Strategische Entwicklungen
Frank Giustra in Investors Daily
vom 29. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Die derzeitige Situation im Irak ist nicht gerade gut für die zukünftige wirtschafliche Entwicklung in den USA.
Zunächst einmal war der militärische Sieg der Koalition nur der leichtere Teil der gesamten Aufgabe dort im Irak. Die Verwaltung des Irak unter der Aufsicht des US-Militärs und die Bemühungen, eine funktionierende Demokratie zu etablieren, könnten eine lange und blutige Aufgabe werden.
Die Geschichte hat gezeigt, dass der Mittlere Osten nicht gerade positiv auf eine Besetzung durch westliche Staaten reagiert. Von den Kreuzrittern angefangen bis zu den Briten – irgendwann haben sie sich alle erschöpft zurückgezogen. Einem Land wie dem Irak, das von einer Vielzahl von Stämmen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund bewohnt wird und nur durch eine totalitäre Macht zusammengehalten wurde, Demokratie überstülpen zu wollen, wird zumindest eine Herausforderung sein. Demokratie ist ein Konzept, das sich entwickeln muss, mit Gruppen von Leuten, die zusammenleben WOLLEN und mit einer funktionierenden institutionellen Infrastruktur. Ich bezweifle, dass eine Demokratie erzwungen werden kann.
Was auch immer heute als Grund für die Invasion (oops, ich meine Befreiung) des Irak angeführt wird – das Vernichten von Massenvernichtungswaffen, der Kampf gegen den Terror, der Regimewechsel, die Befreiung des irakischen Volkes, etc. – es ist offensichtlich, dass es um einen größeren Plan geht. Aus den jüngsten Reden der US-Politiker lässt sihc schließen, dass sich der Fokus auf andere Länder der Region richten wird, sobald Amerika das irakische Regime erfolgreich ersetzt hat. Es ist erstaunlich, dass die Kriegstreiber in der Adminstration – Rumsfeld und Wolfowitz – unmittelbar nach dem Fall des irakischen Regimes ohne Atempause bereits Syrien beschuldigten, mit dem ganzen Terror/Massenvernichtungswaffen/Unterstützungs-Ding zusammenzuhängen.
Iran könnte als nächstes dran sein, und vielleicht könnten sich auch die alten Freunde Amerikas – die Saudis – bald mit einem Regimewechsel dank amerikanischer Unterstützung konfrontiert sehen. Und dann gibt es noch Nordkorea, das sich auf eine Konfrontation mit den USA vorbereitet. Solange es mit den USA keinen Nicht-Aggressions-Pakt aushandeln kann (was die derzeit siegreichen USA wahrscheinlich nicht geben werden), wird es weiterhin auf die Nuklear-Karte setzen.
Wie die arabischen Nachbarn des Irak auf all das reagieren werden, ist hart vorauszusagen. Zunächst einmal können sie den Motiven der Amerikaner nicht vertrauen, und die arabischen Regierungen können die antiamerikanischen Proteste wegen des Irakkriegs kaum verhindern, da sie sich dann gegen den Volkszorn stellen würden, der sich evtl. gegen sie selbst richten würde.
Ironischerweise werden die meisten arabischen Länder von Regimen geführt, die nach amerikanischen Standards "illegitim" sind, und dennoch von den USA unterstützt werden. Allerdings könnten die zornigen Einwohner dieser Länder unberechenbar weren, und dann könte sich die gesamte Region in die Hölle auf Erden verwandeln. Wenn zu diesem Zeitpunkt immer noch Amerikaner in der Region sind, dann wird es ein blutiger Konflikt werden, auf den die USA nicht vorbereitet sind.
Es ist zweifelhaft, dass der durchschnittliche Amerikaner seinen Lebensstandard aufgeben will, wenn die Kosten der Konsumexzesse und der teuren Außenpolitik sichtbar werden. Die Stimmung wird dann Parallelen zur Stimmung während des Vietnamkriegs bzw. des Zweiten Weltkriegs zeigen. Kriege, die gegen Länder geführt werden, die keine "unmittelbare Bedrohung sind", sind nie lange populär gewesen, wenn sie den Komfort zuhause einschränken. Ich bin nicht sicher, wie es diesmal sein wird, aber ich meine, sagen zu können, dass man weniger glücklich sein wird, in Amerika zu leben.
