Tief im Schuldenloch, in einem Netz gefangen
Hans Sennholz in Investors Daily
vom 05. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Diese Überschrift beschreibt genau die finanzielle Situation vieler Amerikaner. Die Schulden der privaten Haushalte steigen derzeit mit einer Jahresrate von 8,8 %, und die Hypotheken sogar mit 14,2 %. Die gesamten Schulden in den USA haben sich von 1998 bis 2002 verdoppelt, von 16 Billionen auf 32 Billionen Dollar, und in den nächsten 5 Jahren könnten sie sich noch einmal verdoppeln.
Die Bundesregierung, die die Geschwindigkeit vorgibt, hat für das Fiskaljahr 2003 ein Defizit von 555 Milliarden Dollar vermeldet; ihr gesamter Schuldenstand steht bei 6,783 Billionen Dollar. In den nächsten zwei Jahren soll das Haushaltsdefizit bei 566 und 644 Milliarden Dollar liegen, was die Gesamtschulden auf über 8 Billionen Dollar hieven würde. Das wären rund 27.000 Dollar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind.
Volkswirte machen einen wichtigen Unterschied zwischen "produktiven" und "konsumptiven" Schulden. Obwohl der Unterschied nicht immer klar und exakt sein mag und deshalb Anlass für Kontroversen liefern mag, so ist er doch signifikant. Bei Schulden, die man für produktive Zwecke einsetzt, z.B. für Investitionen in Geschäfte oder Industrien, die zukünftige Gewinne generieren sollen, können durch diese Gewinne die Zinsen bezahlt werden – und vielleicht gibt es sogar einen Überschuss. Und produktive Schulden auf der Ebene von privaten Haushalten sind z.B. neue Hypotheken, die für den Kauf eines Ferienhauses eingesetzt werden können. Aber Schulden, die in neue Möbel, ein neues Auto oder eine Weltreise eingesetzt werden, könnten zwar vom Schuldner auch "produktiv" genannt werden – aber sie schaffen ganz bestimmt kein neues Kapital (wie Fabriken oder Maschinen, die die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft verbessern).
Es wird in der Zukunft wahrscheinlich immer schwieriger werden, da sich die Kosten für Schulden wahrscheinlich verdoppeln und verdreifachen werden. Derzeit liegen die Zinsen deutlich unter dem Wert, den der freie Markt ergeben hätte, dank der massiven monetären und fiskalischen Stimulationen durch Fed und US-Finanzministerium. Die US-Leitzinsen stehen bei 1,0 %, Geldmarktpapiere mit einer Laufzeit von 3 Monaten rentieren mit 1,11 %, einjährige Papiere mit 1,78 % und zweijährige Regierungspapiere mit 1,77 %.
Eine Zeitlang mag die Regierung die Marktpreise und Marktlöhne und Marktzinssätze ignorieren und sogar übertrumpfen können. Aber die Preise und Zinssätze, die vorgegeben werden, stören immer das glatte Funktionieren der Märkte. Sie führen sie Fehlallokationen, die dazu führen, dass immer mehr Unternehmen Verluste erleiden und Pleite gehen. In wirtschaftlicher Unordnung wird die Fed dann keine Wahl haben, als die Zinsen auf Marktniveau zu erhöhen, was den Geschäftsleuten ermöglichen wird, sich an die Urteile und Wünsche der Leute anzupassen.
Die öffentlichen Schuldner mögen ihre Schulden in einem anderen Licht sehen. Sie mögen sie eine "nationale Anleihe" nennen, wie Franklin D. Roosevelt das getan hat, "die der Nation von der Nation geschuldet wird". In der Realität ist es unwahrscheinlich, dass die zukünftigen Generationen der Steuerzahler die Schuldenlast tragen werden. Wie so viele vor ihnen könnten sie die Möglichkeit einer Abwertung wählen, was die vorteilhafteste Flucht aus der Schuldenlast ist. Dadurch werden alle Schulden entwertet, und an der Kaufkraft gemessen können die Schulden schneller verringert werden, als neue hinzukommen. Am Ende kann es fast egal sein, wie groß die Defizite sind, da die Schuldenabwertung größer ist als die Defizite. Das wäre für alle Schuldner – öffentliche wie private – gut, und es wäre ein Betrug an allen Gläubigern.
Viele Gläubiger sind noch einer anderen Gefahr ausgesetzt. Die Währungsabwertung könnte sich beschleunigen, wenn die ausländischen Kreditgeber beginnen sollten, die Qualität des Dollar in Frage zu stellen, und sie ihre Dollaranlagen liquidieren würden, um Zuflucht in anderen Ländern und Währungen zu suchen.
Jede solche Liquidierung würde die Nachfrage nach Dollars reduzieren, und die Dollarabwertung verschärfen. Außerdem würde das die besondere Situation des Dollar als erste Reserve- und Handelswährung der Welt in Frage stellen. Für viele Jahre hat diese besondere Situation es der Fed erlaubt, die Welt mit immer mehr Dollarscheinen zu versorgen – im Austausch für Güter und Dienstleistungen. Wenn die Welt jemals ihr Vertrauen in den Dollar verlieren würde und einige ihrer Dollar-Anlagen konvertieren würde – von den 7 Billionen Dollar, die das Ausland in den USA angelegt hat –, dann könnten die Konsequenzen zu verhängnisvoll sein, um darüber nachzudenken.
Unsere Schuldengeneration ist eine traurige Generation, in die Irre geleitet von falschen Doktrinen und nur mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen beschäftigt. Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern sollte, dann könnte diese Generation noch egozentrischer und unglücklicher werden, was dazu tendiert, die sozialen Spannungen und den Zwist zu verschärfen. Die unglückliche Gesellschaft könnte dann zu einer militanten Versammlung von "pressure groups" herabsteigen, die sich gegenseitig bekämpfen, um ihre Rechte und Leistungen voreinander zu verteidigen.
Wenn der politische Konflikt schließlich in Gewalt explodiert, dann braucht die Transfer-Gesellschaft plötzlich einen Friedensstifter, der darauf vorbereitet ist, die Gewalt mit höherer Gewalt zu unterdrücken. Am Ende muss sich eine Gesellschaft, die nicht länger friedlich zusammenleben kann, dem Diktat eines starken Präsidenten beugen, der mit einer Reihe von Notstandsvollmachten bewaffnet ist. In anderen Zeiten, an anderen Orten, hätte man so einen Mann Caesar genannt.