Silber: Korrektur wird wahrscheinlicher
Andreas Wolf in DAX Daily zum Thema Silber als Geldanlage
vom 18. September 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
ein wenig fühlt man sich wie in die alten Zeiten der Rohstoff-Hausse vom vergangenen Frühjahr 2008 versetzt. Viele Industrie-und Edelmetalle nehmen trotz der noch schwierigen Situation an den Absatzmärkten wieder Fahrt auf. Eine starke Performance legte auch der Silberpreis hin, der nach Abschluss einer Konsolidierungsphase im Verlauf dieses Frühjahres seit Anfang Juli knapp 50 Prozent an Wert gewann. Weniger die Einführung von Futures und Optionen auf das Edelmetall durch die Terminbörse Eurex im Juni, sondern vielmehr die begründete Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Weltwirtschaft steht hinter dem größten Aufschwung für die Bewertung der Feinunze Silber (31,1 g) seit der ersten Ölkrise von 1973/74.
Tatsächlich dürfte aber auch die verstärkte Emission von Exchange Trading Funds (ETFs) durch verschiedene Anbieter wie Börsen oder Banken für den starken Anstieg verantwortlich sein. Denn diese Produkte müssen in der Regel durch physische Ware unterlegt sein, so dass allein durch eine künstlich geschaffene Nachfrage eine gewisse Form der Preismanipulation vorliegen kann. Da zudem die Umsätze an den Rohstoffbörsen im Bezug auf Silber für gewöhnlich eher gering sind, reicht ein kleiner Umsatzanstieg aus, um einen größeren Preisanstieg zu bewirken. Ein ähnlich starker Anstieg des Silber-Preises im Februar/März 2008 führte nur kurze Zeit später zu einer ausgeprägten Verkaufswelle, die die gesamten Gewinne schnell wieder ausradierte. Die aktuelle Aufwärtsentwicklung scheint aber auf einem breiteren Fundament zu stehen.
Leitmetall Gold dient weiter als Orientierungspunkt
Die jüngste Aufwärtsbewegung bei Silber hängt unmittelbar mit der Entwicklung des Goldpreises und des US-Dollars zusammen. Ein Anstieg des Goldpreises geht in der Regel mit einer Abschwächung der US-Währung einher, da fast alle Rohstoffe in US-Dollar notiert werden. Der Blick auf die Wertentwicklung bei Gold bleibt für Investoren, die sich für Silber interessieren deshalb unabdingbar. Auf konjunkturelle Einflüsse reagiert Silber hingegen wesentlich stärker als Gold. Die Outperformance der vergangenen zwei Monate hat deshalb auch etwas mit der Hoffnung der Marktteilnehmer zu tun, von einer stärkeren wirtschaftlichen Erholung würde vor allem Silber als Industriemetall besonders profitieren können.
Rund 56 Prozent der Silberproduktion werden von der Industrie für ihre Zwecke verwendet, nur ein kleinerer Teil wird durch die Schmucknachfrage oder zur Inflationsabsicherung in Wertpapierdepots verwendet. Der Korrelation zu Gold sind daher Grenzen gesetzt, während der Einfluss der Währungsentwicklung durch den US-Dollar wesentlich höher zu bewerten ist.
Großer Einfluss der kurzfristigen Spekulanten
Zur Preisbildung tragen in der Regel natürlich fundamentale Faktoren bei. Dazu gehört fraglos die Produktionsprognose der großen Minenbetreiber in Südafrika, Kanada und Russland. Diese Vorhersagen sind allerdings häufig mit Vorsicht zu genießen, denn selbstverständlich sind die Produzenten an einem hohen Silberpreis interessiert. Die Diskrepanz zwischen der prognostizierten und absoluten Produktionszahl kann zum Teil erheblich sein, die zwischenzeitlich hohen Schwankungen des Silberpreises lassen sich aus diesem Grund gut erklären.
Andere Quellen wie Edelmetall-Forschungsinstitute halten eine Überschuss des Silber-Angebots wegen des starken Einbruchs der Nachfrage um mehr als 10 Prozent fast für zwangsläufig, da die Produktion im gleichen Zeitraum nur um 2 Prozent zurück gegangen ist. Würde der Markt diese Bewertung teilen, könnte er es aber unmöglich über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten ignorieren und den Silberpreis seit Jahresbeginn um 75 Prozent in die Höhe treiben.
Vor allem die unterschwellig auflebende Inflationsangst, die durch die vielen Konjunkturpakete und Ausgabenprogramme der Regierungen der Industriestaaten geschürt wurde, hat die Spekulanten zurück an die Rohstoffmärkte getrieben. Die größte Gruppe der Spekulanten stellen aber neben den Unternehmen, die Silber für ihre künftige Produktion brauchen, wieder Finanzinvestoren. Die neuen Terminkontrakte verstärken den spekulativen Charakter des Preisanstiegs und erhöhen im Falle neuer Turbulenzen an den Finanzmärkten die Gefahr eines stärkeren Kurseinbruchs.
Neue Unterstützungsline wird bald getestet
Silber bewegt sich seit einem Jahr in einem breit angelegten Aufwärtstrendkanal. Im Laufe dieses Jahres wurden dabei nicht nur die kurzfristigen Durchschnittslinien aus 38- und 50-Tagen überschritten, auch die 200-Tage-Linie, Gradmesser für eine intakte Auf-oder Abwärtsbewegung wurde im April endgültig geknackt und bestand einen Retest Anfang Juli erfolgreich.
Allerdings sind die Bullen technisch schon ein wenig über das Ziel hinaus geschossen und müssen nun jederzeit mit einer Korrektur rechnen. Ein Test der vor kurzem überwundenen Abwärtstrendlinie kann in diesem Rahmen stattfinden, ein Rücklauf an eine starke Unterstützungslinie würde den Anforderungen an eine zwischenzeitliche Konsolidierung aber auch genügen. je stärker fällt der sogenannte „Pull-Back" an den ehemaligen Abwärtstrend aus.
Ein Rückschlag bis in den Bereich um 14,40 US-Dollar wäre aktuell als völlig unproblematisch anzusehen und würde das mittelfristig bullische Chart-Bild nicht beschädigen. Für eine zusätzliche Unterstützung sorgen in diesem Bereich die steigenden 38-und 50- Tage- Durchschnitte, die durch ihren starken Anstiegswinkel kurzfristig kaum nachhaltig unterschritten werden dürften. Die nur noch schwach ausgeprägte Aufwärtsdynamik der technischen Trendindikatoren MACD und RSI kann als Warnsignal für eine bevorstehende Korrektur gewertet werden.
Gewinnmitnahmen können aber auch schon im Bereich der starken Unterstützungszoneum 16 US-Dollar enden. Dies wäre dann ein Zeichen für eine dynamische Fortsetzung der Silber-Rally. Für die Bären wird das Chart-Bild erst wieder unterhalb von 14,40 US-Dollar interessant.