Sichtbare Rezession
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 02. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Mir wurde etwas mulmig zu Mute, als ich heute morgen durch die Kölner Innenstand lief. Vor ein paar Wochen hatte ich Ihnen schon von den Industriegebieten rund um Köln erzählt, die langsam den Charakter von Geisterstädten bzw. Geister-Industriegebieten haben. Überall Gewerbeflächen zu vermieten, große Schilder, noch größere Schilder. Mich würde interessieren, wie sehr die Mieten dort bereits gefallen sind. Auch die vielen Büroflächen, die in Köln freistehen, waren mir bereits bei meiner Wohnungssuche aufgefallen.
Doch heute war ich etwas bestürzt. Ich entdeckte viele leerstehende Ladenlokale mit dem Schild "zu vermieten". Läden, an denen ich jahrelang vorbeigegangen bin, die für mich zum Stadtbild dazu gehörten (Ich wohne nun seit mehr als 15 Jahren in Köln). Der Supermarkt um die Ecke, leer, das Sonnenstudio, leer, das Fahrradgeschäft an der Ecke, leer – das Lederwarengeschäft weg. Die Boutique nicht mehr da. Das Schild "zu vermieten" drängte sich förmlich auf.
Ich weiß nicht, wie es in anderen Großstädten aussieht, aber ich vermute mal ähnlich. Vielleicht schreiben Sie mir mal etwas dazu. Das Bestürzende dabei ist, dass sich die Situation in den letzten Wochen wohl dramatisch zugespitzt haben muss. Denn ich bin eigentlich häufiger in der Stadt, oder habe ich die ganze Zeit dran vorbei gesehen?
Sicher, es war ja angekündigt: wenn dieses Jahr die Einzelhandelsumsätze nicht dramatisch anziehen, wird vielen Einzelhändlern die Puste ausgehen (ich hatte davon berichtet). Genau das scheint nun einzutreten. Und obwohl man darüber geschrieben hat, ist es in der Realität doch wieder erschreckend. Die Folgen dieser Rezession sind deutlich zu erkennen. Im Moment sind es nur die kleinen Geschäfte in den Seitenstraßen und noch sind auch einige Geschäftslokale wieder schnell vermietet. Aber wenn es noch ein, zwei Jahre so weiter geht ... Viele dieser Geschäfte werden durch "Ramsch-Geschäfte" ersetzt. "Billig-Schuhe", Lagerverkäufe und "alles für einen Euro" Geschäfte. Auch eine Form der Deflation.
Wenn Sie in Immobilien selbst, Immobilien-Fonds oder ähnlichem investiert sein sollten, dann gebe ich Ihnen den guten Rat genau zu überlegen, ob Sie ihr Geld nicht doch anders investieren wollen. Denn nicht zu vermietbare Ladenlokale und Büroräume werden die Preise für Immobilien bald drastisch sinken lassen. Schon jetzt scheint es schwierig zu sein, Immobilien an den Mann zu bringen, die Preise werden nicht mehr erzielt.
Noch ist wenigstens der Wohnungsmarkt in Köln unverändert überlaufen, aber einige teure Wohnungen stehen auch schon leer. Wenn immer mehr Arbeitslose immer billigere Wohnungen brauchen, dann werden auch irgendwann diese Mieten drastisch fallen müssen.
Denn auch die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt wird immer kritischer. Im Juni soll die Arbeitslosigkeit nach Angaben der "Welt" auf 4,3 Mio. angestiegen sein. Das ist die höchste Juni Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung. Zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 350.000 Erwerbslose.
Trotzdem: die Börsen steigen. Sie steigen, weil gestern in Amerika ein starkes Kaufsignal generiert wurde. Das hatte wohl einige Kaufprogramme ausgelöst, so dass es zum Schluss hin zu weiter steigenden Kursen gekommen ist. Die Börsen steigen trotz (im Sinne von trotzig) der vielen schlechten Konjunkturdaten und sie steigen – nicht mehr lange. Heute werden die Auftragseingänge veröffentlicht, morgen die Arbeitsmarktdaten. Wenn sich beide Zahlen besser entwickeln, sehen wir vielleicht noch einmal einen Versuch die Hochs zu erreichen. Doch ich befürchte, wir haben die Höchstkurse in diesem Jahr gesehen.
Zum Ende dieser Woche wird es an den Börsen etwas mau werden, denn der Independence Day naht. Deswegen kommt es am Donnerstag schon zu verkürzten US-Handelszeiten. Am Freitag ruht dann der Handel in Amerika ganz. Die europäischen Börsen werden wie gewohnt ohne Impulse aus Amerika umsatzschwach mit leicht fallender Tendenz vor sich hindümpeln.
Eine Zahl noch kurz: China hat nun Japan als wichtigster deutscher Handelspartner in Asien abgelöst. So stieg der Export nach China um 20 % auf ein Volumen von 14,5 Mrd. Euro. Dagegen verringerte sich das Volumen der Exporte nach Japan um 7 % auf 12,2 Mrd. Euro.