So reduzieren Sie das Gesamtrisiko Ihres Portfolios
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 21. Mai 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
in der letzten Ausgabe der Risiko- und Money-Management Serie ging es um die korrekte Positionsgrößenbestimmung. In der heutigen Ausgabe will ich das Thema „Gesamtrisiko des Portfolios“ für Sie ein wenig erörtern.
Stellen wir uns folgende Situation vor:
Trader Paul hat den letzten IW-Artikel zum Thema Positionsgrößenbestimmung verinnerlicht. Voller Elan setzt er das neue Wissen um. Er wählt 10 Aktien aus, welche er gemäß einem seriösen Money Management gewichtet (vgl. letzter Artikel). Mit jedem dieser 10 Trades riskiert Paul maximal 1% seines Depotvolumens. Aufgrund dieser „konservativen Herangehensweise“ fühlt sich Paul sehr sicher. Was soll schon passieren...
Seine Position entwickeln sich hervorragend, bis es plötzlich zu einer (für ihn) völlig unerwarteten Marktkorrektur kommt. Alle seine zehn Positionen werden ausgestoppt. Zwei davon sogar mit einem größeren Gap (einer Kurslücke). Pauls Depot ist auf einen Schlag um 12% gesunken (acht mal wurde eine Position mit einem Prozent und zweimal mit 2% des Depotvolumens ausgestoppt).
Was hat Paul also falsch gemacht? Er hat sich nur auf das Money Management konzentriert und dabei das Risiko seines Gesamtportfolios komplett vernachlässigt.
Durch den Kauf von 10 Aktien ist bei Paul ein großes Klumpenrisiko entstanden. In einer stärkeren Korrektur (wie der gestrigen) fließt aus fast jeder Assetklasse Geld. Bei 10 Aktienpositionen (long) werden mit hoher Wahrscheinlichkeit alle zehn fallen. Und wenn Sie Pech haben, werden sogar alle zehn ausgestoppt... Worauf kommt es also an?
Achten Sie auf das Gesamtrisiko Ihres Portfolios
Neben den Einzelpositionen und dem dazugehörigen Positions- und Money-Management müssen Sie auch zwingend das Gesamtrisiko Ihres Portfolios im Blick haben. Dieses ist von mehreren Faktoren abhängig.
Korrelation zwischen den einzelnen Positionen
Wer sich 10 Goldaktien ins Depot lädt, welche alle jeweils 1% des Depotwertes riskieren, kann sich auch gleich in fünf Minen einkaufen und und jeweils 2% riskieren. Das Ergebnis dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit etwa gleich sein. Deshalb sollten Sie folgenden Hinweisen unbedingt Beachtung schenken...
Diversifizieren Sie Ihr Risiko über mehrere Sektoren, die Richtung und Assetklassen
- Jeder Sektor führt ein Eigenleben und nur in den seltensten Fällen (z.B. bei einem starken Crash) entwickeln sich alle gleich. Durch den Kauf von Aktien aus verschiedenen Sektoren können Sie die Korrelation der einzelnen Positionen erheblich senken. So entwickeln sich z.B. Pharmawerte i.d.R. unabhhängig von Gold- oder Techaktien.
- Gehen Sie neben long auch short. Gerade in unruhigen Marktphasen sollten Sie auch auf fallende Kurse setzen. Gehen Sie in den stärksten Aktien aus den stärksten Sektoren long und in den schwächsten Aktien aus den schwächsten Sektoren short.
- Falls es Ihre Kenntnisse und Erfahrung an den Märkten zulassen, macht es durchaus Sinn, neben Aktien auch Rohstoffe und Währungen zu handeln. Das senkt insgesamt die Volatilität Ihrer Performancekurve gewaltig.
Riskieren Sie niemals mehr als 5% Ihres Gesamtportfolios (in eine Richtung)
Das bedeutet, dass Sie bei 10 Aktien-(Long)Positionen maximal 0,5% Ihres Depotwertes riskieren sollten. Werden alle zehn ausgestoppt, beträgt Ihr Drawdown nur 5%. Wenn Sie hingegen Ihr Risiko diversifizieren (siehe obige Punkte) können Sie das Gesamtrisiko auch ohne Probleme auf 10% erhöhen.
Ziehen Sie regelmäßig Ihre Verlustbegrenzungen nach, oder nehmen Sie Teilgewinne mit, damit Sie neue Positionen eingehen können
Durch das Nachziehen Ihres Stop-Loss, verschaffen Sie sich „wieder etwas Luft“ um neue Position zu kaufen. Das Gleiche gilt für den Verkauf von (Teil)Positionen.
Beispiel:
Der Edelmetallsektor ist „unter Strom“. Am liebsten würden Sie mit Ihrem gesamten Portfolio einsteigen... Da hier natürlich (aus Sicht des Money und Risikomanagements) ein unkalkulierbares Risiko vorliegen würde, sollten Sie folgendermaßen vorgehen: Kaufen Sie sich in zwei Goldaktien ein, mit welchen Sie jeweils nur 1% Ihres Depotwertes riskieren. Sobald die Positionen ins Grüne laufen, können Sie Ihre Stop-Loss-Marken nachziehen und eine neue Positionen in diesem Sektor eingehen.
Der Vorteil: Erst wenn Gewinne anfallen und Sie diese absichern, dürfen Sie weiter in den bestehenden Sektortrend investieren. Damit vermeiden Sie, dass Sie sich zum Opfer Ihrer eigenen Psyche machen („Der Goldsektor MUSS einfach steigen, ich weiß es...“) und sind automatisch nur in den Sektoren höher gewichtet, welche stabile Trends aufweisen ("The Trend is your friend").
Die eigentliche Kunst beim Trading liegt nicht ausschließlich im richtigen Kauf- und Verkaufszeitpunkt oder in der Wahl des „Supertitels“, sondern viel mehr im korrekten Risiko- und Moneymanagement. Das ist die Königsdisziplin, auf der Ihr Erfolg beruht. Beachten Sie in Zukunft zuerst auf das Risiko und dann erst die möglichen Gewinne. So paradox es klingen mag: Man kann mit fast jedem Tradingstil letztlich irgendwie etwas Geld verdienen... Aber dies funktioniert nur, wenn man weiß, wie man mit dem Risiko richtig und konsequent umzugehen hat!
Beste Grüße