Trader-Fähigkeiten und eine Zugfahrt
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 30. November 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
am Wochenende besuchte ich einen alten "Kriegskameraden" von mir. T. und ich hatten vor Jahren das "Vergnügen", gemeinsam die militärische Grundausbildung in einem jetzt geschlossenen Bundeswehrstandort ablegen zu "dürfen". Uns beide vereinte schon damals ein gewisser Freigeist, der uns sehr oft zur Zielscheibe wütender "Schleifer" machte, welche wohl das (zugegebenermaßen sehr berechtigte) Gefühl hatten, dass wir sie nicht gebührend ernst nahmen (auch wenn wir irgendwo das Prinzip verstanden, warum es die Wehrpflicht gibt und welche Bedeutung sie für die Gesellschaft hat, so konnten T. und ich uns schon damals einfach nicht wirklich mit gewissen Ideen anfreunden. Hierunter fällt ganz besonders der Gedanke, dass jemand "gottgleich" sein solle, nur weil er sich zwei schäbig bedruckte Stoffstückchen auf die Schultern steckt und schön zu Hause vor dem Spiegel oder heimlich unter der Dusche geübt hat, wie man zur allgemeinen "Erbauung" und Vertreibung der eigenen, tief sitzenden Unsicherheit laut "männlich" und gleich einem tollwütigen Neandertaler brüllt, so dass das Triebwerk eines Passagierjets auf Maximalleistung hingegen wohl nur als sanfte, kaum wahrnehmbare Schlafmusik bezeichnet werden kann.).
Da ich ganz gerne Zug fahre (m.E. deutlich bequemer als sich auf der Autobahn durch den Stau zu quälen, es bleibt Zeit zum Arbeiten, manchmal ergibt sich auch das ein oder andere interessante Gespräch mit anderen Reisenden oder schönen Damen) trat ich auch diese Fahrt entsprechend an. Als ich am Bahnsteig saß und die letzten Minuten bis zur Einfahrt des ICEs abwartete, ließ ich meine Blicke schweifen und entdeckte nicht zu weit entfernt von mir einen jungen Hund und sein Herrchen.
Es war eine ganz interessante Szene. Der Hund war sehr aufgeregt, wollte wohl spielen und versuchte dabei immer wieder am Herrchen hochzuspringen. Dieses jedoch maßregelte ihn immer wieder und brachte ihn zurück auf die vier Pfoten. Der Hund ließ nicht locker, verausgabte seine Kräfte immer mehr und versuchte es weiter, worauf irgendwann dann das Herrchen der eigenen Botschaft mangels eigener Geduld mehr Nachdruck verlieh und den Hund freundlich, aber deutlich und unmissverständlich in seine Schranken verwies. Der Hund legte sich darauf enttäuscht auf den Boden und hatte seine Kraft umsonst für etwas ausgegeben, was er schon nach dem ersten Mal eigentlich hätte erkennen können, aber wohl zu aufgeregt für war.
Später im Zug musste ich nochmals an die Szene denken, da sie mich auf eine gewisse Weise an das Verhalten vieler Anleger an den Finanzmärkten erinnerte.
Wie oft haben Sie schon versucht, an den Märkten mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, weil Sie etwas unbedingt wollten (alte Verluste wieder "rausholen", unbedingt das Performanceziel erreichen, ...)? Wie oft haben Sie sich dabei in Emotionen verfangen und haben es, wenn überhaupt, erst später erkannt und gemerkt? Ich bin mir sicher, jeder von uns (mich natürlich eingeschlossen!) hat hier seine ganz persönlichen Erlebnisse und Geschichten zu erzählen und das Resultat ist letztlich wie bei meiner beobachteten Hundeszene: Der Markt sitzt am längeren Hebel und am Ende ist nichts erreicht außer die eigene (finanzielle) Kraft für etwas verschwendet zu haben, was bereits im Vorfeld als falsch hätte erkannt werden können.
Ruhe und die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion sind daher nicht umsonst mit die wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher Anleger an den Märkten.
Beste Grüße
P.S.:
Anbei noch ein interessanter Artikel zum Thema "künstliche Wirtschaftserholung" und zum Thema "Anzahl tatsächlicher Arbeitsloser". Aber wen interessieren schon solche Dinge, wenn doch in der Zeitung steht, dass der Aufschwung jetzt kommt?