Sex, Lügen, und Amerikas Schuldenimperium
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 09. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
In einem aktuellen Artikel in der New York Times kommentiert David M. Walker vom amerikanischen Bundesrechnungshof:
"Die Gesamtschulden der US-Bundesregierung – die Akkumulation der jährlichen Defizite – haben letzten September ungefähr 7 Billionen Dollar erreicht, was rund 24.000 Dollar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind im Land sind", verkündet er. "Aber in dieser Zahl sind Verpflichtungen wie die für die Lücke bei den Sozialversicherungen ( ...) und dem Geld, das für diese Verpflichtungen beiseite gelegt werden muss, noch gar nicht berücksichtigt. Wenn man das noch berücksichtigt, dann würde die Bürde für jeden Amerikaner auf über 100.000 Dollar steigen."
Ich füge noch hinzu:
Jeder vierte Dollar, den die US-Bundesregierung ausgibt, ist ein Schuldendollar. Und für jeden Dollar, der an Einkommensteuer eingekommen wird, leiht sich die US-Bundesregierung 80 Cents. Früher einmal machen sich die Volkswirte darüber Sorgen, dass die Regierung die Ersparnisse der Nation verbraucht. Aber jetzt haben die Amerikaner gar keine Ersparnisse mehr, die genutzt werden könnten. Die Nation schafft es nicht, einen Cent zu sparen ... wie will sie da den ganzen Planeten retten?
Die Haushaltsdefizite könnten in den nächsten 10 Jahren bei jährlich rund einer halben Billion Dollar liegen – was insgesamt 5 Billionen Dollar entsprechen würde (der Hälfte der amerikanischen Wirtschaftsleistung). Ich habe diesen Satz mit keinem Ausrufezeichen enden lassen, da diese Zahlen auch ohne Ausrufezeichen erschrecken. Dennoch sind die amerikanischen Ökonomen gegenüber diesem Problem taub ... genau wie die US-Politiker gegenüber einer Lösung taub sind. Ich erinnere an die Worte von Dick Cheney: "Defizite sind egal."
Legenden, Betrug, Lügen und leere Phrasen.
Ich lamentiere nicht zu sehr über diesen Humbug ... denn ich genieße es auch, mich damit zu beschäftigen. Aber letzte Woche wurde ich plötzlich von einem Thema so getroffen, dass ich aufhören musste und mir erst einmal einen Drink ordern musste.
Das war bei einem Essen mit Merryn Somerset Webb vom Magazin MoneyWeek. "Natürlich ist das alles ein Betrug", hatte, "aber unsere Leben bestehen daraus."
Ich trank und dachte darüber nach. Ich konnte keinen weiteren Text für den Investor's Daily schreiben, bevor ich nicht meinen Frieden mit dieser Erkenntnis gemacht hatte. Denn es stimmte: Alles ist eine Illusion. Wenn man all die Eitelkeit, die dummen ... und liebenswürdigen ... Illusionen wegnimmt, was würde da übrig bleiben von den Dingen? Wir würden auch die sentimentale und Angst machende Romantik des Lebens entfernen. Wenn ich niemals wieder mit einem eitlen Scharlatan oder pompösen Hochstapler sprechen könnte, dann würde ich den Rest meiner Tage in einer selbst auferlegten Trappisten-Isolation verbringen. Was für Spaß würde das schon machen?
Nein, liebe(r) Leser(in), Gott hat uns in SEINE große Komödie platziert, damit wir unsere Rollen spielen. Und deshalb bedaure ich es nicht, aber ich stehe auch nicht mit dem offenen Mund eines Naiven da ... sondern mit dem spitzbübischen Lächeln eines Mannes, der bereit dazu ist, seine Pflicht zu tun ... und sie zu genießen.
Einige Illusionen sind gefährlich; andere sind willkommen. Wenn Ihnen Ihre Frau/Ihr Mann "Ich liebe Dich" sagt, dann wird man das glauben wollen, als ob es die Heilige Schrift sei. Was gewinnt man, wenn man nach den Motiven fragt oder die Bedeutung zerpflückt?
Natürlich hat jede Illusion auch ihren Preis. Auch für die Schimäre einer Liebe muss man so teuer bezahlen wie für alles andere ... aber man bezahlt in Küssen und Liebkosungen, und das ist eine Währung, die man besser ausgibt als spart.
Aber andere Illusionen sind teurer; und einige sind fatal.
"Wenn die Regierung sagt, dass man etwas tun soll, dann ist es normalerweise eine gute Idee, das genaue Gegenteil davon zu tun", so ein französischer Freund beim gestrigen gemeinsamen Abendessen.
Ich dachte darüber nach. Alan Greenspan und seine Fed-Mitarbeiter schlagen vor: "Schulden machen, Schulden machen ... und Geld ausgeben, Geld ausgeben." Für meinen französischen Freund wäre es klar, was er da als Amerikaner tun würde.