Streiflichter aus der Bulleria
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 20. März 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Das war ein recht interessanter Tag gestern. Nicht, weil die Kurse stiegen. Das war eine Mischung aus dem Griff in die Statistik-Kiste und Zufall. Denn an dem unmittelbar auf einen großen Verfalltermin folgenden Handelstag steigen die Kurse meistens – in mindestens 75% der Fälle. Möglicherweise, weil viele Akteure ihre Positionen nicht unmittelbar in die neue Laufzeit „rollen“, sondern erst im Vorfeld die Position glattstellen und nach dem Verfalltermin dann in Ruhe wieder etablieren. Wobei die Tendenz im Hinterkopf bleiben sollte, denn das deutet zumindest an, dass immer noch fast alle auf die Hausse-Karte setzen. Aber ... das ist nur eine Möglichkeit, ein bearisher Gedanke – mehr darf das nicht werden.
Ein typischer Domino-Tag
Denn letztlich war es einer dieser typischen „Fragezeichen“-Tage. Keiner hätte im Vorfeld schlagende Argumente für eine bestimmte Kursrichtung geben können – weder Bären noch Bullen. Nein, es war schlicht so, dass die Börsen in Asien ja das Spiel für diese Woche eröffneten. Da tickerte es zunächst ein wenig vor sich hin, dann aber schlossen die Kurse deutlich im Plus. Dies war die Vorlage für Europa, gleich mal mit einer satten Kurslücke nach oben zu eröffnen ... die ja in den letzten Wochen in Mode kommen und jedem Trader graue Haare wachsen lassen.
Was übrigens eine Kettenreaktion auslöst, denn wer daraus meint, lernen zu müssen, stellt als Kurzfrist-Trader seine Positionen zum Handelsende glatt ... und läuft dann am nächsten Morgen in das nächste Gap hinein das entsteht, weil alle gleichzeitig wieder ihre Positionen etablieren wollen. Entweder riskieren, gleich mal 50 Punkte hinten zu liegen ... oder riskieren, schon nah am Tageshoch erst einzusteigen ... schwierige Zeiten.
Tja, und da Asien und Europa deutlich im Plus lagen und keine wichtigen neuen Daten anstanden ... taten die US-Börsen dasselbe. Wie beim Domino: Fällt ein Steinchen um, fallen alle in die selbe Richtung. Ende des Berichts? Nicht ganz.
Streiflichter aus der Bulleria 1: Fallendes Öl bullish, steigendes Öl auch bullish
Ein weiteres interessantes Element des gestrigen Tages war, dass in den Medien der fallende Ölpreis gepriesen wurde. Nun ist das US-Öl in der Tat erneut gefallen ... aber das Nordsee-Öl erneut gestiegen. Die Benzinpreise und Heizöl übrigens auch ... auch im US-Handel. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Und morgen ist der Verfall für das massiv über Futures gehandelte US-Öl. Es kann daher sein – muss aber nicht – dass dieses deutliche Auseinanderlaufen seinen Ursprung in diesem Verfall hat. Dennoch – das niedrige US-Öl wurde als positives Signal gehandelt, das Nordsee-Öl, Benzin und Heizöl einfach elegant ignoriert und dann bekam man gestern auf CNBC so richtig die Kurve:
Das fallende Öl ist bullish. Hurra. Aber die Nachfrage sei nach wie vor immens. Das sollte das US-Rohöl eher auf 60 Dollar und darüber bringen ... aber das sei auch bullish. Weil nämlich die hohe Nachfrage bedeute, dass die Angst vor einer Rezession unbegründet sei ... denn die Nachfrage könne nur hoch sein, wenn die Schornsteine rauchen. Welch elegante Begründung. Die gestiegenen Metallpreise wurden übrigens ebenfalls als Hinweis für eine absolut intakte US-Industrie verkauft.
Das ist hervorragend vorgetragen und in sich schlüssig. Man muss einfach nur die Schattenseite, nämlich den daraus entsehenden Kostendruck, und das in diesen Märkten vornehmlich dominierende Element der Kursbildung, namentlich die Spekulation über die Terminmärkte, weglassen – und schon ist alles bestens. Thema durch.
