S&P Financial Sector: Kapitalerhöhungen belasten temporär
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 25. Mai 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
das Ergebnis der Stresstests für die 19 größten US-Banken fiel durchwachsen aus. Unter „Stresstest" verstehen US-Notenbank und Finanzministerium die Veränderung der Kapitaldecke der geprüften Institute vor dem Hintergrund unterschiedlicher Belastungsszenarien im Rahmen der künftigen Entwicklung der Weltwirtschaft. Während 10 von 19 Banken nach Ansicht der US-Notenbank ihre Kapitaldecke zum Teil deutlich verstärken müssen, kann der Rest sehr wahrscheinlich mit der bestehenden Kapitalsierung eine unterstellte Verschärfung der weltwirtschaftlichen Lage bewältigen. Diese Zweiteilung der Bankenwelt in den USA hat zu einer bizarren Entwicklung geführt. Während einige Institute wie Goldman Sachs und J.P. Morgan die ihnen im Herbst gewährten Staatshilfen möglichst schnell zurückzahlen möchten, mühen sich Wettbewerber wie Bank of Amerika , Citigroup oder Well Fargo die attestierten Lücken durch die Neuausgabe von Aktien und die Begebung von Anleihen rasch zu schließen. Allen gemeinsam ist die Abneigung von staatlichen Regulierungen und Interventionen, die sie durch die bisherigen Hilfsmaßnahmen der Regierung zulassen müssen. Der Versuch der Politik vor allem die bisherigen Vergütungsmodelle bei den Investmentbanken per Gesetz drastisch zu verändern trifft auf den erheblichen Widerstand der Branche. Zu wenig Differenzierung und zu viel Regulierungswut vertragen sich kaum mit der Ursprungsidee des Investmentbankings. Ob die Bemühungen der ausreichend kapitalisierten Banken ihre Staatshilfen vorzeitig zurückzahlen zu dürfen von Erfolg gekrönt sein werden, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Auf jeden Fall zeigt die aktuelle Entwicklung, dass die Uhren in den USA im Bezug auf die Finanzbranche viel schneller ticken als in Europa.
Rückschlagsgefahr noch nicht gebannt
Kritisch stehen US-Notenbank und Finanzministerium noch immer einem möglichen stärkeren Rückschlag an den Finanzmärkten gegenüber. Die seit fast drei Monaten andauernde Stabilisierung kann jederzeit wieder in sich zusammenbrechen, denn die Wende bei den Konjunktursignalen muss durch eine längerfristige Trendentwicklung bestätigt werden. Genehmigen die Aufsichtsbehörden den ausreichend kapitalisierten Banken nun die Rückzahlung der Staatshilfen, mindern aber damit gleichzeitig ihren Einfluss auf deren Geschäftspolitik, setzen sie sich bei einem erneuten Aufflammen der Krise heftiger Kritik aus. Andererseits gilt es für die USA aber auch die Funktionsfähigkeit ihres Systems unter Beweis zu stellen. Würde eine strenge Überwachung trotz einer wesentlichen Verbesserung der Kennzahlen der betreffenden Zahlen einen zu langen Zeitraum in Anspruch nehmen, würde das dem bislang positiven Ruf des Landes als Anziehungspunkt für Kapital aus der gesamten Welt schweren Schaden zufügen. Die Aufsichtsbehörden müssen also in den nächsten Wochen einen eleganten Weg finden, um die Interessen aller Parteien ausreichend zu berücksichtigen. Möglicherweise wird eine Rückzahlung der Staatshilfen auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr verschoben. Dann dürfte größere Klarheit darüber herrschen, wie hoch die Gefahr eines Rückschlags an den Finanzmärkten einzustufen ist, darüber hinaus wird bis dahin ein Rohentwurf für eine verschärfte Finanzmarktaussicht zur parlamentarischen Beratung bereit liegen, so dass größere Risiken aus einer Verschärfung der Lage nicht mehr zu erwarten wären.
Vertrauen kehrt langsam zurück
Die laufenden Neuemissionen von Aktien und Anleihen durch die angeschlagenen Banken zeigen allerdings eindeutig eine langsame Rückkehr von Vertrauen unter den Investoren. In erster Linie liegt das zwar nach wie vor an den staatlichen Garantien für Institute wie die Citigroup oder die Bank of America, darüber hinaus wissen vor allem die institutionellen Investoren durch die vollzogenen Stresstests, dass für noch vorhandene Risiken eine Basis gefunden wurde. Das Problem der Bewertung von unverkäuflichen Kreditderivaten wurde durch die Auslagerung in die sogenannten „Bad Banks" zunächst entschärft, wenn auch noch nicht abschließend gelöst. Der kritische Zeitpunkt für die betroffenen Banken war aus Aktienkurstechnischer Sicht die Bekanntgabe des Umfangs der notwendigen Kapitalerhöhungen. Da sich die Rückschläge in dieser Zeit in engen Grenzen hielten, darf durchaus angenommen werden, dass die institutionellen Investoren ihre Chance auf ein Schnäppchen erkannt haben. Die staatlichen Garantien werden zwar zunächst die Möglichkeiten von Dividendenzahlungen an private Aktionäre stark beschränken, andererseits besteht nach unten kaum noch ein Kursrisiko. Die Hausse bei der deutschen Commerzbank war Ergebnis genau dieser Kalkulation. Nach dem Ende der Kapitalerhöhungsphase dürften weitere Gewinne folgen.
Konsolidierung dürfte noch etwas anhalten
Die Rally im Teileindex des S&P 500, dem S&P Financial Sector, scheint auf eine Pause zuzusteuern. Ein erster Anlauf auf die 200-Tage- Durchschnittslinie wurde von den Bären noch souverän gekontert. Seit Freitag hat der Index den Aufwärtstrendkanal zur Seite verlassen und signalisiert damit eine Verlängerung der jüngst gestarteten Konsolidierung. Deutlich unterhalb der steigenden 38- und 50-Tage-Durchschnitte sollten die Notierungen aber nicht fallen, sonst drohen die Bären mit deutlicheren Kursverlusten. Konkreter gesagt, fallen die Notierungen nachhaltig unter 150 Punkte, sind Kurse um 130 Punkte vorprogrammiert. Hält sich die Konsolidierung aber im Rahmen, so wie das die Trendfolger MACD und Momentum andeuten, sollte im Verlauf des Juni auch das Hindernis 200-Tage-Linie aus dem Weg geräumt werden können und der nächste Widerstand bei 200 Punkten angelaufen werden. Zudem signalisiert auch der Bodenbildungs-Indikator Coppock, das deutliche nachgebende Kurse bisher nicht auf der Agenda stehen. Die V-Förmige Erholung, die manche Ökonomen in die Diskussion um die realwirtschaftlichen Zukunftsszenarien eingebracht haben, ist an den Finanzmärkten längst Realität. Das Chartbild des S&P 500 Financial Sector reflektiert dies eindrucksvoll.
