Thyssen und Salzgitter: Kniefall vor den Zahlen
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 13. August 2009, 08:00 Uhr
ENL5462
wer auf dem Aktienmarkt Papiere mit einer geringen Schwankungsanfälligkeit sucht, sollte sich nicht mit den Aktien von Thyssen und Salzgitter beschäftigen. Der ungewöhnliche Nachfrageboom in den Jahren 2007/2008 hinterließ ebenso wie der folgende Absturz der Weltwirtschaft tiefe Spuren in der Branche. Zwar sind die Anleger von zyklischen, also konjunkturabhängigen Branchen einiges gewohnt, aber die Achterbahnfahrt der vergangenen 18 Monate stellt selbst für die deutschen Unternehmen eine völlig neue Erfahrung dar. Die Ursache für die nachhaltige Erholung der Aktienkurse in den vergangenen drei Monaten liegt in den sich gewendeten Konjunkturaussichten. Deute sich eine Konjunkturerholung an, stehen die Stahlhersteller an erster Stelle der Produktionskette, die das positiv zu spüren bekommen. Nachdem im Juni die Walzbestellungen auf den höchsten Wert seit Juli 2008 gestiegen sind und im Juli die Rohstahlerzeugung um rund sieben Prozent gegenüber dem Vormonat zulegen konnte, nimmt der Optimismus der Anleger zu. Neben der Abwrackprämie dürften die mittlerweile stark abgebauten Lagervorräte für eine Belebung der Nachfrage verantwortlich sein. Die Unternehmen selbst halten sich mit konkreten Prognosen aber weiterhin zurück. Der Schock des drastischen Nachfrageinbruchs wirkt hier immer noch nach.
Furcht vor einem erneuten Absturz präsent
Die Zurückhaltung der Stahlmanager macht sich allein an dem Umfang des historischen Absturzes der Branche fest. Zum Jahreswechsel 2008/2009 fiel das Niveau der Stahlproduktion auf jenes in den fünfziger Jahren zurück. Wer sich allerdings aufmerksam die Entwicklung in der Automobilbranche angeschaut hatte, den konnte der Nachfrageeinbruch in seinem Ausmaß nicht mehr so stark überraschen. Wirtschaftskrisen sind für die Stahlindustrie zudem nicht Neues, bereits in den Rezessionsphasen Mitte der sechziger und Angang der achtziger Jahre erlebte die Branche Restrukturierungswellen größeren Ausmaßes. Vermutlich hat die außergewöhnlich freundliche Entwicklung des Zeitraums zwischen 2004 und 2008 einige Unternehmen zu forsch planen lassen. Auch der Boom in den Schwellenländern und die steigende Nachfrage im Schifffahrtsbereich ließ die Umsatzzahlen in der Stahlindustrie steil in die Höhe schießen. Die momentane Vorsicht der Stahlmanager beruht auf der Grundlage einer schwachen privaten Nachfrage. Während die großen Konjunkturprogramme der Regierungen sicherlich irgendwann in den nächsten sechs Monaten auch bei der Stahlindustrie für einen positiven Effekt sorgen werden, steht eine Rückkehr der Nachfrage aus dem Anlagen- und Maschinenbau noch in den Sternen. Zudem werden die Sondereffekte der Abwrackprämie bald nachlassen. Inwiefern sich dann geeigneter Ersatz für die fehlende Nachfrage findet bleibt ungewiss. Springt allerdings die Konjunktur in den USA stärker an als bisher angenommen, dürfte sich die trübselige Stimmung bei den Stahlherstellern schnell verflüchtigen.
Salzgitter mit schwächeren Zahlen als erwartet
Vorbörslich deutliche Abschläge muss die Salzgitter-Aktie wegen schlechter Quartalszahlen einstecken. Der Verlust lag mit 165 Millionen Euro im ersten Halbjahr mehr als 10 Prozent über den Erwartungen der Analysten und auch der Umsatzrückgang um 34 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro verfehlte die Prognosen. Nimmt man allerdings die bisherigen Reaktionen des Marktes auf derartigen Verfehlungen in zyklischen Branchen als Maßstab, so könnte sich im Verlauf der Börsensitzung die Erkenntnis durchsetzen, dass der Tiefpunkt der Entwicklung damit hinter dem Unternehmen liegt und die nächsten Quartale wieder eine deutliche Verbesserung versprechen. Vor diesem Hintergrund sollten die Reaktionen dann ähnlich wie bei den Automobilherstellern eher antizyklisch ausfallen. Das Motto „Buy on bad news" könnte dann einen würdigen Untertitel für das Verhalten der Marktteilnehmer erhalte. Einziger Unsicherheitsfaktor bleibt der Kommentar des Vorstandes. Macht er zu sehr in Moll, würde das natürlich auch die Investoren beeindrucken.
Noch ein Stück Konsolidierung
An der Aktie von Thyssen-Krupp werden die Auswirkungen der zyklischen Schwankungen in der Branche deutlich. Gehen die Prognosen für die Stahlproduktion nach unten, schmiert die Aktie extrem stark ab, zeigen sich Anzeichen einer Belebung des Geschäfts, gerät das Papier in den Rally-Modus. Seit Anfang Juli konnte die Aktie in der Spitze fast 50 Prozent an Wert gewinnen und gehört damit zu den Top-Perfomern im DAX. Im Vorfeld der Quartalszahlen, die Morgen veröffentlicht werden, haben einige Investoren ihre erzielten Gewinne schon einmal sicher gestellt und damit eine Konsolidierung in dem Titel eingeleitet. Sowohl der Trendfolger MACD als auch die Stochastik begleiten diesen Prozess mit fallenden Kurven. Ein echtes Verkaufssignal hat sich im MACD aber noch nicht ergeben. Zwar hat sich der Kurs von allen wesentlichen Durchschnittslinien schon deutlich nach oben abgesetzt, dies bedeutet aber nicht, dass im Rahmen einer Konsolidierung ein Test besagter Durchschnitte erfolgen muss. Bei Thyssen-Krupp sollten die aktuellen Gewinnmitnahmen den Kurs nicht unter die Unterstützungszone um 21 Euro in den kommenden Tagen drücken. Gelingt den Bullen an dieser Marke wieder eine Trendwende, dürfte sich die Aufwärtsbewegung bis in die nächste Widerstandszone zwischen 24,40 und 25,20 Euro fortsetzen. Gewinnen die Bären hingegen weiter an Oberwasser und knacken die 21er Marke, stehen weitere Kursverluste bis an die nächste Unterstützungszone um 19 Euro auf dem Programm. Die Aktie dürfte dann wieder in einen Seitwärtshandel übergehen.

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