Streiflichter aus der Bulleria 2: Korrektur übertrieben
Und so ging das den ganzen Tag ... zumindest auf Bloomberg und CNBC. Für n-tv hatte ich gestern kein drittes Auge mehr frei, bitte sehen Sie es mir nach. Der nächste Trupp an Optimisten, den man parallel zu steigenden Kursen aus dem Hut zauberte, pries die Aktienmärkte als Kaufgelegenheit, weil die Abwärtskorrektur klar übertrieben sei. Ich erlaube mir schüchtern einzuwenden, dass der S&P 500 mal gerade gut 4% unter seinem Hoch dieses vierjährigen Aufwärtstrends steht, der diesen Index 83% nach oben getragen hat. Vom Dax möchte ich da lieber nicht sprechen, ich bin nämlich nicht schwindelfrei.
Ich habe mich gerade gefragt, ob die Sender noch ein paar Bären auf Vorrat im Schrank stehen hatten die sie hätten hervorholen können, wenn die Börsen gestern gefallen wären? Aber zurück zum Punkt:
Mal ehrlich, wenn man 4% unter Vierjahreshochs von übertrieben spricht ... will man jemand offenbar was verkaufen. Man sollte zumindest immer im Hinterkopf behalten, dass all diese Leute in der Finanzbranche arbeiten, und zwar bei Unternehmen, die dann gut Geld verdienen, wenn die Anleger ihr Geld aus dem Sparstrumpf holen und an die Börsen tragen. Gut, eines stimmt zumindest teilweise, und das sollten die bearishsten unter den Bären bedenken, bevor sie sich zu sehr verrennen:
Streiflichter aus der Bulleria 3: Überhaupt nichts passiert
Es ist doch gar nichts passiert. Man habe, so ein Kommentar aus den USA, nur auf theoretisch mögliche Negativ-Aspekte hysterisch reagiert ... aber es sei nach wie vor alles in Ordnung. Nun ... als Argument hat man hier die Spreads am Kreditmarkt angeführt. Hier sei offenbar noch nichts von den Hypothekenmarkt-Schwierigkeiten angekommen. Klar. Denn die bisherigen Probleme sind, bezogen auf den gesamten Kreditmarkt, noch klein. Das ist aber kein Argument dafür, dass auch weiterhin nichts passiert. Es ist klar – wieder genauso wie im Domino – dass eine Kettenreaktion erst einmal entstehen muss. Es dauert, bis die Gesamtmärkte im Feuer stehen. Dasselbe gilt für den Rückgang im Baugewerbe, für die fallenden Hauspreise, einfach alles, was mit dem Immobilienmarkt zusammenhängt. Es ist noch nichts passiert, bezogen auf die gesamte Wirtschaft, auf das täglich Leben des Einzelnen ... aber es wird, wenn nicht blitzschnell eine ganze Menge auf einmal unternommen wird. Und daran glaubt niemand. Wer das Risiko negiert, könnte genauso argumentieren, man sollte die CO2-Emissionen erst reduzieren, wenn die Polkappen geschmolzen sind, vorher sei ja nichts passiert.
Es gehört nicht viel Sachverstand dazu, das zu erkennen. Doch auch hier gilt: Wer so in der Öffentlichkeit argumentiert, weiß es natürlich besser. Aber die Interessen, diejenigen zu überzeugen, die es eben nicht besser wissen, sind Ausgangspunkt solcher Sprüche.
Niedrige Umsätze am Scheidepunkt
Hintergrund der ganzen Parade des Optimismus ist natürlich zu verhindern, dass eine echte Korrektur kommt. Denn wir stehen genau jetzt an einem Scheidepunkt. Und da werden die Argumente heftiger .. und die Bullen haben in den Medien eine bessere Lobby.