De Debatte über die aktuelle US-Außenpolitik wird weitergehen. Ich werde es zukünftigen Historikern überlassen, ob Amerika in Selbstverteidigung und im Sinne der Unterdrückten gehandelt hat, oder ob wirtschaftliches Eigeninteresse der Grund war. Ich werde aber sagen, dass "die Befreiung der Welt vom Bösen" eine lange und teure Aufgabe ist. In diesem Artikel hingegen will ich nur untersuchen, was das derzeitige Abenteurertum die US-Wirtschaft kosten wird, und wie der Rest der Welt die Absichten Amerikas sieht. Die wirtschaftlichen Kosten werden sich auf den US-Dollar negativ auswirken, und die ausländische Wahrnehmung könnte zu einem wahren Einbruch des Dollar führen.
Langfristig gesehen waren Imperialismus und übermäßiger Konsum ein sicheres Rezept für wirtschaftlichen Niedergang. Wir müssen nur ins 16. Jahrhundert, nach Spanien, blicken – oder ins Frankreich des späten 18./frühen 19. Jahrhunderts. Oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach Großbritannien.
Von diesen drei Beispielen lässt sich das Spanien des 16. Jahrhunderts am besten mit den heutigen Amerikaner vergleichen. Fast 100 Jahre lang flossen immense Mengen an Gold und Silber in die Kassen der Spanier – Gold und Silber, das von den Einheimischen Südamerikas geplündert wurde. Leider führte das dazu, dass das den Konsumwillen der Spanier anregte, ohne ihren Produktionswillen zu vergrößern. Spanien nutzte den Reichtum, um "Konsumentengüter" aus anderen Nationen zu kaufen. Als Ergebnis davon sind die spanischen Auslandsschulden explodiert, und das gesamte Gold und Silber wurde aus Spanien exportiert (stellen Sie sich vor, was mit dem heutigen US-Außenhandelsdefizit passieren würde, wenn die USA nicht einfach die Druckerpresse anwerfen könnten, um Geld zu drucken).
Angesichts des scheinbaren neuen Reichtums brauchte es nicht lange, bis sich die Könige von Spanien als dem Rest der Welt überlegen betrachteten, und die Welt nach ihrem Willen biegen wollten. Karl V. nutzte Bestechungen und Bedrohungen, um schließlich eine "Koalition der Willigen" dazu zu bewegen, ihn zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu machen. Nachdem er ein paar goldbeladene Schiffe im Atlantik verloren hatte, erklärte Spanien, dass es – in Selbstverteidigung – keinen Unterschied mehr machen würde zwischen Piraten und den Nationen, die Piraten Unterschlupf gewähren würden. Um diese Piraterei mit "staatlicher Unterstützung" zu bekämpfen, entschloss Spanien, den größten Herausforderer – Großbritannien – anzugreifen (obwohl ich nicht glaube, dass der spanische König Philipp II. jemals vorgegeben hat, das britische Volk aus der Unterdrückung befreien zu wollen).
Die technologisch überlegene spanische Armada (nicht unähnlich zur amerikanischen militärischen Überlegenheit) setzte Segel gen Großbritannien, wurde aber doch überraschend von den kleinen, aber wendigeren britischen Schiffen besiegt. Es folgten Jahre des Krieges mit anderen Ländern, die die spanische Sichtweise nicht teilten. Spanien hatte sein Gold bereits für Konsumgüter ausgegeben, und die Nation hatte kein Geld mehr, um diese Kriege finanzieren zu können. Die großen Gläubiger der Spanier, besonders die Fugger aus Augsburg (die 16. Jahrhundert-Version der Japaner) mussten ihre Forderungen in langristige Kredite umwandeln.
Irgendwann einmal drehten die Gläubiger Spanien den Kredithahn ab, und das bankrotte Spanien führte die Tradition des Staatsbankrotts ein.
Was hat das alles mit dem Goldpreis zu tun?
Der derzeitige wirtschaftliche und geopolitische Kurs der USA wird – sofern er nicht korrigiert wird – zu einem langfristigen Rückgang des amerikanischen Lebensstandards führen. Wie schnell das vonstatten gehen wird, hängt von vielen unvorhersehbaren Faktoren ab. Es existiert eine kleine Chance, dass dieser Rückgang verhindert werden kann – aber das würde politischen Mut und ökonomische Opferbereitschaft erfordern, die einfach nicht mehr zu existieren scheint.
