Trader´s Daily in Jerusalen
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 5. Februar 2009, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Noch ein paar Worte zu Jerusalem, bevor ich dieses Thema abschließe.
Das ist eine Stadt, bei der ich wirklich „sprachlos" war, so hat sie mich sehr beeindruckt.
Auf dem Weg dorthin ließ ich mich einige Kilometer vorher aussetzen, und wanderte zu Fuß in die Stadt. Freute mich sehr, als ich einmal nach dem Weg fragte - wo geht's denn hier nach Jerusalem?
Und dann, in der Ferne, die Stadtmauern. Alleine die Stadtmauern! Zwar nicht die antiken, sondern welche aus der osmanischen Zeit - aber was für beeindruckende Stadtmauern, durchgehend, massiv. Und noch sehr gut erhalten, so als seien sie erst vor einigen Jahren errichtet. Beim „Zion Tor" gibt es allerdings einen Einriss über dem Tor. Warum? Nun, Kaiser Wilhelm II. besuchte 1898 Jerusalem, und wollte in die Stadt einreiten - ohne abzusitzen. Das in die Stadt, in die selbst Jesus zu Fuß ging. Da wurde wegen ihm das Tor vergrößert.
Ach, soviel Hybris musste ja wohl bestraft werden (warum hat bloß nicht der Vater von Wilhelm Zwo, Friedrich Wilhelm III., länger gelebt??)
Ich suchte dann meinen Weg zu einem Pilgerheim im moslemischen Viertel, welches mir von einer Bekannten empfohlen worden war. Die Altstadt von Jerusalem ist in ein moslemisches, ein jüdisches, ein christliches und ein armenisches Viertel geteilt. Das Pilgerheim befand sich mitten in der historischen Altstadt. Als ich vor die Türe trat und mich orientieren wollte, suchte ich nach einem Straßennamen...Via Dolorosa.
Da war ich also, mitten auf der Straße, die in der Antike vom Amtssitz des Pontius Pilatus zur Hinrichtungsstätte von Jesus Christus führte.
*** Als Neuling und sich zunächst fremd vorkommender Alltagsmensch ging ich die Sache langsam an: Genehmigte mir einen Granatapfel-Saft und las mir erst einmal Fakten an. Man bemüht sich ja, seinen Bildungspegel zuhalten.
Und dann, mit grundlegendem Wissen zu den antiken Stätten, ging ich los. Via Dolorosa. Grabeskirche. Die Hinrichtungsstätte von Jesus Christus. Enge, sich windende Gassen. Geruch von Früchten, Weihrauch, Abfall. Verschleierte Frauen. Ihre Waren ausrufende Händler. Ein paar Rabbis, die durch die Menge eilten. Katholische Mönche. Bärtige griechisch-orthodoxe Würdenträger. Imame. Christliche Pilger aus Nigeria. Indische Besucher. Hingegen kaum europäische Touristen. Und dazwischen Ihr Trader´s Daily-Autor, der sich wie in einer anderen Welt vorkam.
Die nächsten beiden Tage stand ich früh auf (geweckt vom Muezzin), und nach gutem Frühstück verbrachte ich die nächsten ca. 12 Stunden pro Tag mit „durch die Stadt laufen". Und auch drum herum: Zum Ölberg, zum Garten Gethsemane. Und ich konnte ich einer privaten Sache Rat einholen. Ich lernte interessante Menschen kennen (einige Aussagen hatte ich Ihnen ja gestern mitgeteilt.) Und zwischendrin mal ins Internet...Kurse von Rohstoff-Futures, völlig andere Welt. Abends ist die Stadt hingegen wie ausgestorben. Und nicht nur im moslemischen Viertel ist es nichts mit „abendlichem Kneippgang". War aber auch gut so, denn sonst wäre ich wohl kaum vor Morgengrauen wach geworden.
Jedenfalls habe ich nun das Gefühl, die Altstadt von Jerusalem wie meine Westentasche zu kennen. Ein unglaublich intensiver Ort. Hat mir sehr gut gefallen.
*** Und was hat das alles mit den Finanzmärkten zu tun?
Nichts.
Ihr
Michael Vaupel