Turbulenzen zu erwarten ...
Martin Weiss in Investors Daily
vom 21. Juli 2003 18:00 Uhr
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Auch in der vergangenen Handelswoche konnte der deutsche Leitindex seinen fulminanten Aufwärtstrend fortsetzen. Erstmals pirschte sich der Dax gar an die 3400-Punkte-Marke heran und konnte sich positiv von den US-Märkten abheben.
Denn jenseits des Atlantiks war es vor allem die Technolgiebörse Nasdaq, die nach einigen schwachen Quartalsberichten und Ausblicken nicht weiter zulegen konnte. Der Dow Jones hingegen hielt sich relativ stabil, vor allem getragen durch "old-economy" Werte wie United Technologies oder Caterpillar.
Wie auch immer, einige Superbullen prognostizieren für die deutschen Aktien weiterhin rosige Zeiten. So werden als Zielmarken für den Dax 3900–4000 Punkte bis zum Jahresende in den Raum gestellt. Manche Analysten sehen das deutsche Standartwertebarometer gar wieder bis auf 5000 Punkte im nächsten Jahr klettern.
Interessant dabei ist, dass in der Begründung dieser Prognosen fast immer das Wort Anlagenotstand zu lesen ist. Angesichts historisch niedrigster Zinsen, einer schwierigen Lage am Immobilienmarkt (vor allem im gewerblichen Sektor) und überbewerteter Rentenmärkte bleibe kaum eine andere Anlagealternative als Aktien übrig.
Wie in der Endphase des Börsenbooms im Jahr 2000 scheinen die fundamentalen Rahmendaten keine Rolle mehr zu spielen. Daß eine solche von jeglicher realwirtschaftlicher Basis abgekoppelte Entwicklung alles andere als "gesund" ist spricht wohl neben der Tatsache, dass diese Empfehlungen nach einem über 50-Prozent-Anstieg im Dax erfolgen, für sich. Ein Schelm, wer böses dabei denkt und vor allem noch unterstellt!
Apropos Rentenmärkte, in den letzten Tagen fand ein regelrechter Ausverkauf statt, der die Verzinsung bei den zehnjährigen US-Anleihen wieder über die vier Prozent Marke hochschnellen ließ. Noch im Juni warfen zehnjährige Staatstitel nurmehr 3,07 Prozent ab, was den niedrigsten Stand seit 45 Jahren entsprach.
Nicht zuletzt die Aussage des wichtigsten Notenbankers der Welt, Alan Greenspan, der vor dem Finanzdienstleistungsausschuß des Repräsentantenhauses herausstellte, dass die US-Wirtschaft sich scheinbar auf dem Weg hin zu einem Aufschwung befinde, dürfte nicht unwesentlich zu diesem Trend beigetragen haben.
Ob hingegen nun wirklich eine kräftige und vor allem nachhaltige Erholung bevorsteht, ist wiederum sehr zweifelhaft. Denn Greenspan betonte auch, dass durchaus die grundsätzliche Gefahr einer weiter rückläufigen Inflation bestehe, welche von Ihm aber als noch sehr gering eingeschätzt wurde. Vor allem in der schwachen Entwicklung der wichtigen US-Handelspartner Deutschland und Japan sah er ein Risiko auch für die USA. Weiter signalisierte er, dass bei einem Schlüsselzins von derzeit 1,00 Prozent zusätzliche deutliche Lockerungen der Geldpolitik anstehen könnten, wenn der FOMC derartige Schritte für notwendig erachten würde.
Wie dem auch sei, auch Greenspan scheint sich der deflationären Gefahren bewusst zu sein, ansonsten würde er nicht die Möglichkeit weiterer Zinssenkungen einräumen. Apropos Deflation, nicht nur Japan und Deutschland scheinen für zunehmenden Deflationsdruck verantwortlich zu sein. Denn hinsichtlich der High-Tech-Exporte in die USA ist in den letzten Jahren China zum volumenmäßig größten Handelspartner geworden. Denn von 2000–2002 nahmen die Einfuhren bei High-Tech-Produkten aus dem Reich der Mitte um knapp ein Drittel zu. Von der zunehmenden Zahl an Arbeitsplätzen, die aus den USA in den fernen Osten wiederum "exportiert" werden, ganz zu schweigen.
Wie es auch vor dem Hintergrund eines gigantischen Bundes-Haushaltsdefizites, welches 455 Milliarden $ in 2003 und damit mehr als 4,2 Prozent des US-Bip ausmachen soll, zu einer stetigen und starken Konjunkturbelebung vor allem auch mit einem Aufbau an Arbeitsplätzen kommen soll, bleibt mehr denn je rätselhaft.
Zwar ist es weiter gut möglich und nicht ausgeschlossen, dass sich die Aktienmärkte auch in den nächsten Tagen oder Wochen von der Realität abkoppeln und weiter kräftig zulegen. Aber, ich befürchte wirklich, dass spätestens dann, wenn der Masse der Investoren klar wird, dass die Erholung der Wirtschaft bestenfalls sehr schwach und ohne ein deutliche Zunahme an Unternehmensinvestitionen bzw. neuer Jobs ausfallen wird, die Turbulenzen an den Aktienmärkten schon sehr heftig werden dürften.
Und, es besteht wahrlich reichlich viel Luft nach unten. Seien Sie darauf vorbereitet!