Soll man jetzt Short gehen?
Von Dr. Steve Sjuggerud in Investoren Wissen
vom 07. Juli 2005 16:00 Uhr
ENL5454
Aktien zu "shorten" (oder "leer zu verkaufen") ist nicht ganz einfach. Viele gingen damit schon pleite. Dabei verkauft ein Anleger Aktien an der Börse, die er gar nicht im Depot hat, er verkauft sie also "leer". Bei fallenden Kursen bringt das schöne Gewinne.
Vor einiger Zeit habe ich mit einem Experten für Leerverkäufe gesprochen, der damit in diesem Jahr schon dick verdient hat. Damals sagte er mir, dass sich der Markt seiner Meinung nach in Kürze noch einmal erholen dürfte, dass es dann aber schon bald ideal sein könnte, zu shorten. Genau so ist es gekommen. Nachdem die Aktien kurz schwächelten, gab es wieder eine Erholung. Jetzt könnte es also wirklich ideal sein, Aktien leer zu verkaufen. Wir sehen uns heute noch einmal an, wie das funktioniert ...
Mit "Leerverkäufen" verdienen Sie, wenn der Markt oder einzelne Aktien fallen. Normalerweise setzen Sie als Anleger auf steigende Kurse. Deshalb wollen Sie erst billig einsteigen und dann nach dem Kursanstieg teuer verkaufen. Die Differenz ist Ihr Gewinn.
Beim Leerverkauf ist es genau anders herum: Sie setzen darauf, dass die Kurse fallen werden. Deshalb verkaufen Sie eine Aktie, von der Sie glauben, dass Sie fallen wird, und hoffen, dass Sie diese Aktie später (nach dem erhofften Kurseinbruch) billiger zurückkaufen können.
Aktien verkaufen, die man gar nicht hat? Das funktioniert im Prinzip ganz einfach. Sie geben eine Verkaufsorder bei Ihrer Bank oder Ihrem Broker auf und verkaufen die entsprechende Aktie. Jetzt haben Sie allerdings quasi einen Minusbestand im Depot. Denn Ihr Käufer bekommt ja tatsächlich die Aktie ausgeliefert.
Sie müssen sich deshalb innerhalb von einem Börsentag diese leer verkaufte Aktie besorgen. Das funktioniert über die sogenannte "Wertpapierleihe". Das ist ein richtig organisierter Markt. Beispielsweise verleihen Banken, Versicherungen oder andere institutionelle Investoren Aktien aus ihren langfristigen Aktienbeständen. Sie müssen natürlich diese geliehenen Aktien irgendwann wieder zurückgeben. Für die Leihe selbst ist je nach Aktie ein mehr oder weniger hoher Zins fällig.
Konkret: Angenommen, Sie erwarten, dass Siemens Aktien fallen werden. Dann können Sie diese bei einigen Brokern oder Banken an der Börse "leer" verkaufen, also ohne dass sie den Titel im Depot haben. Sie bekommen dafür den aktuellen Aktienkurs, also derzeit etwa 61 € je Aktie auf Ihr Konto überwiesen. Ihr Käufer bezahlt und bekommt dafür die Aktie im Gegenzug in sein Depot gebucht.
Um diese Aktie jetzt tatsächlich liefern zu können, also um Ihren Minusbestand im Depot auszugleichen, müssen Sie sich den Titel eben genau über die Wertpapierleihe besorgen. Natürlich müssen Sie dabei nicht selbst Banken und Investoren abklappern. Das macht Ihr Broker oder Ihre Bank für Sie. Auf Reuters gibt es extra Handelsseiten, auf denen Sie sehen können, welche Aktien zur Leihe angeboten werden und wie hoch der Zinssatz dafür ist.
