Und weiter dreht sich das Zinskarussell...
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 6. Februar 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
wenn Sie die Finanznachrichten gestern verfolgt haben, so dürfte Ihnen kaum entgangen sein, dass die Bank of England die britischen Leitzinsen um 0,5% auf 1% senkte, einen historischen Tiefstand seit deren Gründung 1694.
Die EZB hingegen hielt den Zins bei 2%, jedoch gehen Beobachter davon aus, dass es sich hier nur um eine vorübergehende Pause handelt und bereits im März mit der nächsten Senkung zu rechnen ist.
Befürworter solcher Zinspolitik argumentieren meist, dass ein sinkender Preis für Kredite (also niedrige Zinsen) die Kosten für Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung reduziert und somit hilfreich für die Wirtschaft sei. Dass hierbei allerdings nicht berücksichtigt wird, dass die Quellen dieses Kapitals, also großteils völlig marode Banken, aus ganz anderen Gründen keine Kredite vergeben, ist ebenfalls nicht neu. Viel mehr erinnert dies an das alte Bild vom zum Fluss gezerrten Pferd, was sich einfach nicht zum Saufen zwingen lassen möchte.
Leider befürchte ich, dass es eine harte Lektion braucht, bis die keynesianistischen Interventionstheorien (in diesem Zusammenhang verweise ich nochmals auf den Gastartikel von Claus Vogt vom letzten Freitag) endgültig von deren Vertretern, welche sich nach wie vor krampfhaft an ihnen festhalten (allen voran die meisten Politiker), als gescheitert betrachtet werden.
Anstatt einzusehen, dass die Heilung der Rezession eben durch die Rezession kommt, wird weltweit dank der keynesianischen Theorien eifrigst daran gearbeitet, aus der Rezession eine ordentliche Depression zu machen. Ich unterstelle hierbei auch nicht, dass alle Vertreter von "Rettungspaketen" böse Absichten hätten. Im Gegenteil. Viel mehr glauben die Meisten offenbar, sie würden Wasser auf ein großes Feuer kippen, dabei ist es in Wirklichkeit Benzin. Nur sehen möchten dies leider nur die Wenigsten.
Am Beispiel der Zinssenkungen lässt sich dies etwas veranschaulichen. Die Logik der Befürworter solcher Schritt ist meist, dass eine Abwertung der eigenen Währung die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähiger mache. In der Geschichte hat dies, wenn überhaupt, nur kurzfristig funktioniert, denn die eigentlichen Probleme liegen anderswo.
Was wir momentan sehen ist m.E. ein kollektives, weltweites Abwertungskarussell im Währungsbereich, das langsam aber sicher dafür sorgt, dass die Fiat-Währungen immer weniger wert werden, gemessen an realen Gütern. Untereinander, also in den einzelnen Währungspaaren, zeigt sich dies nur relativ, aber in dieser Situation eine vernünftige Papierwährung zu finden, in der es sich lohnt, Geld zu parken, ist sehr schwer, da es zu viele (meist politische) Variablen gibt.
Auch wird inzwischen an den Märkten offen auf einen Zusammenbruch des Euros gewettet, was ich durchaus im Bereich des Möglichen halte. Wahrscheinlich geschieht dies jetzt noch nicht sofort, aber wenn die wirtschaftlichen Spannungen und Belastungen weiter derart zunehmen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Politiker in den "Wackel-Ländern" wie Spanien, Griechenland oder Italien gezwungen sind einzulenken.
Bisher lastet, wirtschaftlich gesehen, die Bürde des Euros noch sehr stark auf den Schultern Deutschlands, aber wie lange wird dieser Zustand halten? Wir können nicht alleine (oder mit Unterstützung ein paar anderer Länder gegen die Masse) das Euro-Experiment ewig am Leben halten, ohne dass es noch weitere Konsequenzen für den eigenen Lebensstandard haben wird.
Um es kurz zu machen: Ich bin sehr skeptisch, was den Euro angeht...
Kommen wir zu den aktuellen Marktcharts:
Hier gibt es heute kaum etwas zu berichten, da diese nahezu unverändert sind. Folglich verzichte ich auf Einbindung in die heutige Ausgabe.
Was ich Ihnen aber nicht vorenthalten möchte ist eine Schlagzeile bzw. ein Bericht, welchen ich gestern auf Bloomberg las. Hier bekam ich wirklich das Gefühl, ich müsse den Job wechseln und CEO werden. Der CEO von Hovnanian Enterprises Inc, dem größten Hausbauer von New Jersey, hat seiner Ansicht nach anscheinend eine derart gute Leistung letztes Jahr hingelegt, dass er doch glatt einen Leistungsbonus von knapp einer Million US$ einstrich (und nicht auf diesen verzichtete).
Wie erhält man solche Zahlungen? In diesem Fall, indem das eigene Unternehmen 2008 ganze 76% des eigenen Werts verlor (Ob dieser CEO-Gott die Zahlungen auch bei "nur" 50% Wertverlust erhalten hätte? Oder wäre das nicht "exzellent" genug für den "Leistungsbonus"?)! Dazu kommt, dass das Unternehmen gerade von Moody's auf ein Downgrade geprüft wird, da die nächsten Jahre irgendwie einfach gar nicht gut aussehen möchten für Hovnanian.
Hiervor zücke ich doch ehrlich meinen Hut. Nur Abgreifen das Geld und am besten ohne Skrupel. Der Mann hat anscheinend die Regeln des Spiels gelernt. Warum auch nicht?
In einigen Finanzhäusern läuft die legale Plünderung doch nicht anders, wenn dort mit wahrscheinlich breitem Grinsen, schallendem Gelächter und ohne wirklichen Widerstand der Politik Steuergelder, die man kommenden Generationen dieser Welt abpressen wird und jetzt auf Pump gönnerisch verschleudert, in Form von Dividenden an die Aktionäre (obwohl keine Gewinne erwirtschaftet wurden) oder als Boni an die "erfolgreichen Finanzgötter" durchgereicht werden (Beispiele hierfür gibt es z.B. im amerikanischen und im schweizer Raum genug).
Manch einer mag sich fragen, warum solch ein Verhalten durchgehen kann und kaum jemand etwas dagegen tut? Warum gibt es keinen noch lauteren Aufschrei und keine kontinuierlichen Massenproteste?
Letztlich nur, weil die Masse der Menschen offensichtlich teilnahmslos ist, nach dem St. Florian Prinzip lebt oder sich dem einfachen Glauben, welcher eigene Untätigkeit entschuldigen soll, hingibt: "Ich kann sowieso nichts dagegen machen." Und genau so wird sich auch nie etwas verändern. Wer keinen Zorn mehr empfinden kann oder alles einfach nur hinnimmt, hat m.E. die Fähigkeit zum Protest verloren und verdient nichts besseres. Auch wenn das hart klingen mag.
Natürlich gibt es bei allen negativen Dingen auch immer positive Ausnahmen in jedem Bereich, aber anscheinend ist die Not für viele Menschen noch nicht groß genug, denn sonst gingen solche Unglaublichkeiten kaum einfach so durch. Jeder hat es in der Hand, seine Stimme gegen solch ein Treiben zu erheben. Doch wer macht von dieser Möglichkeit bisher tatsächlich Gebrauch? Die wenigsten Menschen.
Auf mich wirkt manches wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen nur noch wie im Irrenhaus.
Beste Grüße
Alexander Hahn