Technologie-Aktien: Optimismus berechtigt?
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 9. Oktober 2009, 08:00 Uhr
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bei allen Schwankungen, die innerhalb des Erholungsimpulses an den Aktienmärkten seit Anfang März stattfanden, zeichnete sich eine Branche durch eine außerordentliche Widerstandskraft aus: die Technologiesektor. Viele Unternehmen hat die Internetkrise vor bald 10 Jahren bis ins Mark getroffen, den Aufschwung der Jahre 2003 bis 2008 begleiteten sie deshalb bei aller Profitabilität mit einer Portion Skepsis. Zudem vollzog sich der technologische Fortschritt nicht mehr in dem Tempo der achtziger und neunziger Jahre, sondern mindestens zwei Gänge langsamer. Die Branche brauchte eine Weile, um sich an das neue Tempo zu gewöhnen und die Kapazitäten an den Bedarf anzupassen. Die Finanzkrise traf die Technologie-und Softwarekonzerne daher nicht mehr mit jener Wucht, die sie zu Beginn des neuen Jahrtausends erlebten.
Nun breitet sich also neuer Optimismus in den Technologie-Unternehmen aus, weil die Konsolidierungsphase von Internet und mobilen Anwendungen scheinbar vorüber ist. Allein die IT-Branche hat im vergangenen Monat Zusammenschlüsse in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar angekündigt. Dabei setzen viele Branchengrößen nicht mehr nur allein auf ihre Kernkompetenz, sei es die Produktion von Soft- und/oder Hardware, sondern entdecken auch zunehmend die lohnenswerten Servicesektoren. Zudem scheut man nicht mehr davor zurück, in artverwandten Branchen zu wildern.
Google baut Mobiltelefone, Microsoft kreiert Suchmaschinen
Belege hierfür finden sich zuhauf, so baut Google mittlerweile eigene Mobiltelefone in Kooperation und Microsoft kreiert in Konkurrenz zum Marktführer die eigene Suchmaschine Bing. Nokia, bisher eigentlich eher für die Produktion von Mobiltelefonen und den Aufbau von Netzwerken bekannt, will bald das erste eigene Netbook auf den Markt bringen. Für die Finnen wäre diese Veränderung ihres Produktportfolios aber nicht wirklich etwas neues, stellten sie doch in den achtziger Jahren noch Autoreifen her. Die Flexibilisierung der Angebotsseite resultiert auch aus den Krisenerfahrungen des Zusammenbruchs der Interneteuphorie. Je schneller man sich auf die Breite der Trends der Zukunft einstellt, desto weniger Belastungen drohen, wenn ein Produkt nicht mehr so gut läuft.
Vor dem Hintergrund der zu erwartenden Gewinnaussichten von 25 Milliarden US-Dollar im abgelaufenen Quartal verwundert das neu ausgebrochene Übernahmefieber kaum. Obwohl sich die gesamte Realwirtschaft erst auf einem zögerlichen Erholungsweg zeigt, scheint die Wachstumsaussichten im Technologiebereich ungebrochen. Die Krise zwingt viele Unternehmen, ihre Kostenblöcke im Personalbereich noch weiter einzudampfen, Gewinner sind die elektronischen Verarbeitungssysteme. Die kurzsichtige Denkweise vieler Dienstleister braucht die IT-Unternehmen nicht zu kümmern, sie profitieren in jedem Fall.
Neue Synergie-Effekte müssen sich beweisen
Im Wettrennen um die besten Schnäppchen wird sich aber sehr schnell erweisen, ob die Unternehmen aus den Fehlern der neunziger Jahre gelernt haben. Viele Zusammenschlüsse der damaligen Zeiten endeten nicht selten in einem finanziellen Fiasko, das berühmteste Beispiel ist die Verschmelzung des Internetdienstleisters AOL mit dem Medienkonzern Time Warner. Mehr als 100 Milliarden US-Dollar wurden in dieser Ehe verbrannt, die erst im Sommer dieses Jahres durch die Streichung des Zusatzes AOL ihr Scheitern eingestand. Auch wenn die Vorstände schon allein wegen der Finanzkrise heute wesentlich defensiver im Übernahmekampf vorgehen, Fehlbewertungen stechen immer wieder hervor. Facebook, das soziale Internet-Netzwerk, kann dafür beispielhaft angeführt werden. Obwohl das Unternehmen bis heute kein Geld verdient, wurde es schon vor zwei Jahren mit 100 Millionen US-Dollar bewertet. Der fortgeschrittene Realitätssinn in den Führungsetagen könnte aber die nächste Wachstumsphase nachhaltiger ausfallen lassen.
Beeindruckender Aufwärtstrend
Im Frühjahr 2007 erreichte der DAXSec. Technology bei 434 Punkten das Top, hervorgehend aus der Auswärtsbewegung seit 2003. Dann schlug die Finanzkrise mit aller Gewalt zu und reduzierte den Barometerstand auf 65 Punkte im Frühjahr dieses Jahres. Fast idealtypisch bildete sich seitdem ein steiler Aufwärtstrend heraus, bei dem sich die Konsolidierungsphasen deutlich von denen des Gesamtmarktes unterscheiden. Während beispielsweise der DAX erst die Hälfte seiner angefallenen Verluste aus der Baisse aufgeholt hat, stehen die Technologietitel kurz davor, auch die letzte Schwelle des Fibonacci-Retracements bei 294 Punkten zu überwinden.
Allerdings dürfte es den Bullen nicht ganz so leicht fallen, diese Hürde zu nehmen, denn die Widerstandszone zeichnet sich durch viele Hoch-und Tiefpunkte aus. Nur kurz darüber, bei 305 Punkten, würde im Falle eines weiteren Anstiegs das nächste Hindernis auf die Bullen warten. Daher ist davon auszugehen, dass vor einem weiteren Gipfelsturm eine weitere Konsolidierung eingeleitet wird.
Große Sorgen müssten sich die Bullen aber nicht machen, denn die starke Aufwärtsdynamik der 38-Tage-Linie dürfte schon als Begrenzung des Abwärtspotentials reichen. Aktuell verläuft die Linie bei 270 Punkten und steigt mit jedem weiteren Handelstag zusätzliche 2 Punkte an. Da im Bereich um 280 Punkte auch eine horizontale Unterstützungslinie verläuft, könnte von dort aus ein weiterer Anstieg bis zum nächsten Widerstandsbereich um 342 Punkte starten.
Nur ein Bruch des Aufwärtstrendkanals würde für eine rasche Trendumkehr sorgen. Aktuell sind die Chancen für die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios mit 25 Prozent zu bewerten.
