Thema Abgeltungssteuer
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 08. August 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Thema Abgeltungssteuer.
Am 12. Juli hat das deutsche Bundeskabinett beschlossen, dass diese ab dem Jahr 2008 kommen soll. Ich möchte heute mal beleuchten, was das für diejenigen von Ihnen inklusive mir, die mit Zertifikaten und Optionsscheinen handeln, bedeutet.
Also, zunächst mal der Blick darauf, wie das jetzt noch geregelt ist:
Aktuell müssen Spekulationsgewinne, die mit Zertifikaten und Optionsscheinen erzielt worden sind, voll versteuert werden, d.h. sie müssen in der persönlichen Einkommensteuer komplett angegeben werden und erhöhen dort das zu versteuernde Einkommen entsprechend. Wie hoch die Steuer ist, hängt dann vom persönlichen Steuersatz ab.
Ausnahme: Wenn eine Position mindestens ein Jahr gehalten worden ist, sind die mit ihr erzielten Spekulationsgewinne vollständig steuerfrei.
Ausnahme von der Ausnahme: Diese Steuerfreiheit nach einem Jahr gilt nicht für „Garantiezertifiakte“, bei denen es eine Kapitalgarantie auf den Nominalwert gibt.
Folgende Probleme bei der aktuellen Besteuerung:
1. Diese Form der Besteuerung führt dazu, dass die Haltedauer einer Zertifikate-Position auch von steuerlichen Gesichtspunkten bestimmt wird. Das sollte nicht der Fall sein, denn die Haltedauer sollte ausschließlich aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt werden. Nur das wäre effizient. Die Besteuerung sollte neutral in Bezug auf die Haltedauer sein, was sie hier nicht ist.
(Da fällt mir gerade ein, dass ich mich auch in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema „Abgeltungssteuer“ befasst habe. Und, Sie wissen es ja: In solchen Arbeiten muss das, was sich auch mit einfachen Worten klar verständlich sagen lässt, möglichst kompliziert ausgedrückt werden, wenn man ernst genommen werden will. Deshalb bin ich ja so froh, den Trader´s Daily schreiben zu können, denn da kann ich auch kompliziertere Sachverhalte in lockerer Sprache schildern. In dieser wissenschaftlichen Arbeit schrieb ich hingegen: „Unter Effizienzgesichtspunkten wird ein Steuersystem angestrebt, das allokativ neutral ist. Allokative Neutralität eines Steuersystems bezeichnet die Tatsache, dass durch dieses Steuersystem das System der relativen Preise unverändert bleibt und keine steuerlichen Zusatzlasten über die Last der Besteuerung hinaus erfolgen. Dies impliziert, dass es zu keinen Verhaltensänderungen der Steuerpflichtigen durch die Besteuerung kommt.“)
2. Problem der Erhebung. Der Steuerpflichtige muss seine Gewinne selbst angeben…und dann gibt es die Ehrlichen, die alles angeben, und die Unehrlichen. Der Ehrliche soll nicht der Dumme sein! Das ist bei der derzeitigen Regelung allerdings nicht gewährleistet.
3. Probleme der Systematik. Denn warum greift die Steuerfreiheit nach einem Jahr z.B. bei einem Discount-Zertifikat, aber nicht bei einem Garantie-Zertifikat? Und dann ist da noch die Ungleichbehandlung im Vergleich mit Aktien. Nehmen wir den Punkt Dividende: Bei einem Aktien-Investment müssen Dividenden zu 50% versteuert werden. Bei Aktien-Zertifikaten hingegen, die so konstruiert sind, dass sich die Dividenden in Form steuerfreier Kursgewinne verwandeln, sind diese Dividenden bei Haltedauer von mindestens einem Jahr steuerfrei. Das soll systematisch sein?
Nun zur neu beschlossenen Regelung ab 2008:
Derzufolge werden alle mit Zertifikaten und Optionsscheinen erzielten Gewinne mit pauschal 30% besteuert. Ab 2009 soll diese Abgeltungssteuer auf 25% verringert werden.
Das war´s. Haltedauer spielt dann keine Rolle mehr, es wird auch nicht mehr zwischen verschiedenen Zertifikate-Kategorien differenziert. Die gerade beschriebenen 3 Problemfelder entfallen:
1. Die Form der Besteuerung beeinflusst nicht mehr die Haltedauer. Denn als Investor bzw. Trader müssen Sie den Gewinn pauschal mit 30% versteuern, egal ob der Schein 1 Woche oder 1 Jahr gehalten worden ist.
2. Die Steuergerechtigkeit ist gewährleistet. Denn diese Abgeltungssteuer wird direkt an der Quelle erhoben, d.h. von der Bank. Sie als Steuerpflichtige(r) müssen nichts weiter unternehmen, die Steuerschuld ist damit abgegolten.
3. Systematik gewährleistet. Es gibt keine wirtschaftlich nicht begründbaren „Extrawürste“ für bestimmte Zertifikate-Kategorien.
Natürlich gibt es bei der Umstellung gewisse Probleme…z.B. sollten Sie daran denken, vor dem 1.1.2008 Gewinnpositionen zu verkaufen, die Sie vor dem 1.1.2007 gekauft haben, um die Steuerfreiheit der Gewinne noch in Anspruch nehmen zu können.
Volkswirtschaftlich gesehen ist die neue Regelung aber sehr sinnvoll, da sie die 3 angesprochenen Probleme beseitigt. Außerdem ist die ganze Sache für Staat und Steuerzahler insofern komfortabel, als sie den Verwaltungsaufwand vereinfacht...diese Spekulationsgewinne müssen schließlich in keiner Steuererklärung mehr auftauchen.
Bleibt die Höhe des Steuersatzes. Darüber lässt sich natürlich immer streiten. Ich hätte ein Abgeltungssteuer in Höhe des Eingangssteuersatzes der Einkommensteuer aus Gründen der Verteilungswirkung für besser gehalten (denn für Trader mit niedrigem Einkommen bedeuten diese 30% de facto eine Steuererhöhung). Nunja, das ist eine politische Entscheidung. Fakt ist aber, dass diese Regelung für die Volkswirtschaft als ganzes höchst sinnvoll ist. Wirtschaftliche Verzerrungen (wie z.B. in Bezug auf die Haltedauer, auch bei der Steuergerechtigkeit) werden hier beseitigt. Deshalb stimme ich nicht in den Chor derjenigen ein, die diese am 12.7. beschlossene Maßnahme als wirtschaftsfeindliche Steuererhöhung bekämpfen. Das Gegenteil ist richtig.
Eine sehr vernünftige Maßnahme!
Beste Grüße,
Michael Vaupel