S&P 500 Financial Sector: Die Kernschmelze ist bald vorbei
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 6. März 2009, 09:32 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
noch zu Beginn des Jahres 2008 notierte der S&P 500 Financial Sector knapp unterhalb der Marke von 400 Punkten. Mit den schon sichtbar erscheinenden Problemen zahlreicher Banken im Hypothekensektor stellte die eingeleitete Korrektur des Index, dessen Höchstkurs im Mai 2007 bei 511 Punkten lag, keine Überraschung mehr da. Die sich dramatisch verschärfende Lage des gesamten Finanzsystems auch außerhalb der USA im Jahresverlauf 2008 führte aber gerade zu einer Flucht aus sämtlichen Aktien der Finanzbranche. Auch wenn die Insolvenz von Lehman Brothers im Herbst des vergangenen Jahres eine Art negativen Höhepunkt dieser Finanzkrise für viele Investoren darstellte, in dem Teilindex konnte dieser bisher noch nicht erreicht werden. Kaum jemand kennt bisher die tatsächlichen Rückwirkungen, die die in alle Wirtschaftbereiche vernetzten Banken mit der Verbreitung ihrer Kreditderivate ausgelöst haben. Tatsache ist, dass das daraus entstandene finanzielle Problem nicht zuletzt auch durch die Möglichkeit der legalen Bilanzmanipulierung wesentlich größer ist, als dies auch nur in allen bisherigen Schätzungen wahr genommen worden ist.
Neues Bankensystem speckt deutlich ab
Viele renommierte Namen, die noch vor zwei Jahren zu den mächtigsten Finanzkonglomerate der Welt gehörten, sind insbesondere in den USA von der Krisenflutwelle im Finanzsektor davon geschwemmt worden. Die auch vor der Bankenkrise in den dreißiger Jahren gepflegte Vorstellung, Größe bedeute zugleich Seriösität und Krisenfestigkeit ist erneut bis auf die Grundfesten erschüttert worden. Die Reaktion des Staates, wiederum genügt ein Rückblick in die dreißiger Jahre, wird eine strengere Aufsicht und deutliche Trennlinien zwischen Geschäftsbereichen sein. Mindestens zehn, sehr wahrscheinlich aber 15 bis 20 Jahre werden vergehen, bis sich wieder größere Einheiten aus Übernahmen und Fusionen bilden dürfen. Bis dahin wird der Staat den Versuch unternehmen, zum Beispiel Kredit-und Wertpapiergeschäft scharf auseinanderzuhalten, damit ähnliche Exzesse wie sie in den vergangenen fünf Jahren möglich waren, sich nicht wiederholen. Einen völligen Neuanfang, wie ihn sich viele Bürger wünschen, wird es aber nicht geben können. Denn schon heute existieren an der Wall Street relativ kleine Investmentbankeinheiten, die von Mitarbeitern der untergegangenen großen Institute betrieben werden. Sobald die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs umschaltet, werden viele Geschäfte , die vor der Krise von einer Bank betrieben worden sind, von denselben Spezialisten in mehreren kleinen Einheiten fortgeführt. Ähnlich wie in den staatlichen Verwaltungen und Ministerien lassen sich Fachleute nicht in beliebigen Umfang austauschen.
Kein Wirtschaftsaufschwung ohne funktionierende Banken
Der Blick auf die Geschehnisse um die Neuordnung des Finanzsystems bleibt für viele Anleger auch deshalb so wichtig, weil ohne eine abgeschlossene Restrukturierung bei vielen Banken ein Wirtschaftsaufschwung nicht denkbar ist. Es bleibt dem Staat bei allem Widerwillen deshalb auch nichts anderes übrig, als ein Mindestanzahl an Banken mit Steuergeldern am Leben zu erhalten und gesundzuschrumpfen. Daneben ist es aber notwendig, verschiedenartige Schritte intelligent aufeinander abzustimmen. Eine Rekapitalisierung der Banken steht als Erstes auf der Agenda, eine deutliche Erhöhung der Kreditvolumen ist deshalb reines Wunschdenken. Um den Wirtschaftskreislauf wenigstens auf niedriger Temperatur zu halten, kann nur der Staat selbst über seine speziellen Förderbanken zusätzliche Kredite vergeben. Erst wenn die privaten Banken wieder ausreichend für das Risikogeschäft gewappnet sind, wird sich eine breite Wirtschaftserholung einstellen. Im Mindestmaß wird der Bankensektor ein weiteres volles Jahr brauchen bis aus den wackligen Beinen wieder standfestere geworden sind.
S&P 500 Financial-Index erreicht in diesem Jahr den Wendepunkt
Charttechnisch gesehen befindet sich die Kernschmelze im Finanzsektor vor ihrem finalen Abverkauf. Bei nur noch knapp 80 Punkten ist das Restrisiko für Investoren sehr überschaubar geworden. Wenn man aber bedenkt, dass auch der Dow Jones von jenen 500 Punkten im Hoch in den zwanziger Jahren auf im Tief 30 Punkte 1930 gefallen ist, sollte man im Rahmen einer Kapitulation der Bullen von einer nochmaligen Halbierung des aktuellen Kursniveaus ausgehen. Die Hoffnungslosigkeit dürfte dann endgültig so groß sein, dass das Einsetzen einer größeren Erholung bis in den Widerstandsbereich um 100 Punkte für viele sehr überraschend käme. Den Gewinnmitnahmen am kurzfristigen Abwärtstrend und einer weiteren Tiefpunkt würde dann eine mittelfristige Stabilisierung oberhalb der 100-Punkte-Marke folgen. Die nächsten Widerstände fänden sich dann erst zwischen 160 und 200 Punkten. Zum Jahresende 2009 sollte dann schon eine deutliche Bodenbildung im S&P 500 Financial Sector erkennbar sein. Bis dahin heißt es noch kühlen Kopf bewahren.
