Silber-Crash schockt Rohstofftrader!
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Silber als Geldanlage
vom 21. April 2006 18:00 Uhr
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Outsch, das hat weh getan: Vom gestrigen Hoch bei 14,72 Dollar verlor der Silberpreis bis heute mehr als 20 % auf zeitweise unter 12 Dollar. Ich erhielt mehrere aufgeregte Mails, was denn passiert sei.
Die Antwort darauf ist so lapidar, wie einfach: Nichts! Zumindest ist zurzeit kein wirklicher Grund bekannt. Was ist also die Ursache für diesen Einbruch?
Ich erhielt in den letzten Wochen zunehmend Mails von meinen Target-Trader Kunden, warum ich denn nicht in Silber einsteige, oder Zertifikate auf Silber empfehle. Ich schrieb jedes Mal die lapidare Antwort: Weil die Rohstoffpreise mir generell zu überhitzt sind.
Eine Diskussion in der Kaffeepause
Gestern auf dem Seminar, hatte ich morgens noch mit meinem Kollegen Herrn Vaupel (Rohstoffexperte) eine etwas längere Diskussion über Silber. Wir kamen beide zu dem gleichen Schluss, dass bei Silber nun so langsam das Ende der Fahnenstange erreicht sein müsse. Das Thema "Silber ETF" sei nun genug durch die Medien gejagt worden. Buy the rumors, sell the facts (Kaufe die Gerüchte, verkaufe die Fakten). Zudem dürfte wirklich jeder mittlerweile mitgekriegt haben, dass Silber fundamental wirklich interessant ist, dass eine Silberknappheit besteht, und, und, und (denken Sie sich hier die vielen Argumente, die für Silber sprechen).
Hat sich die fundamentale Situation geändert?
Und hat sich das seit gestern geändert? Nein! (Wie gesagt, wenn es nicht doch noch einen anderen Grund für den Einbruch gibt). Aber es gibt ein kleines Problem: Wenn jeder in Silber investiert ist, wer soll dann Silber noch kaufen? Silber wird im Gegensatz zu Aktien auch "verbraucht" (z.B. in der Industrie und Schmuck). Ein Umstand, der Rohstoffe von Aktien unterscheidet und zum Teil eine andere Herangehensweise erfordert. Nur der Anstieg des Silberpreises in letzter Zeit war im hohen Maße spekulativer Natur, weniger dem realen Verbrauch zuzuschreiben.
Und in solchen Fällen gilt auch bei Rohstoffen: Wer sollte denn jetzt noch kaufen? Alle meine Kollegen waren sich in den letzten Wochen(!) schon einig, dass man nun die Finger vom Silber lassen solle, dass ein Neueinstieg gefährlich sei.
Wen interessiert's?
Zurecht? Nicht unbedingt. Denn natürlich hätte Silber auch auf 20 Dollar oder sogar 30 Dollar ansteigen können, keine Frage. Schauen Sie sich die Entwicklung einzelner Aktien an. Nur, wenn Sie länger an der Börse tätig sind, steigen Sie auf solche Hypes einfach nicht mehr ein. Sie lassen Sie an sich vorbeirauschen, wie ein Sommergewitter, denn es gibt sie immer wieder. Die Kuh ist durchs Dorf getrieben, hier ist die Wahrscheinlichkeit einer größeren Konsolidierung einfach zu groß. Und wenn es dann doch immer weiter geht? Wen interessiert's?
Wer dem Geld, dass er nicht gewonnen hat, Geld, dass er hätte gewinnen können, hinterher trauert, hat an den Börsen viel Tränenflüssigkeit nötig. Vergessen Sie das.
Es geht darum rechtzeitig solche Trends auszumachen, bevor alle schon davon reden. Hypes sind und bleiben einfach zu wenig prognostizierbar. Der plötzliche und unerwartete Einbruch beim Silber ist nur eines der sehr vielen Beispiele dafür.
Was ist nun zu tun?
Ich will nicht wissen, wie viele Stops gestern zu wesentlich tieferen Kursen ausgelöst worden sind. Ich will nicht wissen, wie viele Scheine wertlos ausgeknockt wurden. Wie viele Anleger, die in den letzten vier Wochen in Silber eingestiegen sind, sitzen nun mit großen Fragezeichen über Ihren Köpfen vor den Monitoren und fragen sich: Was ist nun zu tun? Halten oder verkaufen?
