Tag der Erinnerung
Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. November 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"If any question why we died, tell them, because our fathers lied."
-Rudyard Kipling
Frei übersetzt:
"Wenn jemand fragt, warum wir gestorben sind, dann sagt ihnen, weil unsere Väter gelogen haben."
Am 11. November kam in London über Lautsprecher die Durchsage: "Wir möchten Sie daran erinnern, dass Sie nun zwei Schweigeminuten beachten, um den Remembrance Day zu ehren."
Niemand sagte ein Wort. Die Telefone hörten auf, zu klingeln. Selbst das Klappern auf den Tastaturen hörte auf. In der Ferne hörte ich die Glocken von der St. Pauls Cathedral läuten.
Für wen läuteten die Glocken? Präzise an diesem Tag des Jahres 1918 war der bis dahin blutigste Krieg der Menschheit zu einem Ende gekommen.
Der Waffenstillstand war natürlich ein paar Tage vorher vereinbart worden. An diesem Tag, dem 11. November, wussten die Soldaten alle, dass der Krieg innerhalb der nächsten Stunden enden würde. Wer wollte da schon die letzte Kugel erhalten? Ein vernünftiger Mann hätte das an diesem Tag gesagt; denn es konnte nichts gewonnen und viel verloren werden. Und dennoch berichtete Max Hastings – der für die britische Presse schrieb –, dass die Kämpfe am 11. November 1918 besonders brutal waren, mit mehr Verlusten als üblich.
Der Krieg – wie die Märkte, die Politik und Mannschaftssportarten – hat seine eigene Logik. Es ist ein öffentliches und kein privates Spektakel. Menschenmassen – Mobs, Gruppen, Massen – werden aufgerührt, die bemerkenswertesten und lächerlichsten Dinge zu tun.
Ich fragte mich: Warum mussten damals so viele junge Männer sterben?
Kipling sagt: Schuld sind die Väter, die gelogen haben. Kiplings eigener Sohn war im Ersten Weltkrieg getötet worden.
Die erste Lüge kam aus Großbritannien. Die Briten hatten das transatlantische Kabel, das von Berlin nach New York führte, durchgeschnitten. Nach Kriegsbeginn erhielten die Amerikaner ihre Informationen deshalb aus London. Informationen, die von den britischen Propagandisten beeinflusst worden waren. Es gab Berichte über deutsche Gräueltaten in Belgien. Die Hunnen waren Barbaren. Die Hunnen waren Mörder. Die Hunnen waren Vergewaltiger – laut diesen Informationen.
Eine Gruppe von Ermittlern wurde von den USA losgeschickt. Sie konnten nicht einen einzigen Vorwurf bestätigen. Es waren alles Lügen. Die Deutschen waren nicht besser – und offensichtlich auch nicht schlechter – als alle anderen Truppen. Fast alle Berichte von deutschen Gräueltaten gegen Zivilisten in Belgien und Frankreich waren erfunden.
Aber bald glaubte die amerikanische Öffentlichkeit, dass die Deutschen für den Krieg verantwortlich seien. Und dass sie Mörder seien.
Deutschland selbst befand sich nach der Ermordung des Erzherzogs Ferdinand in einer schwierigen Situation. Es war mit einem Zweifrontenkrieg konfrontiert. Russland war der Verbündete von Serbien. Frankreich war der Verbündete von Russland. Österreich-Ungarn hatte Serbien den Krieg erklärt. Österreich-Ungarn war der Verbündete von Deutschland. Was konnte Deutschland tun? Seine Militärstrategen hatten immer vor einem Zweifrontenkrieg gewarnt. Helmuth von Moltke, der Rumsfeld von 1914, forderte Handeln. Deutschland müsse schnell agieren und Frankreich schlagen, sagte er, um seine Armeen dann für den größeren Feind – Russland – bereit zu haben.
Der Kaiser schwankte. Aber von Moltke drängte hartnäckig auf "Losschlagen". Und so begann der Krieg.