 nach 68 im Juni ist das Steigerungslevel immer noch sehr, sehr hoch!
Grundsätzlich erfreulich und doch immer mit höchster Vorsicht zu genießen sind die so genannten „Pending Home Sales“, das sind letztlich Hauskäufe, die noch nicht endgültig sind, d.h. noch storniert werden können. Hier erwartete man nach deutlichem Rückgang um –3,7% im Juni einen erneuten, aber leichten Rücksetzer um –0,6%. Überraschend wurden es +5,0%. Aber wie gesagt: Das ist alles stornierbar und recht unsicher. Alle anderen Daten zum Immobilienmarkt für Juni sahen keineswegs nach einer Trendwende aus.
Rohöl ... zur Abwechslung mal nach unten!
Eine solche Trendwende erhoffen die meisten Akteure vor allem in einem Bereich: den Ölpreisen. Gestern am frühen Nachmittag erreichte die US-Ölsorte WTI, die nun wieder höher als unser Nordsee-Brent notiert, ein Allzeithoch von 78,77 Dollar. Die 80er-Marke, von vielen Akteuren für diese Woche erwartet, war in Schlagdistanz. Doch wir sind nicht nur bei Aktien in einem gnadenlosen Trader-Markt!
Die US-Lagerbestände der abgelaufenen Kalenderwoche fielen bei Rohöl überraschend aus: Ein Minus von –6,5 Millionen Barrel (Prognose –1,0 Millionen)! Bei Benzin stiegen die Bestände um vernachlässigbare +0,6 Millionen (Prognose unverändert) und bei Heizöl um +2,9 Millionen (Prognose +1,25 Millionen) Barrel.
Unter dem Strich etwas weniger als erwartet. Aber: Immerhin kletterte die Kapazitätsauslastung der US-Raffinerien nun mit +1,9% auf 93,6% endlich in den normalen Bereich. Das Resultat:
Kehrtwende im Ölpreis. Der Kurs fiel unmittelbar nach den Daten zurück und notierte gut eine Stunde von Handelsende der Öl-Futures (21 Uhr unserer Zeit) bei „nur“ noch 76,60 Dollar. Das mag zu einem kurzfristigen Aufatmen reichen, aber ein solcher Trader-Markt – wir erleben es beim Aktienmarkt ja deutlich genug – ist letztlich völlig unberechenbar. Wenn die Trader die 80 Dollar bei WTI wirklich sehen wollen, dann kriegen sie den Kurs auch dort hin. Noch also ist es für jedwede Entwarnung viel zu früh, zumal:
Sie sehen im Chart, dass WTI letztlich nur die obere Begrenzung des steilen kurzfristigen Aufwärtstrendkanals erreicht hatte. Bei einem solchen Tradingmarkt kann es nicht wirklich verwundern, dass hier nun Verkäufe einsetzen. Das kann auch schnell bis an die untere Begrenzung des Trendkanals bei aktuell 72 Dollar nach unten gehen. Aber auf Sicht von mehreren Wochen heißt das noch wenig. Erst, wenn wir neben dem Trendkanal auch die Unterstützungszone zwischen 66 und 70 Dollar nach unten durchbrechen, wäre wirklich Entwarnung gegeben ... bis dahin ist alles möglich – auch noch ein plötzliches Überschießen über den laufenden Trendkanal hinaus und damit über 80 Dollar. Daher: Den gestrigen Rücksetzer muss man zunächst noch mit Vorsicht genießen!