Interessant sind die vermeintlichen Kleinigkeiten. Zunächst waren die Umsätze an diesem Tag steigender Kurse in den USA überaus niedrig – es waren die zweitniedrigsten Umsätze des bisherigen Jahres. Das ist typisch für einen Tag, der vor wichtigen Entscheidungen liegt:
Wir haben noch keinen wirklichen Abwärtstrend, das muss man sehen. Denn die bislang zeichenbare Linie ist dafür definitiv zu steil. Aber wir haben auch keinen kurz- und mittelfristigen Aufwärtstrend mehr. Es bleibt hier, wenn man nicht einfach irgendwo in der Mitte der Kursentwicklung seit 2003 eine Linie so in die Charts reinpinnt, dass es „passt“, nur noch der langfristige Trend seit 2003. In diesem momentanen Niemandsland dominieren die hohen Umsätze bislang an den Tagen, an denen es nach unten geht. Ein Indiz dafür, dass hier, trotz Chance auf ein Doppeltief, noch nichts entscheiden ist.
Eigentlich klar. Denn immerhin befinden wir uns aktuell zwischen mehreren Stühlen. Der Terminmarkt-Verfall ist vorbei. Das Quartalsende steht vor der Tür. Heute kommen die ersten Immobilienmarkt-Daten für Februar und morgen die Notenbank-Entscheidung. Nichts ist klar. Somit kann es nicht verwundern, dass letztlich vor allem kurzfristige Akteure am Werk waren. Das große Kapital wird erst nach der Notenbank-Entscheidung aktiv. Und dann wird es vermutlich stürmisch, denn:
Dramatische Kursbewegungen bis Ende nächster Woche wahrscheinlich
Jetzt stehen die US-Börsen ebenso wie die meisten europäischen Indizes doch wieder im Bereich der zu Jahresbeginn markierten Levels. Somit wäre das erste Quartal für die Fonds über „Window-Dressing“ also doch noch zu retten ... wenn diese anstehenden beiden Tage mit Immobilienmarkt und Notenbank diese Chance nicht verhageln.
Geht es gut aus ... oder setzen sich zumindest im ersten Anlauf die Bullen durch, egal, ob die Fakten was taugen ... können wir mit einer Rallye rechnen. Und, wie Sie in den Charts von S&P 500 und Nasdaq 100 sehen, würde dies im S&P ein Doppeltief vollenden, im Nasdaq 100 den Wiederanstieg über die wichtige Chartzone 1.740/1.760 bedeuten ... und damit weitere Luft nach oben generieren, die dann wohl zumindest bis zum Quartalsende auch genutzt wird ... wenn nicht markant negative Aspekte dazwischen funken. Aber die müssten dann schon sehr heftig sein. Sie wissen ja, wenn es um Performance geht, lassen sich „bad news“ ganz hervorragend ignorieren ... wir haben es seit dem Herbst ja erleben dürfen.
Aber: Wehe, heute oder morgen rutschen die Kurse wieder deutlicher ab. In diesem Fall würden die meisten Fonds das 1. Quartal aufgeben und über das Window Dressing nicht die Gewinner einsammeln, sondern die Verlierer rauswerfen. In diesem Fall wären auch neue Tiefs im Zuge der Abwärtsbewegung schnell erreicht, was weitere Verkäufe nach sich ziehen würde. Argumente hierfür lassen sich nachreichen ... da lassen sich ebenso viele finden wie für eine Rallye. Vor allem: dann wird die Zeit knapp, letzter Handelstag des Quartals ist der nächste Freitag. Das alleine dürfte schon heftigste Kursbewegungen nach sich ziehen.
Also: Helm auf und durch. Es wird spannend. Und wer nicht muss, sollte sich nicht mit hochhebeligen Positionen in den Markt wagen. Natürlich: Wer dann hinterher laufen muss, muss ggf. teurer einsteigen ... aber erstens könnte das Ganze nach dem Quartalsende schon wieder drehen (ob von runter nach rauf oder umgekehrt) und ... auch wenn es eine Plattitüde ist: Ein entgangener Gewinn (der nur durch raten auf die Richtung der Bewegung entstanden wäre) ist immer noch billiger, als heute und vor allem morgen möglicherweise so rapide Kursbewegungen in die jeweils falsche Richtung zu erleben, dass einem die Stoppkurse mal wieder meilenweit niedriger ausgeführt werden.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
PS: Über die diesmal wirklich immens spannende Reaktion auf die kommende Notenbanksitzung in den USA morgen Ausführliches!
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