Target2-Salden explodieren weiter

Miriam Kraus; Martin Stephan (Gastbeitrag) in Rohstoff Daily
vom


Ein Spiegelbild des Zerfalls ist die Target2-Problematik, die weiterhin ungebremst in die falsche Richtung ausartet.

 

Doch was heißt Target2-Problematik genau?

 

Die Target2-Salden weisen grenzüberschreitende Überweisungen innerhalb der Eurozone aus. Im Idealfall - und dieser bestand jahrelang, dauerte bis etwa 2007 - treten kaum größere Salden, die Forderungen bzw. Verbindlichkeiten darstellen, auf. Doch die einsetzende Kapitalbewegung in Richtung Euro-Kernzone und hier vor allem Deutschland änderte dies.


 

Wenn zum Beispiel ein spanischer Unternehmer 100.000 EUR auf sein (oder ein anderes) Konto in Deutschland überweist, sieht er auf seinem spanischen Konto den Mittelabfluss. Seine Bank teilt der spanischen Notenbank den Abgang der 100.000 EUR "über die Grenze" nach Deutschland mit. Dies wiederum teilt die spanische Notenbank der Bundesbank mit, so dass diese den Betrag an die entsprechende deutsche Geschäftsbank anweist. Der Mittelzufluss auf dem deutschen Geschäftskonto findet statt. Im Hintergrund besitzt die Bundesbank nun eine Forderung ggü. der spanischen Notenbank aus dieser Transaktion von 100.000 EUR.

 

Da am gleichen Tag noch Millionen an weiteren Transaktionen stattfinden werden Forderungen der Notenbanken gegeneinander aus grenzüberschreitenden Überweisungen am Ende des Banktages festgestellt. Je nach Überschuss oder Defizit bleibt es bei einer Forderung der Bundesbank gegen eine andere Notenbank oder es besteht eine Verbindlichkeit. Als Clearingstelle tritt dann die EZB auf den Plan, so dass die Notenbanken untereinander „ausgeglichen" sind, Forderungen und Verbindlichkeiten nun ggü. der EZB bestehen.

 

Kein automatischer Rückführungs-Mechanismus der Salden

 

In der Theorie sollten sich die Salden zwischen den Staaten früher oder später ausgleichen, was diese auch bis etwa 2007 taten. Für den Fall, dass sich doch nachhaltigere Überhänge bilden, ging man davon aus, dass die "schuldigen" Notenbanken ihre Reserven, wie Devisen oder Goldbestände angreifen würden um die fordernden Institute (über die EZB) auszugleichen. Doch das ist inzwischen nicht mehr möglich. So besitzt zum Beispiel die spanische Notenbank überhaupt keine Reserven größeren Umfangs mehr. Sie ist schon seit längerem nicht mehr in der Lage den heimischen Banken in irgendeiner Form zur Seite zu springen geschweige denn irgendeinen negativen Saldo bei der EZB zu begleichen. Obwohl es absolut unmöglich ist, dass Spanien und Italien jemals diese Salden auf normalem Wege ausgleichen können, hält die EZB an diesem System fest, vermutlich gibt es keine andere Lösung. Bei einem Eigenkapital von etwa 11 Mrd. Euro und einer tiefroten Bilanz aufgrund von Käufen von Staatsanleihen notleidender Euro-Staaten in der Größenordnung von 100en von Milliarden Euro, muss die Bundesbank schon längst davon ausgehen, dass auch die EZB diesen Saldo niemals wird ausgleichen können.

 

Bilanziell betrachtet stellt diese Entwicklung für die Bundesbank kein Problem dar, da diese nicht gezwungen wird, die Forderung abzuschreiben, folglich türmt sie diese immer weiter auf.

 

Sollte allerdings Griechenland oder ein anderer Staat aus der Währungsunion aussteigen, könnte dieser bilanzielle Ansatz wohl nicht länger gehalten werden, denn wie soll zum Beispiel eine griechische Notenbank Euro an die EZB zahlen, wenn es nur noch "neue Drachmen" gibt?