Und wie geht es jetzt weiter? Angenommen Siemens fällt wie von Ihnen erwartet, beispielsweise auf 50 €. Dann kaufen Sie jetzt Siemens Aktien zu 50 € und geben diese wieder an den Verleiher zurück. Für Sie bleibt ein Gewinn von 11 € je Aktie (61 € Verkaufskurs – 50 € Kaufkurs). Natürlich müssen Sie noch den Zins für die Leihe abziehen. Bei Siemens dürften das etwa 3-5 % pro Jahr sein. Die Höhe des Zinsen richtet sich vor allem nach der Volatilität der Aktie und danach, wie schwer sie generell zu beschaffen ist, also grundsätzlich nach der Größe des Unternehmens.
Mit diesem Geschäft haben in der Vergangenheit wirklich schon viele ordentlich verdient. Einige von den erfolgreichsten Leuten in der Geschichte der Wall Street waren Leerverkäufer ... Leute wie Jesse Livermore und Daniel Drew.
Und heute? Sie kennen wahrscheinlich keinen einzigen. Das ist logisch: Denn Leerverkäufer verdienen Geld, wenn die Aktien fallen. Der Aktienmarkt steigt aber seit 1982 (mit Ausnahme der Jahre 2000-2002). Wir betrachten also einen Zeitraum von über 2 Jahrzehnten, in dem Leerverkäufer gegen den Trend spekuliert haben.
Der Bullenmarkt zwischen 1982 und 2000 war der längste überhaupt. Darunter litten auch die besten Leerverkäufer. Hier sind regelrechte Schlägereien an der Börse im Parketthandel keine Seltenheit. Dann nämlich, wenn ein Händler genau wusste, wer von seinen Kollegen in einer Aktie short war und sich jetzt unbedingt bei stark steigenden Kursen eindecken musste um hohe Verluste zu vermeiden. Der Leerverkäufer sieht, wie ihm der andere grinsend dabei zusieht, wie seine Verluste regelrecht explodieren und er trotzdem keine Aktie geliefert bekommt. "Hair cut" sagen Händler dazu.
Aber Aktien können nicht immer steigen. Und es könnte sein, dass jetzt bald, nach dem längsten Bullen Markt aller Zeiten, der längste Bären Markt aller Zeiten kommt und das dann die Kurse lange Zeit fallen. Und wer verdient dann Geld? Eben gute Leerverkäufer. Der Profi, mit dem ich neulich sprach, hat eine ziemlich einfache Strategie. Er macht das gleiche, wie ich, wenn ich nach etwas suche um es zu kaufen ... nur genau das Gegenteil davon.
Wenn ich nach einem Investment suche, möchte ich etwas kaufen, das
1) einen außergewöhnlichen Wert hat
2) nicht in Mode ist oder von den Anlegern sogar gehasst wird
3) gerade seinen Aufwärtstrend begonnen hat
Beim Leerverkauf macht man genau das Gegenteil. Man sucht eine Aktie die ...
1) stark überbewertet ist
2) die von allen empfohlen wird und die jeder haben will
3) gerade ihren Abwärtstrend begonnen hat
Mein Informant sagte vor kurzem dass diese Kriterien zur Zeit auf den gesamten Markt zutreffen. Die Aktien seien überbewertet und waren damals im Abwärtstrend. Er erwartete eine schnelle Erholung, die dazu führt, dass die Leute Aktien wieder lieben. Genau so ist es gekommen. Die Aktien haben sich in den letzten Wochen wieder erholt. Mein Informant dürfte deshalb wohl schon bald aggressiv short gehen .
Der Bullen Markt der vergangenen 20 Jahre könnte schon bald zu Ende sein. In dieser Zeit flogen die meisten Leerverkäufer aus dem Rennen. Es könnte jetzt die richtige Zeit sein um einzusteigen ...
Dabei gibt es nur wenig Konkurrenz unter Leerverkäufern. Denn der lange Bullenmarkt hat vielen Spekulanten, die auf Leeverkäufe spezialisiert waren, das Genick gebrochen ... Wer seine Hausaufgaben macht, könnte möglicherweise auf der Short Seite in den nächsten Jahren schön verdienen. Es ist es auf jeden Fall wert, jetzt mehr darüber zu lernen ...