Ich erhalte in solchen Fällen immer viele Mails, mit solchen Fragen. Aber leider hängt die Beantwortung von derart vielen Faktoren ab: Anlagehorizont, Kapitaleinsatz, Art der Anlage, persönliches Einkommen, persönliche Einstellung. Somit sind solche Fragen einfach nicht zu beantworten sind.
Zudem kann ich nicht beurteilen, wie viel "spekulatives" Potenzial noch in Silber drin steckt. Aber ich habe Silber eigentlich so bei 10 Dollar schon als eher kritisch betrachtet. Meinen Kunden werde ich über 10 Dollar jeden Falls keinen Einstieg empfehlen, und wenn es doch nun sofort weiter läuft, wen interessiert's?
Nur durch Schmerzen lernt man
Sie kennen meine alte Weisheit: Die Börse geht den Weg des Schmerzes und nur durch Schmerz lernt man mit den Jahren. Jede Narbe, welche die Börse Ihnen schlägt, wird bei einem späteren vergleichbaren Ereignis deutlich zu jucken und zu schmerzen anfangen und Sie davon abhalten, die gleichen Fehler zu wiederholen. Wenn nicht, dann war die Narbe nicht groß genug und muss tiefer gerissen werden.
Sehen Sie also die Verluste, sofern Sie welche erlitten haben, nicht als etwas Ungerechtes, beklagen Sie sich nicht, lernen Sie daraus! Suchen Sie sich von nun an die frischen Filetstückchen und nicht die durchgekauten Reste ...
Globale Entscheidungen hinter verschlossenen Türen?
Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao ist gestern vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush im weißen Haus empfangen worden. Mich interessiert dabei nicht, was nach außen an Statements und Verlautbarungen gedrungen ist – mich interessiert etwas anderes, nämlich welche Interessen beide Seiten und was wirklich vereinbart worden sein könnte:
China will
- 1. Dass sich die USA aus dem Konflikt in Taiwan heraushält
- 2. Dass die USA keine Strafzölle auf chinesische Produkte verhängt
- 3. Den Yuan so lange wie möglich an den US-Dollar gekoppelt halten, damit sie billig Waren in die USA einführen können.
Die USA will
- 1. Dass China im Streit zwischen den USA und Nordkorea stillhält
- 2. Dass China sich aus dem Atomstreit mit dem Iran heraushält.
- 3. Den Yuan vom Dollar abkoppeln, bzw aufwerten, damit die einheimische Industrie konkurrenzfähiger zu den Billig-Importen aus China wird.
Ich weiß natürlich nicht, was bei dem Treffen besprochen wurde, aber wenn man sich anschaut, dass (natürlich vereinfacht) beide doch drei sehr gewichtige Bedürfnisse haben, könnte es natürlich sein, dass da gestern im Hinterzimmerchen heftigst gemauschelt, oder wie der Kölner sagt: "geklüngelt" wurde.
Mögliches Szenario: Die USA hält sich aus dem Taiwan-Konflikt heraus und erfährt dafür Unterstützung im Korea-Konflikt. Die USA verhängt keine Strafzölle oder nur symbolische, dafür gibt China den USA im Iran freie Hand. Der Yuan wird schrittweise und langsam angepasst.
Wenn doch Diplomatie so "einfach" wäre. Nein, sie ist es nicht. Zu viele andere Interessen werden im Hintergrund stehen. Trotzdem weiß man aus der Geschichte dass es immer wieder solche Mauscheleien gegeben hat. Kaum jemand macht sich dabei bewusst, dass hier mal eben bei einem netten Plausch über das Schicksal von 100.000enden bis Millionen Menschen entschieden werden kann.
Was will Chinas Präsident bei Bill Gates?
Viel interessanter fand ich, dass sich der chinesische Staatspräsident zunächst mit Bill Gates getroffen hat. Also noch vor dem Treffen mit Bush! Das wird von den Medien so interpretiert, dass China wirtschaftliche Interessen wichtiger sind, als politische. Sicherlich auch mit dem Hintergrund der eher chinafeindlichen Politik der Bush-Regierung bleibt hier viel Raum für die wildesten Spekulationen.
Manches Mal möchte man schon bei solchen Treffen Mäuschen spielen. Ich befürchte nur, dass man zum Teil schwer enttäuscht wäre, wie belanglos diese Gespräche dann doch wirklich sind. Das meiste wird sowieso von Unterhändlern im Vorfeld geklärt.
Und was wirklich verhandelt wurde, werden wir wahrscheinlich nie, oder erst sehr viel später erfahren.
Trotzdem wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende
Ihr
Jochen Steffens