 

Kapitalflucht als Auslöser für Target2-Problematik

An dieser Stelle wird es Zeit klipp und klar auszusprechen, wodurch die Target-Entwicklung ausgelöst wird: durch Kapitalflucht! In bisher ungebremster Manier wandern Guthaben, bzw. Vermögen aus vielen EU-Staaten in jene Regionen ab, die als noch immer" sicher" gelten. Zwar beäugen deutsche Sparer inzwischen auch die hiesigen Kreditinstitute mit Argwohn, verglichen mit griechischen, italienischen oder spanischen Banken stehen sie allerdings "großartig" da. Ebenfalls die Sparkassen und Raiffeisenbanken.

 

Kapitalflucht, die dank massiver Unterstützung der EZB voranschreitet

 

Interessanter Weise haben die umfangreichen langfristigen Bankenkredite der EZB über rund 850 Mrd. Euro in den vergangenen 6 Monaten diese Kapitalflucht überhaupt erst möglich gemacht. Die Empfänger der außerplanmäßigen Geldspritzen waren nämlich vor allem spanische Institute (vor italienischen und französischen). Durch die angehäufte Kreditliquidität wurden diese Banken erst in die Lage versetzt, die Überweisungswünsche der Kundschaft auch durchzuführen, ansonsten hätten die Mittelabflüsse zur Illiquidität zahlreicher spanischer Banken geführt. Die Kreditvergabe durch die EZB war folglich nichts anderes als ein enormer Umverteilungsprozess, der das Bankensystem der Peripherie-Staaten gerettet, und die Summe der am Ende uneinbringlichen Forderungen der Bundesbank gegen das Euro-System massiv erhöht hat. Die Politik der EZB ist, möglicher Weise notgedrungen, aktuell massiv den deutschen Interessen entgegenwirkend. So belaufen sich die Target2-Forderungen der Bundesbank inzwischen in einer Größenordnung, die rund 25 % des gesamten jährlichen Bruttosozialprodukts Deutschlands ausmacht.

 

Euroraum stehen weitere Katastrophen bevor

 

Die Situation ist schon längst nicht mehr kontrollierbar. Ob Rettungsschirme oder Target-Salden, es zeigt sich schnell, dass die involvierten Geldmengen so gewaltig sind, dass diese kaum zu stemmen sind, weder für die Banken des Euroraums, noch für die Regierungen. Es geht nur noch darum, Zeit zu gewinnen. Zeit, um Notfallpläne auszuarbeiten oder im Falle des Zusammenbruchs wichtiger Strukturen die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

 

Doch dieser Zusammenbruch muss nicht unmittelbar vor der Tür stehen, so ist es ja durchaus denkbar, dass sich der deutsche Target2-Saldo auch auf 2 Bio. Euro erhöhen kann. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, dass FIAT-Währungsräume theoretisch nie das Geld ausgehen kann - doch kaum einer davon Notiz nimmt.

 

Es stellt sich aber immer die Frage, wie werthaltig die letzten bunten Papierschnipsel noch sein werden (Stichwort: Kaufkraft), die unter das Volk gebracht werden. Die Grenzkaufkraft einer Geldmenge M  nähert sich dabei sicherlich dem Nullpunkt an. Doch auch diese hyperinflationäre Entwicklung ist aus meiner Sicht noch viele Jahre entfernt. Da die Dose der Pandora in Sachen System- oder Geldkrise aber definitiv geöffnet wurde, müssen auch Sie diese noch verbleibende Zeit möglichst sinnvoll nutzen um Ihr Vermögen zu sichern bzw. zu retten.

 

Mit den besten Grüßen

Martin Stephan

Hinweis: Martin Stephan ist Chefredakteur des Börsendienstes Travel Trader, dem Börsendienst mit dem globalen Insidernetzwerk. Hier erhalten Sie weiterführende Informationen: Travel Trader     

Zum zweiten Teil von: Kapitalflucht

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