Steigende Kurse, gute Wirtschaftsnachrichten
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 29. November 2002 18:00 Uhr
ENL5462
In den USA war gestern Feiertag – Thanksgiving. Fast jedes Jahr kann man dann feststellen, dass die Händler ein langes Wochenende einlegen, die Umsätze an der Wall Street also entsprechend dünn bleiben. Die Händler, die bleiben, können deshalb mit relativ wenig Umsätzen die Kurse relativ stark beeinflussen. Auf diese Weise kann mit wenig Käufen der Markt nach oben gezogen werden – was alle freut, bis auf die Shortseller (Trader, die Aktien leer verkaufen). Aber wer kümmert sich schon um die?
Am Mittwoch reagierten die Investoren auf gute Wirtschaftszahlen, indem sie Aktien KAUFTEN. Noch einen Tag vorher hatte es auch gute News von der volkswirtschaftlichen Front gegeben, aber es wurden Aktien VERKAUFT. Sehr erfreulich war der Anstieg beim Einkaufsmanagerindex Chicago (von 45,9 auf 54,3 Punkte), aber auch "harte" Zahlen wie die Auftragseingänge für Oktober kamen mit 2,8 % Plus sehr gut rein.
Ist der jüngste Kursanstieg der letzte der Bärenmarktrallye? Auch wenn das so ist, können die Bullen stolz auf das sein, was sie erreicht haben. Seit dem 9. Oktober hat der Dow Jones mehr als 22 % zugelegt, und der Nasdaq stieg sogar um 33 %.
"Auch wenn die Börsengeschichte den Investoren eine schmerzliche aber wertvolle Lektion über Bärenmarktrallyes erteilt hat – oder erteilt haben SOLLTE", so Apogee Research, "haben viele die jüngste Rallye schon wieder mit ungezähmtem Enthusiasmus begrüßt ... wir sind für bessere Zeiten, aber das schon wieder sehr bullishe Sentiment sendet wieder Warnsignale."
Apogee bemerkt, dass auch die implizite Volatilität bei den Optionen auf S&P 100 Titel auf einen bevorstehenden Sell-Off hindeutet.
Mein Freund Kevin Duffy von Bearing Asset Management hat mich auf eine aktuelle Umfrage von Investors Intelligence hingewiesen. Demnach hat der Anteil der pessimistisch eingestellten Berater mit aktuell 24,7 % den niedrigsten Wert seit März 2000 (23,2 %) – dem absoluten Top des Bullenmarktes – erreicht. "Diese Umfrage zeigt, dass diese 7wöchige Rallye viel zu optimistisch gesehen wird", so Duffy. "Natürlich kann ich nicht weitere Kursgewinne ausschließen – die diese Indikatoren übrigens nur noch weiter in die Extremwerte schicken würden –, aber diese Rallye scheint mit geliehener Zeit weiterzugehen."
Ich stimme zu.
Doch man sollte immer auch eine Gegenmeinung hören. Fondsmanager Ronald Baron meinte dazu im Wall Street Journal: "Dass ist ihre Gelegenheit, reich zu werden. Sie sollten nachts nicht schlafen können; es gibt so viele Dinge zu tun." Baron könnte recht haben. Aber man könnte die Frage stellen: Wenn JETZT die Gelegenheit ist, reicht zu werden, warum hat Baron dann bereits vor zwei Jahren so massiv in Aktien investiert? Der Fonds von Baron (Barron Asset Fund) fiel 2001 um 10,1 % und dieses Jahr bis jetzt um weitere 20 %.
Baron könnte recht haben, dass JETZT die Gelegenheit ist, reich zu werden. Aber zuerst einmal müssen die Investoren die Verluste wieder reinholen, die VORHER angefallen sind, als er zum Einstieg riet, obwohl es eine großartige Gelegenheit war, arm zu werden ...
Etwas Mitleid bitte für den armen Anleihenmarkt. Jetzt, wo Aktien auf einmal wieder populär geworden sind, scheint niemand mehr Anleihen zu wollen. Was sind schon 4 % JÄHRLICHE Rendite, wenn man das Zwei- oder Dreifache an einem Tag durch den Kauf von Technologieaktien erhalten kann? Die 10jährigen amerikanischen Staatsanleihen notieren wieder bei rund 4,25 %.
Natürlich ist es schwer, Leuten, die Anleihen verkaufen, Vorwürfe zu machen. Die Aussichten auf eine Deflation haben sich scheinbar in Luft aufgelöst. Stattdessen zeichnet sich – wenn auch schwach – die Möglichkeit einer Inflation ab. Alan Greenspans rasierdünne Leitzinsen und ein Geldmengenwachstum im zweistelligen Prozentbereich lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass die schwache Möglichkeit einer Inflation bald sichtbarer werden wird.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!
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