Steigende Zinsen: Ein Problem
Claus Vogt (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen
vom 1. Juni 2009, 16:00 Uhr
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Liebe Leser,
im Dezember 2008 betrug der Zinssatz der 10-jährigen US-Staatsanleihen 2,04%. Ende letzter Woche waren es 3,75%. Dieser gewaltige Zinsanstieg von über 80% ist bemerkenswert. Denn er findet ausgerechnet zu einer Zeit statt, in der die US-Notenbanker sich dazu entschlossen haben, US-Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten zu kaufen. Ihr erklärtes Ziel bei diesem in höchstem Maße inflationären Vorgehen ist es natürlich, die Zinsen nach unten zu manipulieren. Seit der Verkündung dieser unkonventionellen geldpolitischen Maßnahme der direkten Monetarisierung der Staatschulden am 19. März 2009 wurden bereits 130 Mrd. Dollar der für diesen Zweck angekündigten 300 Mrd. Dollar ausgegeben. Dennoch kam es zu diesem drastischen Zinsanstieg.
Offensichtlich sind viele der bisherigen Besitzer von US-Staatsanleihen zu dem Ergebnis gekommen, dass es eine gute Idee sei, der Fed die eigenen Bestände zu verkaufen. Kein Wunder bei der völlig unseriösen Geld- und Fiskalpolitik Amerikas – die sich wie üblich auch Europa wieder einmal zum Vorbild genommen hat. Dass ein drastisch steigendes Angebot an Staatsanleihen früher oder später zu einem niedrigeren Preis führen wird, ist prinzipiell nicht überraschend. Dass die Fed es zugelassen hat oder nicht verhindern konnte, aber schon. Ich bin gespannt, wie unsere vollkommen enthemmten Zentralbanker auf diese Entwicklung reagieren werden.
Vermutlich werden sie ihre Anstrengungen, die Zinsen nach unten zu manipulieren, demnächst verstärken und weitere Kaufprogramme ankündigen. Ob sie damit die erhofften Wirkungen erzielen können oder ob der Markt sich als die stärkere Kraft erweisen wird, verspricht ein spannendes Schauspiel zu werden.
Auch die Hypothekenzinsen sind deutlich gestiegen
Nicht nur die Zinsen der Staatsanleihen sollen durch die Notenbankinterventionen unter den Marktzinssatz gedrückt werden, sondern viel mehr noch die Zinsen anderer Kreditsegmente. Insbesondere sollen natürlich die Hypothekenzinsen möglichst weit unten gehalten werden, um die Folgen der geplatzten Immobilienblase abzufedern. Dieser grandiose Plan der geldpolitischen Zentralplaner ist gerade dabei zu scheitern.
Die US-Hypothekenkreditzinsen sind innerhalb weniger Tage auf das Niveau von Ende vergangenen Jahres nach oben geschnellt. Hunderte von Milliarden Dollar, die von der Fed bereits aufgewendet wurden, um für niedrige Hypothekenzinsen zu sorgen, sind somit innerhalb kürzester Zeit wirkungslos geworden. Ein wahrlich interessantes Schauspiel.
Dass die Notenbanker in diesem Zyklus die Grenzen ihrer Macht erfahren werden, haben Martin Weiss und ich Ihnen schon mehrfach angekündigt. Hier sehen Sie ein erstes wichtiges Beispiel für die Richtigkeit dieser Vermutung. Die Geschichte hat unmissverständlich gelehrt, dass sich ökonomische Gesetze auf Dauer ebenso wenig per Dekret außer Kraft setzen lassen wie Naturgesetze.
Die Wirkung steigender Zinsen
Die Wirkungen steigender Zinsen liegen klar auf der Hand. Sie bremsen die Kreditvergabe, sie erschweren oder verhindern die Umschuldung, insbesondere im Hypothekenbereich, sie führen zu Kursverlusten bei Anleiheportfolios, und sie sind Gift für die Aktienmärkte. Alles in allem sind steigende Zinsen zum gegenwärtigen Zeitpunkt einer sehr prekären Wirtschaftslage in hohem Maße kontraproduktiv. Sie werden die ohnehin weiter bestehenden Probleme der Immobilienmärkte erneut verschärfen. Und sie machen den Ankurbelungsversuchen der Notenbanker einen Strich durch die Rechnung.
„Steigende Zinsen sind Gift für die Börse“, lautete eine der ersten Grundregeln der Aktienanalyse, der ich begegnete. Heute weiß ich, dass auch diese Regel nur in bestimmten Zeiten gilt, weiß aber auch, dass wir noch immer in solchen Zeiten leben. Es gibt zahlreiche auf den Aktienmarkt abstellende Prognosemodelle, die auf Zinssätzen basieren. In ihrer simpelsten – aber sicherlich nicht schlechtesten Form – messen sie einen Zinsanstieg innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Bewährt hat sich dabei ein Sechsmonatszeitraum. Wenn also die Zinsen heute höher sind als vor sechs Monaten, dann signalisieren diese Indikatoren Gefahren für die Aktienmärkte. Genau das ist mittlerweile in den USA der Fall. Die 10-jährigen Staatsanleihen rentieren heute höher als vor einem halben Jahr.
Aus charttechnischer Sicht haben die Zinsen Ende letzer Woche eine wichtige Abwärtstrendlinie erreicht. Eine Korrektur in diesem Bereich darf also erwartet werden. Die Sentimentindikatoren zeigen ein hohes Maß nach Anleihepessimismus an, was diese Erwartung unterstützt. Richtig spannend wird es erst danach. Ein Ausbruch über diese Abwärtstrendlinie wäre ein klarer Hinweis auf weiter steigende Zinsen.
Herzlichst Ihr
Claus Vogt
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Claus Vogt ist institutioneller Anleger, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Herr Vogt hat die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger im letzten Jahr ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahl er immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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