Trading Know How: Kapitalschutz-Zertifikate
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 26. Januar 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Heute mit etwas „Trading Know How", wie es im Börsenjargon so schön (?) heißt.
Und zwar geht es heute um Kapitalschutz-Zertifikate. Die sind ja durchaus beliebt geworden bei Anlegern, und das auch zu Recht. Da garantiert der Emittent meist die Rückzahlung von mindestens dem Nennwert zu Laufzeitende. Solange der Emittent selbst nicht Pleite geht, kann das ein schönes Sicherheitsnetz sein.
Doch auch dieses Instrument sollten Sie verstanden haben, wenn Sie es nutzen!
Nehmen wir ein DAX Kapitalschutz-Zertifikat, welches in 4 Jahren ausläuft und eine Partizipationsrate von 110% hat. Nominalwert 100 Euro, Kapitalschutz-Garantie bezogen auf den Nominalwert (d.h. bei Laufzeitende zahlt der Emittent mindestens 100 Euro zurück).
Nun denkt die Masse der Anleger wahrscheinlich, dass „Partizipationsrate von 110%" bedeutet, dass sich der Kurs des Kapitalschutz-Zertifikats jeden Handelstag mit Faktor 1,1 bezogen auf den DAX entwickelt. Wenn der DAX um 1% steigt, steigt der Kurs des Zertifikats um 1,1%, so wird gedacht. Ist dies richtig?
(Sie merken schon am Spannungsbogen, dass hier wahrscheinlich mein derzeitiges Lieblingswort folgt)
Mitnichten!
So einfach ist es leider nicht. Denn a) bezieht sich die Partizipationsrate nur auf das Laufzeitende, und b) kann sich da der Kapitalschutz interessanterweise negativ auswirken.
Der zweite Punkt ist entscheidend. Denn was bedeutet „Kapitalschutz" in der Praxis?
Da die Emittenten uns (natürlich) nichts schenken, wird dieser Schein so konstruiert:
Der Emittent kauft einen Zerobond, das ist eine abgezinste Anleihe. Und zwar so, dass der Zerobond bei Laufzeitende ebenfalls fällig ist und 100,00 Euro pro Schein fällig werden.
Für so einen Zerobond muss der Emittent aktuell einen bestimmten Betrag X bezahlen, sagen wir mal einfach 90,00 Euro.
Für den Schein hat der Emittent zu Beginn 100,00 Euro von den Erstkäufern erhalten. Davon zieht er erstmal die 90,00 Euro für den Kauf des Zerobonds ab, und dann wohl einen Teil für den eigenen Gewinn, und der Rest wird dann in ein Hebelprodukt auf den DAX investiert.
Aufgrund einer hohen Hebelwirkung kann der Emittent eine Partizipationsrate von sogar mehr als 100% bieten.
Und für den Fall, dass der DAX nicht steigt, sondern fällt - dann greift zu Laufzeitende eben der Zerobond. Die 100,00 Euro Auszahlung des Zerobonds sind auf jeden Fall sicher, die kann der Emittent im schlimmsten Fall auszahlen (deshalb Kapitalgarantie in dieser Höhe).
So konstruiert der Emittent einen solchen Schein!
Und jetzt wird klar, warum die Partizipationsrate von 110% nur auf das Laufzeitende bezogen gelten kann, und nicht für jeden Tag der Laufzeit:
Denn der Wert des Scheins wird auch vom Wert des enthaltenen Zerobonds bestimmt.
Und dieser Zerobond, der zu Laufzeitbeginn für einen bestimmten Betrag gekauft wurde, nähert sich bis Laufzeitende dem fixen Auszahlungsbetrag an. Aber zwischendrin kann er durchaus auch einmal fallen - und zwar genau dann, wenn das allgemeine Zinsniveau steigt!
Kennen Sie ja von Anleihen: Wenn Sie eine Anleihe im Depot haben und das allgemeine Zinsniveau steigt, dann sinkt der Kurs dieser Anleihe. (Unabhängig davon, dass die Anleihe am Laufzeitende zum Nominalwert getilgt wird.)
Genauso ist es bei einem Zerobond. Auch wenn feststeht, wie viel der am Laufzeitende auszahlt - während der Laufzeit fällt ein Zerobond genau dann im Kurs, wenn das allgemeine Zinsniveau steigt.
Deshalb diese Kausalkette:
Steigende Zinsen - sinkender Kurs des im Zertifikats enthaltenen Zerobonds - sinkender Kurs des Zertifikats.
Da ein Zerobond nur während der Laufzeit fallen kann (Auszahlung zu Laufzeitende ist fix), wirkt sich dies auch nur während der Laufzeit aus.
Entsprechend beziehen sich Partizipationsrate und Kapitalgarantie ausschließlich auf das Laufzeitende.
Soviel zum Thema Funktionsweise des Instruments „Kapitalschutz-Zertifikats". Wer solche Zertifikate handelt, sollte dies wissen.
Soviel für heute. Hefte zu. Mittagspause.
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily