Spritztour
Axel Retz in DAX Daily
vom 25. Mai 2007 08:30 Uhr
ENL5454
Liebe Leserinnen und Leser,
die Tour de France und andere internationale Radrennen entpuppen sich mehr und mehr als „Spitztour". Als alter Mediziner bin ich mir aber völlig sicher, dass dieses Phänomen keineswegs auf den Radsport beschränkt ist. Einfach, weil auch echte Ausnahmesportler nicht mehr bestehen können, wenn sich die Konkurrenz unlauterer Mittel bedient.
Sicher: Der Rolle des Sports, gerade auch in ihrer vermeintlichen Vorbildfunktion für die Jugend, wird hier ein unverantwortlicher Bärendienst erwiesen. Aber das Problem insgesamt dürfte eher ein gesamtgesellschaftliches sein.
Stichwort Werteverlust. Deutsche Unternehmer, die schon einmal in Afrika tätig waren wissen, dass „deutsch" dort immer noch mit einem Wertekorsett eingekleidet ist, das es so hier nur noch in Ausnahmefällen gibt.
Die zehn Gebote der Bibel sind etwas aus der Mode gekommen. Im Sport, im Alltag, und erst recht in der Wirtschaft. Einfach, weil befürchtet wird, mit ihnen nicht mehr bestehen zu können, wenn allerorten andere Maximen gelten.
Da wäre ich mir mal nicht so sicher. Wären die Kleinanleger nicht erst von der Telekom und nachher im der New Economy nach Strich und Faden über den Tisch gezogen worden, sähe es um die Aktienkultur in Deutschland anders aus. Nicht, dass nicht jeder Anleger selbst zu verantworten hat, was er tut oder lässt. Die Frage ist, ab wann Leichtgläubigkeit, Ahnungslosigkeit und primitive Instinkte wie Gier missbraucht werden.
Siemens, Deutsche Bank und andere tragen auch nicht gerade dazu bei, Vertrauen in den Aktienmarkt zu wecken.
Rund 250 Prozent Kursgewinn hat der Dax nun seit dem Tief vom März 2003 eingesackt. Und die Anzahl inländischer Kleinaktionäre stagniert bzw. nimmt sogar ab. Das muss man sich einmal vorstellen!
Dieses Votum ist recht eindeutig. Die Masse der Kleinanleger hat es augenscheinlich satt, Ohrenbläsern und Schönrednern auf den Leim zu gehen.
Für das „große Geld", das die Trends an den Börsen bestimmt, spielt das nur eine untergeordnete Rolle. Wehe aber, wenn auch an den Finanzmärkten einmal eine Enthüllungsorgie losbricht wie jetzt im deutschen Radsport!
Was dann abgehen könnte, kennen wir ja bereits seit der Pleite von Gigabell, die damals (Nomen est Omen) den Zusammenbruch des Neuen Marktes einläutete.
Sagen Sie nicht, das kann heute nicht mehr passieren! Das haben Sie Anfang 2000 vermutlich auch gedacht. Und wenn Sie es heute wieder denken, sollte Ihnen gerade das zu denken geben.