Und jetzt? Doch keine Rallye?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 20. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Wie erwartet, heute Nacht begann der Krieg. Und trotzdem eine kleine Überraschung: Es gab keinen großen Luftschlag, sondern es kam nur zu einem kleinen begrenzten Luftangriff. Ziel war anscheinend Saddam Hussein selbst: Ein kleiner gezielter "Enthauptungsschlag". Anscheinend meinte der amerikanische Geheimdienst zu wissen, wo sich Saddam Hussein befand. Kurze Zeit später meldete sich Saddam Hussein per Fernsehen, wobei nicht sicher ist, ob es sich dabei um eine Aufzeichnung handelte. Mit größeren Luftangriffen ist somit wohl erst in 2–3 Tagen zu rechnen. Also die Bomben fielen und keine Rallye. Wo geht es nun hin?
Charttechnisch verhält es sich im Moment so: Der Euro Stoxx 50 ist genau an der oberen Begrenzung seines seit Anfang Dezember gebildeten Abwärtstrends abgeprallt. Normalerweise ist das ein Zeichen für weiter fallende Kurse. Der Dax hat genau diesen zwar nach oben gebrochen, betrachtet man sich jedoch den logarithmischen Dax-Chart, prallte auch der Dax an seiner oberen Begrenzung des Abwärtstrends ab.
Die 2660 Punkte, die ich als Widerstand angedeutet habe, zeigen sich im Dax härter als erwartet. Einmal nur, im Zuge der Nachrichten-Rallye gestern, ist diese Marke kurz überwunden worden. Insgesamt ist der Dax nun bereits vier Mal an dieser Marke gescheitert. Dieser kleine Hüpfer über den Widerstand zeigt wieder einmal, dass ein Bruch nachhaltig sein sollte. Am "sichersten" ist dabei ein Bruch, der die gebrochene Marke noch einmal testet. Trotzdem, auch so ein kurzer Bruch ist zumeist ein Zeichen, dass der Kursverlauf zumindest irgendwann später diese Marke überwinden wird.
Der Nasdaq100 generiert ein Umkehrsignal. Nur der Dow hält sich noch einigermaßen, obwohl die letzten beiden Tage unter deutlichen Umsatzrückgang gelitten haben. Auch ein erstes Indiz für fallende Kurse.
Was geschieht also gerade? Ich hatte es angedeutet, der Kriegsstart ist vorweggenommen worden. Jetzt hängt alles davon ab, wie sich der Krieg weiter entwickelt. Charttechnisch sieht es so aus, als würde nach diesem Anstieg der Dax mindestens bis zur 2500(19)er Marke zurückkommen. Dazu kommt, dass morgen dreifacher Hexensabbat ist. Ein Tag an dem die Optionen und Future März Kontrakte verfallen. Diese großen Verfallstage sind bekannt für starke Kursschwankungen. Im Moment befürchte ich, dass morgen versucht wird, den Markt nach unten zu drücken. Allein um einen Ausgleich zu dem starken Kursanstieg zu schaffen. Das passt zu dem charttechnischen Bild, dass der Dax auf die 2500 Punkte zurückkommen will. Diese ganzen Überlegungen gelten indes nur, wenn es bis dahin ruhig bleibt. Denn wir sind im Krieg, reine politische Börsen, eine Nachricht und alles wird anders ...
Für den weiteren Ausblick favorisiere ich folgendes Szenario: Es kommt nach einer kurzen Konsolidierung zu einem weiteren Anstieg in den Indizes und zwar nachdem die großen Luftangriffe gestartet sind. Die US-Medien werden diese Angriffe natürlich als großen Erfolge feiern, so oder so. Das ist Teil der Kriegspropaganda. Die Anleger werden diese Medienberichte nutzen, um zu kaufen. Soweit kann ich das noch überblicken. Aber was dann passiert?
Das Schwierige ist: Konjunkturdaten auszuwerten, Branchenentwicklungen zu beurteilen, Firmennachrichten zu bewerten ist das eine. Aber die Bilanzskandale haben gezeigt, auch hier wird gelogen, vertuscht und beschönt. Jedoch den Fortgang eines Krieges zu beurteilen, in dem Nachrichten in Gänze der Zensur der amerikanischen Regierung unterliegen, ist nahezu unmöglich. Aus dem letzten Irakkrieg 1991 wissen wir, wie falsch die meisten Nachrichten waren, die über die Ticker kamen. Der einzig wichtige Maßstab bleibt somit die Dauer des Krieges. Daraus folgt, nach diesen ersten Angriffswellen wird sich herauskristallisieren, wie lange der Krieg dauern wird. Und ausschließlich das wird entscheiden, wohin die Märkte schließlich gehen werden.
Aber wenn selbst Busch nun schon einräumt, dass der Krieg länger dauern könne, als man bisher angenommen hat, dann macht mich das hellhörig – mehr als hellhörig. Auch wenn mir bewusst ist, dass diese Aussage nur ein strategischer Zug war, um alle Eventualien abzudecken.
Leider hat sich auch der Ölpreis anders entwickelt, er fiel weiter. Die von Ihnen, die kurzfristig die Gewinne mitgenommen haben, sehen sich nun etwas enttäuscht. Doch Gewinn ist Gewinn. Die, die gehalten haben, werden sich freuen. Aber auch diese sollten so langsam überlegen ihre Positionen mit dichten Stopps abzusichern. Zu unsicher ist die weitere Entwicklung. Was macht der Ölpreis, wenn z.B. die Ölfelder angezündet werden?