Terrorwarnung im Weißen Haus leitet Rallye ein?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. Mai 2005 18:00 Uhr
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Dann wurde noch kurz das Weiße Haus aufgrund einer Terrorwarnung und einem kleinen Flugzeug evakuiert. Das passt ja prima zusammen. Fast schon zu ideal.
Das sind so die Umstände, die oft genug eine Rallye einleiten. Wie ich gestern schon geschrieben hatte, wenn so viele Gerüchte und dazu noch seltsame Nachrichten in den Markt kommen, dann braut sich häufig etwas zusammen. Und tatsächlich startete gestern pünktlich nach 20 Uhr (damit Europa ja nicht noch mitziehen kann) die Erholungsintradayrallye bei den Amis. Doch geht es nun weiter?
Der Dollar ist heute nach den guten US-Einzelhandelsumsätzen (dazu später mehr) nach oben ausgebrochen. Damit hat im Euro/Dollar Verhältnis die 1,275 Dollar Marke nicht als untere Linie der zu erwartenden Seitwärtsbewegung gehalten. Mit diesem Bruch hat der Euro jetzt viel Platz nach unten, im Prinzip bis sogar zur 1,24 Dollar runter. Doch wir sollten zunächst nur die 1,26 Dollar Marke anvisieren.
Da hilft dem Euro auch nicht, dass heute der Bundestag der EU-Verfassung mit großer Mehrheit zugestimmt hat.
Jetzt wird es etwas kompliziert: Wenn der Dollar zu stark wird, dann sinken die Inflationssorgen rapide! Ein zu stark steigender Dollar in der aktuellen Situation würde schnell wieder das Deflationsthema aus der Mottenkiste holen. Das mag sich vielleicht verrückt anhören, aber Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass die Fed immer noch einen Drahtseilakt versucht – ein Drahtseilakt zwischen Deflation und Inflation.
Japan ist damals nach 1990 in eine Deflation abgerutscht, die Fed hat daraus gelernt. Und tatsächlich, allerdings auch aufgrund des Umstandes, dass der Dollar Weltwährung ist und alle Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, hat die Fed es geschafft, das Thema Deflation im letzten Jahr durch eine über die Rohstoff und Energiepreise importierte Inflation aus den Köpfe der (meisten) Analysten zu bannen.
Wenn jetzt also der Dollar wieder stärker und stärker werden sollte, dann wird die Fed auch gegensteuern müssen – und zwar frühzeitig. Das bedeutet: Sie wird die Zinserhöhungen wahrscheinlich schneller, als bei den guten Wirtschaftsdaten gedacht, aussetzten, zumindest kurzfristig. Die Fed braucht dringend ein gewisses Maß an Inflation, um die Wirtschaft zu stimulieren und die Schuldenlast des Staates, bzw. der Konsumenten zu verringern.
Die gesunkene Zinserhöhungssorgen werden wiederum den Markt stützen, vielleicht sogar beflügeln und gleichzeitig den Dollar wiederum schwächen (weswegen ich schließlich auch annehme, das wir mittelfristig eine Seitwärtsbewegung im Dollar/Euro Verhältnis erleben werden, wobei ich gedacht hätte, die 1,275 sei schon die untere Linie dieser Seitwärtsbewegung gewesen.)
Dieses Hin und Her, dieser Drahtseilakt zwischen Deflation und Inflation sollte noch ein bis zwei Jahre so weiter gehen können. Gelingt der Fed dieses Spiel durchzuhalten, ohne in die ein oder andere Richtung abzurutschen, dann besteht eine gute Chance, dass der große Crash 2000 keine schmerzhaften Nachwehen erfährt. Auch (und gerade weil) das kaum jemand glauben will. Das ganze Spiel hat etwas von einem aus der Spur geratenem Auto: Ausbruch in die eine Richtung – gegensteuern – Ausbruch in die andere Richtung – gegensteuern. Nur wenn man schneller ist, jedes Mal rechtzeitig das Gegensteuern unterbricht, wird man den Wagen unter Kontrolle kriegen.
Nach den letzten Zahlen und der aktuellen Stärke des Dollars sieht es also wieder etwas besser aus, als in den letzen Wochen.
Soweit zur Theorie. Für die Märkte bedeutet das, die bullishen Aspekte nehmen wieder zu. Zunächst über die neu geschaffenen Stellen, dann über das gesunkene US-Handelsbilanzdefizit und heute noch über die gestiegenen Einzelhandelsumsätze. Doch wie lange die Märkte brauchen werden, um zu realisieren, dass ein starker Dollar inflationshemmend ist und den Zinserhöhungsdruck von den Märkten nimmt? Keine Ahnung.
So lange der Dollar steigt, kann allein das zunächst die US-Kurse noch kurz ausbremsen. Insgesamt sind allerdings die mittelfristigen Zeichen der Zeit wieder deutlich ins Bullenlager gerutscht. Zumindest solange die guten Zahlen sich nicht als Eintagsfliegen herausstellen.
Und lassen Sie sich jetzt nicht von Analysten verwirren, die nun argumentieren, dass die besseren US-Wirtschaftsdaten die Fed zu weiteren Zinserhöhungen zwingen wird und das marktnegativ sei.
Wie mehrfach betont: Ein starkes Wirtschaftswachstum kann und muss von höheren Zinsen begleitet werden. Dazu kommt, sofern der Dollar weiter fällt: Ein starker Dollar befreit die Fed vom Zinserhöhungsdruck.
Mein persönlicher Bulle/Bär – Index ist wieder deutlicher ins Bullenlager gerutscht. Im Moment steht er bei ca: 57 zu 43