Traden verboten
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. November 2007 18:00 Uhr
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Ich habe fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Es mag sein, dass das mit diesem 300 Gramm Black Angus Steak zu tun hatte, das ich mir gestern Abend genussvoll einverleibt habe – wer weiß.
Heute sitze ich hier jedenfalls mit dicken Augen und einer bleiernden Müdigkeit wie Falschgeld vor den Monitoren und freue mich, dass alles so bunt vor sich hin blinkt. Wie immer, wenn ich nicht topfit bin, gilt die alte Regel: Traden verboten.
Mein schwarzer Freitag
Entstanden ist dieser Grundsatz an meinem ganz persönlichen „schwarzen Freitag“.
Ein paar Traderkollegen und ich waren vor einigen Jahren gerade fett in den Markt eingestiegen, um ein paar Cent je Aktie mitzunehmen, als plötzlich die Fed unerwartet die Zinsen senkte. Daraufhin starteten die Märkte eine unglaubliche Rallye. Wir konnten zusehen, wie Sekunde um Sekunde der Depotstand geradezu explodierte und blieben natürlich investiert. Es war, als würde man als Siebenjähriger Weihnachten, Geburtstag und Ostern an einem Tag erleben. Wir hatten viel Geld verdient, richtig viel Geld...
Eins war klar. Das musste gefeiert werden! Am nächsten Tag, Donnerstag, als wir alle entsprechend große Gewinne realisiert hatten, schlug jemand vor, doch bei einem bekannten Spanier in Köln ein kleines Gelage zu veranstalten. Diese Idee wurde mit euphorischer Begeisterung sofort in die Tat umgesetzt. Sie können sich vorstellen, dass wir weder zimperlich noch sparsam waren und bei der Auswahl der Speisen und leider auch der Getränke etwas über das Ziel hinausgeschossen sind.
Der Kater am Tag danach
Es kam wie es kommen musste, der Abend endete feucht-fröhlich, der nächste Morgen begann umso kläglicher. Ich glaube, es war so gegen 11 Uhr, als ich endlich in der Lage war, mit dem Traden fortzufahren. Immer noch ein wenig durcheuphorisiert, kaufte ich eine große Position und setzte damit, wie gewohnt, auf eine kleine Gewinnspanne. Wenige Cent hätten mir gereicht und ich wäre ausgestiegen. Doch die Kurse liefen in die falsche Richtung. Das ist kein Problem, wenn es nicht so läuft, wie man will, muss man einfach verkaufen – sofort.
Nur genau dieses „sofort“ gestaltete sich schwieriger als erwartet. Damals waren die Broker noch nicht so komfortabel, man musste noch mit einzelnen Tans agieren und das Internet war noch langsam. Zudem hatte ich aufgrund der Nachwirkungen des übertriebenen Alkoholgenusses doch einige Mühe, die Order an den Markt zu bringen. Schlussendlich schickte ich sie unlimitiert in den Markt.
Endlich war die Order draußen – entspannt lehnte ich mich zurück und entschloss mich an diesem Tag erst einmal nicht mehr weiter zu traden. Ich war einfach nicht fit genug dafür.
Der Schock
Irgendwann, eine ganze Weile später, während die Kurse aufgrund der Gegenbewegung immer weiter in den Keller rauschten, aktualisierte ich mein Depot. Doch was war das? Diese Position befand sich immer noch im Depot. Sie glauben gar nicht, was das für ein Adrenalinstoß war, immerhin ging es hier um große Summen.
Auch nach mehrmaligem Aktualisieren blieb diese Position hartnäckig im Depot, während ich bereits mit dem Broker telefonierte. Dort erfuhr ich dann das Unglaubliche: In der Hektik und wahrscheinlich auch aufgrund meines etwas angeschlagenen Zustands hatte ich die Position nicht verkauft, sondern die gleiche Position noch einmal gekauft! Ich besaß also eine unglaublich riesige Position einer Aktie, die seitdem ich sie im Depot hatte, nichts anderes zu tun wusste, als wie ein Stein zu fallen
Der Schock saß tief, mit zittrigen Händen, leichenblass im Gesicht und kaum in der Lage vernünftig zu denken, brauchte ich dann noch eine halbe Ewigkeit, um endlich die Gesamtposition zu unglaublich schmerzhaft schlechten Kursen los zu werden.
Ich hatte viel Geld verloren, richtig viel Geld – die Gewinne des Vortages waren wieder weg. Ich saß lange wie paralysiert regungslos einfach da und und starrte auf den Monitor....
Damals fasste ich ein paar sehr wichtige Entschlüsse, die ich bis heute eingehalten habe, und die in letzter Konsequenz mein Leben veränderten.
- Niemals, wirklich niemals, wird getradet, wenn ich am Vortag Alkohol getrunken habe. Was dazu führte, dass ich mittlerweile fast gar nichts mehr trinke (auch gestern nicht).
- Wenn ich krank bin oder mich aus anderen Gründen nicht wirklich gut fühle (zum Beispiel wenn ich die halbe Nacht nicht geschlafen habe), ist traden ebenfalls verboten.
- Etwas später kam dann noch Regel 3 hinzu: Bei emotionalen Stress (z.B. Streit mit der Partnerin u.a.) ist traden ebenfalls untersagt.
Sie glauben nicht, wie sehr solche Regeln den Alltag verändern. Doch ich bin überzeugt, sie sind gerade beim Daytraden absolut unabdingbar.
Zum Markt
Es ist etwas verrückt. Hatten sich zuvor die europäischen Indizes sehr gut gehalten, kamen sie heute deutlich unter Druck. Der Dax ist mittlerweile knapp 1,8 % im Minus und das obwohl die US-Indizes nur leicht im Minus sind.
Offenbar schließt sich nun die Schere der Kursentwicklung zwischen den USA und Europa, die sich in den letzten Wochen ausgebildet hatte.
Damit wird nun hoffentlich endlich das Gap geschlossen, dass sich im Dax bei 7600 Punkten gebildet hatte (grünes Rechteck). Sie wissen, solche Gaps ziehen Kurse an. Zudem erleben wir nun im Dax etwas, was ich bisher vermisst hatte – eine Art Sell-Off.
Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, an dem die ganzen Gefahren, die wir hier seit Wochen besprechen, endlich auch in den Medien ankommen. Es ist schon verrückt.
Doppeltop im Dax
Es wird im Moment viel von einem möglichen Doppeltop gesprochen, doch ich sehe das nicht. Mir fehlen dazu einige Voraussetzungen. Bei einem Doppeltop hätte sich der Dax entlang der roten Linie entwickeln müssen. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass sich ein breiter Aufwärtstrend ausbildet (blauer Trend), der aufgrund einiger anderer charttechnischer Faktoren so wie hier eingezeichnet verlaufen sollte.
Ansonsten bleibt noch eine Seitwärtsbewegung (gelbes Rechteck), wobei hier die untere Linie noch nicht bestätigt ist.
Noch habe ich keine fundamentale Begründung für diesen Einbruch im Dax, nachdem er sich wochenlang derart gut gehalten hat – aber, vielleicht bin ich heute einfach auch zu müde zum denken....
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens
P.S. Da ich morgen zwischenzeitlich auf der Tradersworld bin, erhalten Sie wie gewohnt einen Gastbeitrag.