Es kann noch Dekaden dauern, bis das US-Finanzsystem kollabiert – aber es kann auch noch in diesem Jahrzehnt passieren. Was ich damit sagen will: Der aktuelle makroöknomische Trend und das eventuelle Ergebnis sind eigentlich ziemlich klar. Die Frage ist nur das "Wann".
Egal, wie es ausgehen wird, eins ist sicher. Die Welt ist gefährlich überladen mit Dollar-Scheinen. Mehr als 3/4 der weltweiten Zentralbankreserven werden in Dollar gehalten. Der Abwärtstrend des Dollar begann vor ca. 2 Jahren, und er ist intakt. Obwohl der Dollar schon deutlich gefallen ist, kann er noch sehr viel tiefer fallen. Das ist für den Goldpreis gut, aus mehreren Gründen. Zunächst einmal: Der Goldpreis wird in Dollar angegeben. Der Rückgang des Dollarkurses wird bei unveränderten Goldpreis dann den Kauf von Gold günstiger machen – und gleichzeitig wird die Goldproduktion für amerikanische Goldproduzenten ungünstiger gemacht.
Noch wichtiger: Der imperiale Status des Dollar wird herausgefordert, aber es gibt eigentlich keine wirkliche Alternative (es gibt zwei potenzielle Alternativen, den Euro und den Yen, aber beide haben ihre eigenen Probleme). Deshalb wird Gold seinen Status als Reserve"währung" wiedergewinnen. In diesem Szenario würde der Goldpreis auf nie gesehene Höhen steigen.
Leider ignorieren die meisten Amerikaner die aktuellen wirtschaftlichen Trends, sie ignorieren dummerweise 2.500 Jahre Geldpolitik. Eine Geschichte, die jede Menge Lektionen darüber gegeben hat, was bei bestimmten monetären und finanziellen Phänomenen – die wir gerade sehen – zu erwarten ist. Große Spekulationsblasen am Aktienmarkt und alle anderen Spekulationsblasen endeten immer in einem Crash und in einer folgenden Depression – sei es die "Tulpen"-Spekulationsblase in Holland im 17. Jahrhundert oder die "Mississippi"-Spekulationsblase von John Law im Jahre 1721 oder alle anderen Spekulationsblasen.
Wir kennen alle die wirtschaftlichen Folgen des Kurseinbruchs am Aktienmarkt im Jahre 1929, und die wirtschaftlichen Folgen des Einbruchs am japanischen Aktienmarkt im Jahr 1989. Auch "Präventivkriege" und andere Arten von militärischen Abenteuern sind nichts Neues, und das Ergebnis ist in wirtschaftlicher Hinsicht niemals sehr schön.
Unweigerlich folgt einer Kombination dieser Ereignisse fast immer ein Einbruch der Währung.
Amerika wird nicht anders sein.
Es ist nur eine Frage der Zeit. Niemand weiß, wann genau das der Fall sein wird. Deshalb schlage ich vor, dass jeder Investor diversifizieren sollte und zumindest 15 % seines Depots in Gold anlegen sollte.
Die Moral von der Geschichte – leider muss man von Zeit zu Zeit lernen, dass Gold immer ein sicherer Hafen ist, wenn die Entscheidungsträger die Dinge zu weit treiben.
Zu denen, die meinen Artikel gelesen haben und ihn als "apokalyptischen Unsinn" abtun wollen, habe ich Folgendes zu sagen: Stellen Sie sich vor, dass alles, was ich sage, eine Wiederholung der Geschichte ist – und nicht das Ende der Geschichte. Der Tag wird kommen, wann es klug sein wird, Gold zu verkaufen und Papieranlagen zu kaufen. Und auch wenn es den amerikanischen Unternehmen schlecht geht – es wird auch in diesem Bereich immer gute Investitionsmöglichkeiten geben. Und wenn nicht in Amerika, dann in anderen Teilen der Welt, wie z.B. im wirtschaftlichen Kraftwerk China.
Und wer weiß, vielleicht sind es in 50–100 Jahren die Chinesen, die die heutige Rolle der Amerikaner übernommen haben.