Trügerische Stille
Ronald Gehrt in DAX Daily
vom 12. Dezember 2006 08:30 Uhr
ENL5454
Am Aktienmarkt dominierte gestern eigentlich nur eines: Ruhe. Negativ eingestellte Zeitgenossen mögen sogar sagen, dass es langweilig war. Zugegeben, die Spanne zwischen Höchst- und Tiefstkurs lag nur bei knapp 30 Punkten .. aber ist das wirklich „langweilig“? Nach all den extremen, überfallartigen Auf- und Abwärtsschüben sollte es den Akteuren durchaus gut tun, einmal ohne Herzrasen und aufgestellte Haarpracht in den Feierabend zu gehen. Zumal:
Ich befürchte doch, dass wir uns hier quasi im Auge des Taifuns befinden. Also in der kleinen Zone, in der völlige Windstille dazu verleitet anzunehmen, der Taifun sei weiter gezogen. Ist er aber nicht. Nach einem kräftigen Abwärtsimpuls und einer Rallye, welche alle vorherigen Abschläge wieder ausglich, steht der Dax nun genau wieder dort, wo er vor gut zwei Wochen auch schon war. Dabei hat die zuvor völlig geschwundene Volatilität die Regel bestätigt: Wenn der VDax (d.h. der Index, der die Schwankungsfreudigkeit des Dax misst) immer tiefer rutscht, kommt es schon sehr bald ganz besonders dick ... und erwischt die durch diese lähmende Ruhe eingelullten Anleger nicht selten auf dem falschen Fuß.
Und ganz dick ist es nun bislang wirklich noch nicht gekommen, auch, wenn man die Veitstänze der Kurse innerhalb der einzelnen Handelstage mit einrechnet. Wenngleich auch der Ölpreis und der Euro/US-Dollar-Kurs sich gestern friedlich zeigten, ich bin recht sicher, dass diese kurze Zeit der vorweihnachtlichen Beschaulichkeit morgen schon vorbei sein wird. Bleibt allerdings eine Frage offen: Wo geht es lang?
Heute früh kann ich Ihnen das noch nicht beantworten ... und morgen früh kann es jeder. Ich kann Ihnen aber zumindest im Vorfeld sagen, ab wann genau es mit der Ruhe vorbei und wer (oder was) der Störenfried sein wird: 20:15 Uhr, die Presseerklärung zur Notenbanksitzung.
Je nachdem, wie die Verlautbarung zur Zinsentscheidung ausfallen wird, dürfte die Kursrichtung bis zum großen Verfalltermin an den Terminmärkten am Freitag und – mit Blick auf die wenigen verbleibenden Handelstage und das „Window-Dressing“ der Fonds – darüber hinaus bis zum Jahresende entweder klar aufwärts gerichtet sein ... oder der Korrektur zweiter Akt beginnen.
Knackpunkt der ganzen Geschichte ist die Frage, ob die Notenbank endlich auf die deutlich verschlechterte Konjunkturlage reagiert und zumindest die Möglichkeit baldiger Zinssenkungen andeuten wird. Tut sie es, dürfte der Markt beruhigt sein. Die Notenbank steht Gewehr bei Fuß ... also wird die schwache Konjunktur zum „Problem anderer Leute“. Dass das nicht so ist, ist Ihnen und mir klar ... aber fürs erste dürften Zweifel daran weniger schwer wiegen als die Versuche, die Kurse in Richtung Verfalltermin und Jahresende noch ein wenig nach oben zu ziehen.
Sollte dieses Statement der Notenbank jedoch keinerlei Hinweise auf eine mögliche Zinssenkung bergen ... oder zu schwammig formuliert sein ... wird die Enttäuschung riesig sein. Die Lage ist alles andere als rosig und es ist allgemein bekannt, dass es viele Monate dauert, bis Zinsmaßnahmen sich faktisch in der Konjunktur auswirken können.
Ob nun nach „runter und gleich wieder rauf“ ein „rauf und irgendwann wieder runter“ oder ein reines „runter“ folgt, wird der heutige Abend weisen. Eine ausführliche Zusammenfassung erhalten Sie von mir morgen früh. Doch nun zu Dax, MDax und SDax: