S&P500 Financial Sector: Ende der Depression
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 3. August 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
im aktuellen Stadium der Erholungsbewegung ist es an der Zeit einmal mehr auf den Hauptverursacher dieser Krise, die Finanzindustrie, zu blicken. Die jüngsten Zahlen von Goldman Sachs und der Deutschen Bank haben den Markteilnehmern deutlich vor Augen geführt, dass der Weg von hohen Verlusten zu hohen Gewinnen nicht soweit ist, wie es scheint. Überrascht hat das nur allen, die mit der Branche und der Materie nicht vertraut sind. Ein Blick in die Geschichtsbücher reicht allerdings aus, um festzustellen, dass auch diese Bankenkrise nicht anders verläuft als die Zahlreichen vor ihr. Wer nun einwendet, die Auswirkungen hätten doch eine ganz andere Dimension angenommen als jemals zuvor, der darf sich sicher sein, diese Antwort hätte er auch in den vorherigen Krisen von den Betroffenen erhalten. Der Trick, der auch diesmal wieder die Krise unter dem Strich kleiner erscheinen lässt als vorher, liegt in der Flexibilisierung der Bilanzierung. Die staatliche Erlaubnis zur plötzlichen, niedrigen Bewertung bei Wertpapieren ist der gordische Knoten, der durchschlagen werden musste, um eine Rückkehr in die Gewinnzone für die Branche zu ermöglichen. Jetzt wird es ans Eingemachte gehen. Kostenkürzungen, Verkäufe von Tochtergesellschaften, Fusionen und Übernahmen sind schon an der Tagesordnung. Und dies ist nur der Anfang eines Neustrukturierungsprozesses.
Rückschläge werden bald kommen
Immer wieder äußern Marktbeobachter, dass die Krise zwar vielleicht schon vorbei, aber noch lange nicht bewältigt sei. Dieser Einschätzung ist durchaus zuzustimmen, denn die möglichen Ausfälle im Privatkundengeschäft wegen Überschuldung vieler Kreditnehmer werden nicht gering sein. Da die Aktienmärkte nicht uneingeschränkt nach oben tendieren werden, wird der positive Beitrag des Wertpapiergeschäfts zum Gesamtergebnis bald beendet sein und dadurch für Rückschläge bei den Bankenbilanzen sorgen. Bleibt das Finanzsystem aber stabil und auch andere Länder lassen Banken wie in den USA pleite gehen, würde das die dringend benötigte Marktbereinigung beschleunigen. In Deutschland ist diese Lösung (leider) nicht konsensfähig, zumal es kaum noch private Banken gibt.
Vielmehr dürften neu entfachte Übernahmekämpfe um günstig zu erwerbende Institute entbrennen. Während die Politik in den USA ihre Regulierungswut langsam abbremst, scheint Europa mit den Hauptantreibern Frankreich und Deutschland das künftige Finanzgeschehen bis ins Detail regulieren zu wollen. Ein Ding der Unmöglichkeit und zudem ein deutlicher Wettbewerbsnachteil gegenüber Asien und den USA.
Auch die Asiaten haben aus dem Fall Barings Ende der neunziger Jahre gelernt und die Aufsicht verbessert, das freie Spiel der Markkräfte wurde dabei aber nicht außer Kraft gesetzt. Die Jahrhunderte alte Barings-Bank wurde durch die kriminelle Energie eines einzigen Derivate-Händlers gegen die Wand gefahren, Banken rund um die Welt mussten hohe Verluste kompensieren.
Im Grundsatz wird sich kaum etwas ändern
Aktuell zeichnet sich die gleiche Entwicklung wie nach vielen anderen Bankenkrisen ab. Nach einer Anstands- und Restrukturierungsfrist nimmt das Geschäft in den alten Bahnen wieder seinen Lauf auf. Einige Banken haben die Krise zwar nicht überlebt, andere konnten Dank des Netzwerkes ihres Führungspersonals aber deutlich an Kontur gewinnen. In den USA entstanden durch den Immobilienboom zwar viele neue kleine Institute, das Platzen der Blase reguliert den überbesetzten Markt aber jetzt wieder nach unten. Im Verlauf der nächsten zehn Jahre wird sich dennoch eine neue Gründungswelle ergeben, denn die Themen Geldanlage und Alterssicherung werden auch in Zukunft nicht nur von wenigen großen Banken zu bewältigen sein, zudem mancher Vertrauensverlust dauerhaft sein wird. Die Großen hingegen wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder Wells Fargo werden ihr Geld auch weiter im volumenabhängigen Kapitalmarktgeschäft verdienen. Börsengänge, Unternehmensfinanzierungen und -übernahmen, Immobilienfinanzierungen und Terminmarktgeschäfte vor allem im Rohstoffbereich werden ihre Domäne bleiben. Die Chance, diesen Status Quo zu ändern, hat die Politik vertan. Alle weiteren Regulierungen werden nur Kleinanleger betreffen und tragen den Charakter von Alibihandlungen. Wollte die politisch Verantwortlichen wirklich Bewegung in den Sektor bringen, müsste der freie Wettbewerb deutlich gestärkt werden. Die Gründung von Privatbanken müsste erleichtert, die Monopolisierung durch Fusionen und Übernahmen erschwert werden. Doch die Verquickung von Geld und Macht verhindert bisher einen solchen Prozess, in Europa und Asien mehr als in den USA.
Rally noch nicht am Ende
Während der langfristige Chart des S&P 500 Financial Sector klar zeigt, dass die US-Banken noch weit von der Normalität entfernt sind, wirkt das Kurvenbild der vergangenen neun Monate wie eine gelungene Trendwende. In der Tat gelang dem Index ein Zugewinn von mehr als 100 Prozent, dies ist aber angesichts der großen Abwärtswelle von 515 auf 85 Punkte innerhalb von fast zwei Jahren auch nicht wirklich überraschend. Nach den Fibonacci- Retracements, die die Erholungsstationen nach einer Abwärtswelle gemäß einer mathematischen Regel des Wissenschaftlers Fibonacci beschreiben, hätte der S&P 500 Financial Sector noch Mindesterholungspotenzial bis 240 Punkte.
Aktuell sieht es danach aus, als wenn die Bullen einen Teil dieses Potentials in den nächsten Wochen abrufen wollen. Hierzu müssen sie aber den starken Horizontalwiderstand bei 176 Punkten durchbrechen. Erst dann lösen sich die Bremsen auf dem Weg nach oben, der seine nächste Hürde erst im Bereich zwischen 200 und 220 Punkte findet. Im Anschluss an diese Bewegung muss allerdings mit einer Konsolidierung und einem Rücklauf bis an die 200-Tage-Linie gerechnet werden. Die Bären würden erst wieder in Vorteil geraten, wenn die Unterstützungszone um 150 Punkte unterschritten würde. Diese Variante wird von der positiven Entwicklung des MACD und des Relative-Stärke-Index nicht gestützt.
