Taktisch geschickt!
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 10. Mai 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Da ich heute zum zweiten Teil meiner Routineuntersuchung muss und entsprechend sehr wenig Zeit habe, sende ich Ihnen die Sondermeldung zum Thema Fed-Zinssitzung, die ich heute vorbörslich an die Leser des Target-Traders geschickt habe.
SEHR GEEHRTER TARGET–TRADER
Eigentlich hat die Fed in ihrem Statement kaum etwas verändert – okay, das macht sie selten. Aber das, was sie verändert hat, ist interessant – wenn man es zu lesen weiß.
Im März sagte sie noch: „Recent indicators have been mixed[...]“. Nun heißt dieser Passus: ”Economic growth slowed in the first part of this year […]”
Also nachdem es im März noch hieß, dass die "neuesten" Wirtschaftsindikatoren gemischt ausgefallen sind, bestätigt die Fed nun, dass es in der ersten Hälfte des Jahres zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums gekommen sei.
Obwohl das insoweit erst einmal nur eine Feststellung ist, wurde das in der ersten Reaktion der Märkte bis zum Handelsschluss in den USA dahingehend ausgelegt, dass die Fed auf ein sinkendes Wirtschaftswachstum reagieren könne – sprich die Zinsen senken könnte. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass die Fed in diesem Statement weiterhin davon ausgeht, wie auch im März, dass die Wirtschaft in den nächsten Quartalen weiter moderat wachsen werde: „Nevertheless, the economy seems likely to continue to expand at a moderate pace over coming quarters.“
Was ist mit der Inflation?
Doch es gab noch eine weitere Veränderung: Im März hieß es noch, dass nach neuesten Zahlen die Kerninflation etwas erhöht sei: „Recent readings on core inflation have been somewhat elevated.“, jetzt wurde das „recent readings“ (nach der aktuellen Lesart) weggelassen. Sprich die Fed bestätigt auch hier die Vergangenheit: Die Kerninflation bleibt weiterhin erhöht.
Warum hat die Fed diesen Passus, der sich auf die Aktualität der Daten bezieht, weggelassen? Eigentlich ganz logisch, denn die allerneusten Zahlen zur Inflation weisen, wie ich hier im Investor’s Daily ausführlich dargelegt hatte, auf ein Anziehen der Inflation hin (siehe z.B. die letzten Daten der ISM-Indizes). Und so ist die Fed, ohne es genauer auszusprechen, doch auf diese Zahlen eingegangen – musste darauf eingehen, denn sie konnte diesen Passus offensichtlich nach den neuen Zahlen nicht so stehen lassen, wenn sie von "etwas erhöht" redet. Und das ist am Markt bisher vollkommen vorbei gegangen!
Das kann und muss wiederum als Hinweis gesehen werden, dass die Fed eine Zinserhöhung ebenfalls noch im Auge hat. Besonders unter dem gleichgebliebenen Hinweis, dass die hohe Kapazitätsauslastung die Gefahr des Inflationsdrucks weiterhin erhöhe.
Fazit
Wenn auf der einen Seite nach einer unsicheren Aussage nun „festgestellt“ wird, dass das Wirtschaftswachstum nachgelassen hat, auf der anderen Seite aber ebenso „festgestellt“ wird, dass die Kerninflation leicht erhöht bleibt, dann ist das sozusagen eine „Verfestigung“ der Situation und damit im Prinzip genau das, was ich in den letzten Wochen im Investor’s Daily gesagt habe: Wenn man das zusammenfasst, dann hat die Fed hier meines Erachtens interessanterweise das Stichwort „Stagflation“ hauchzart angedeutet.
Nur, und das muss man der Fed lassen, sie hat es taktisch gesehen extrem gut verpackt.
Einen Schritt weiter gedacht
Nun muss man nur einen Schritt weiterdenken, um die Tragweite zu begreifen: Inflation ist unter anderem vom Wirtschaftswachstum abhängig, so die alte klassische Lehre. Wenn jedoch das Wirtschaftswachstum nachgelassen hat, die Inflation aber weiterhin hoch bleibt, sogar zunimmt, dann stimmt etwas nicht...
Und genau das ist der einzig logische Schluss aus diesem Statement – die Fed sieht sich einer Situation gegenüber, die eine Tendenz zur Stagflation hat und weiß noch nicht, wie sie darauf reagieren wird, ob sie darauf reagieren muss oder soll. Sie wird also erst noch einmal abwarten müssen. Letzteres ist vielleicht auch vernünftig, denn wer weiß, ob die letzten Inflationsdaten nicht nur kleine Ausbrüche waren und sich mit dem sinkenden Wirtschaftswachstum auch die Inflation beruhigt. Und genau das müssen auch wir tun – weitere Zahlen abwarten.
Damit ist nebenbei erwähnt das sehr wahrscheinliche Szenario für die nächste Zinssitzung ein unveränderter Zinssatz.
Der Markt wird die Richtung vorgeben
Wir werden also beobachten, wie der Markt heute, also einen Tag nach der Zinsentscheidung, die Zahlen auffasst, nämlich dann, wenn die Besprechungen in den Chefetagen der großen Investmenthäuser zu der neuen Ausrichtung der Strategie geführt haben.
Denn leider, oder vielleicht auch für die noch offenen Positionen in unserem Zockerdepot zum Glück, ist noch alles offen für den Markt. Ein weiterer vielleicht letzter Reinholer (Anstieg) ist durchaus noch denkbar. Doch ebenso kann es sein, dass der Markt nun langsam doch die von der Fed angedeutete Situation mehr und mehr begreift. Die Chancen liegen heute morgen bei 50/50. Und immer wenn sie derart uneindeutig sind, muss man einfach abwarten, was der Markt macht und dann auf diese Richtung aufspringen.
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens