UFO am Himmel
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 27. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Es schwebt wie ein UFO über dem Kapitol in Washington. Die Leute wissen nicht, was sie damit anfangen sollen; sie können nicht glauben, dass es da ist. Deshalb sagen sie nichts. Business as usual. "Auf Kurs bleiben", sagen sich die Amerikaner gegenseitig, den Blick auf den Boden gerichtet.
Aber es ändert alles ... und droht, all unsere Illusionen jederzeit platzen zu lassen.
Ich beziehe mich auf die erstaunliche Tatsache, über die ich bereits vor ein paar Jahren berichtet hatte ... und gestern. Denn im letzten Vierteljahrhundert – in dem angeblich so viel Reichtum wie noch nie in der Geschichte geschaffen worden ist – ist der Reallohn des durchschnittlichen amerikanischen Arbeiters um 6 % gefallen.
Keiner will das glauben. Kein Politiker diskutiert das. Kein Aktienhändler bringt das als Gesprächsthema auf. Kein CNBC-Moderator weist darauf hin.
Und dennoch ist das eine sehr wichtige Information. Die Löhne – Gewinne – sind der reale Maßstab dafür, ob eine Gesellschaft, ein Individuum oder eine Gesellschaft reicher wird. Aktien und Anleihen können steigen oder fallen; es ist die Möglichkeit, Geld zu verdienen, die Reichtum definiert. Ohne die ist man arm.
Wie kann es sein, dass die Einwohner des dynamischsten, kapitalistischsten Landes der Welt ärmer geworden sind?
Ich habe eine Antwort. In zwei Teilen.
Denn das amerikanische Modell des späten, degenerierten Kapitalismus – angebotsorientiert, konsumentengeführt, auf Krediten basierend – ist ein Schwindel. Nachdem die Nixon-Administration am 15. August 1971 die letzten Reste des Goldstandards beseitigt hatte, bewegte sich Amerika graduell von einem produzierenden Land hin zu einem konsumierenden Land ... auf Kreditbasis. Von Sparen hin zu Schuldenmachen. Von Produktion zu Einzelhandel ... und dann zur Finanzwirtschaft. Die größte Gesellschaft der USA war einmal ein Produzent, nämlich General Motors. Heute ist das größte US-Unternehmen ein Einzelhändler, der in China hergestellte Güter an die Amerikaner verkauft: Wal-Mart. General Motors besteht immer noch, aber verdient den größten Teil seiner Gewinne nicht mit dem Verkauf von Autos – sondern mit der Finanzierung dieser Autos.
Ach, man kann schließlich nicht durch Geldausgeben reich werden. Das wussten wir doch die ganze Zeit; jetzt wird es bestätigt, wenn man sich die Lohnentwicklung des letzten Vierteljahrhunderts ansieht.
Währenddessen hat die Globalisierung die amerikanischen Arbeiter in direkte Konkurrenz zu Chinesen und Indern gebracht ... und Millionen anderer, die bereit sind, für 5 Dollar pro Tag zu arbeiten.
Der Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten liegt in den meisten Industriezweigen bei rund 75 %. Die einzige Hoffnung für die Arbeiter in entwickelten Ländern ist, dass sie gegenüber ihren Rivalen in den Entwicklungsländern ihre Vorteile in Bezug auf Ausbildung, Fähigkeit und Kapitalinvestitionen ausspielen können. Das ist der Grund, warum der durchschnittliche amerikanische Arbeiter real weniger verdient – gleichzeitig aber diejenigen an der Spitze der Einkommensskala mehr als je zuvor verdienen.
Dumme Politiker sehen diese Lücke zwischen den Einkommen als einen Affront. Das sei "unfair", sagen sie. Aber sie ist nur eine Konsequenz einer Konsequenz – nur ganz oben beim Niveau haben die Arbeiter keine Konkurrenz durch Billiglöhne in Entwicklungsländern.
John Kerry sagt, dass er einen Plan hat, um mit der Globalisierung und ihren unerfreulichen Nebenwirkungen zu Recht zu kommen.
George Bush sagt, dass er so einen Plan nicht braucht.
Keiner traut sich, nach oben auf das UFO zu sehen und sich zu fragen, was es wirklich bedeutet. Die einzige Möglichkeit für die USA, der Herausforderung durch den chinesischen Wettbewerb zu begegnen, ist es, das exakte Gegenteil der aktuellen Politik zu tun. Die Amerikaner müssten ihre Ausgaben zurückfahren, mehr sparen ... und mehr Geld für die Weiterbildung ausgeben. Statt Soziologie und Gender Studies zu studieren, müssten Sie zum Beispiel Maschinenbau und Sprachen studieren. Statt sich einen neuen Geländewagen auf Kredit zu kaufen, müssten sie ihr Geld behalten und es in eine Verbesserung des Maschinenparks investieren, was den Output pro Stunde erhöhen würde. Wenn Sie 10 Mal soviel wie ein Chinese verdienen wollen, dann müssen sie auch 10 Mal soviel produzieren. Aber wer wird ihnen das sagen? Stattdessen wird ihnen gesagt, dass sie immer an der Spitze der Welt stehen werden, weil ihre Wirtschaft "dynamischer" sei, "kreativer, flexibler und freier".
Und sie glauben das.
Überall im Land schaut keiner der Investoren, Zentralbanker, Politiker und Konsumenten nach oben. "Auf Kurs bleiben", sagen sie sich gegenseitig. "Lasst uns so tun, als ob wir alle reich werden."
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