Selling on good news - ist da was im Busch?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 30. Mai 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Sieh an, eine positive Überraschung. Mit 108,0 kam das US-Verbrauchervertrauen für Mai gestern deutlich besser als erwartet heraus. Die Prognosen hatten um 105,0 gelegen. Gleichzeitig wurde der Wert für den April deutlich von zuvor 104,0 auf 106,3 nach oben revidiert. Ich frage mich zwar, woher diese Daten für die Revision kommen bzw. warum man nicht mit der Veröffentlichung wartet, bis ALLE Daten verarbeitet sind, aber wer fragt schon mich ...
Interessant hierbei sind die einzelnen Komponenten, die meist bei der Berichterstattung unter den Tisch fallen. Die Erwartungen für die kommenden Monate stiegen gegenüber dem Vormonat nur ein wenig von 88,2 auf 89,2. Der Anstieg des Gesamtwerts rekrutierte sich vor allem aus der Beurteilung der aktuellen Lage. Wichtig zu wissen, dass bei den Amerikanern hierfür zwei Dinge hohe Bedeutung haben: Ihr Aktienmarkt und die Preise an der Tankstelle. Da letztere immer weiter steigen, müssen es wohl die Aktien gewesen sein, die für den Tick zusätzlichen Wohlbefindens gesorgt haben ...
Die Lage stabilisiert sich ... aber die Verkäufe nehmen zu
Womit wir aber zum Thema kommen. Diese Daten und mehrere andere in den Wochen zuvor deuten an, dass sich der Rückgang der Wachstumsraten in den USA nun verlangsamt hat. Es scheint – zumindest für den fragilen Moment – als würde sich die Hoffnung der Notenbank auf einem etwas niedriger als erhofften Level bewahrheiten: Moderates Wachstum. Ein wenig zu kümmerlich, sicher, aber eben auch kein Risiko, dass es zuviel wird. Und die Inflation – na ja, die Gesamtraten steigen heftig, aber wer heizt oder isst schon oder fährt gar Auto? Eben. Und die Kernrate ... sie ist einen Hauch zu hoch ... noch ... aber eben nicht schlimm. Sprich:
Wenn man mal eineinhalb Augen zudrückt (die sonst dahin sehen könnten, wo es brennt), ist die Lage eigentlich ganz in Ordnung. Nachdem die Experten zu Jahresbeginn zu viel erhofft hatten, sind sie jetzt sehr, sehr defensiv geworden. Und deshalb haben wir zuletzt recht oft Konjunkturdaten gesehen, die über den Erwartungen lagen. Doch was macht der Aktienmarkt daraus? Nicht das, was man erwarten würde! Seit Tagen kommen meist „good news“ – doch die Kurse reagieren nicht mehr. Kursanstiege werden konsequent zu Verkäufen genutzt. „Selling on good news“, ist der gängige Begriff hierfür. Die Diagnose ist einfach:
Ist etwas faul im Staate Dänemark?
Wenn gute Nachrichten keine steigenden Kurse nach sich ziehen, ist etwas faul. Dasselbe gilt am Ende einer Baisse. Wenn weitere schlechte Nachrichten kommen, aber die Kurse nicht mehr weiter fallen wollen, sollte man einsteigen. Wie Sie im S&P 500 sehen, wurden die Kurse in der Vorwoche an den alten Allzeithochs aus dem Jahr 2000 gleich viermal abgewiesen. Danach fiel der Index an den wichtigen 20 Tage-GD. Der konnte zwar bislang verteidigt werden ... aber so rechte Dynamik kommt bis jetzt nicht auf – trotz der positiven Daten vom Verbrauchervertrauen.
An den anderen Weltbörsen sehen wir momentan eine Art Schwebezustand. Dieses „Selling on good news“ hat begonnen, sich aber noch nicht in einer charttechnisch relevanten Trendwende niedergeschlagen. Vorsicht, höchste Vorsicht, ist jedoch schon jetzt geboten. Und das scheint sich auch durchzusetzen ... außer bei uns. Der Dax baut seine ungewöhnlich krasse Outperformance gegenüber den anderen großen Börsen täglich weiter aus. Gestern erneut: Wall Street mehrheitlich im Minus, Paris im Minus, Hongkong im Minus, Dax auf neuem Siebenjahreshoch. Die Stimmung könnte dabei besser nicht sein.
Wenn es passiert, dann überraschend!
Ein ganz entscheidender Satz, als Frage verpackt, den Bill Bonner in seinen untenstehenden Beiträgen formuliert, lautet: Wann erscheinen die wirklich großen Korrekturen, liebe Leser? Wenn die Leute sie kommen sehen, oder wenn sie sie NICHT kommen sehen?
Hören, sehen, lesen sie sich mal um (umlesen ist ein seltsames Wort, aber wenn es umhören und umsehen gibt, muss es umlesen auch geben, sage ich!): Wer außer mir – und selbst ich nur im Extremfall – hält aktuell eine 20%-Korrektur auch nur ansatzweise und in den schlimmsten Albträumen für möglich? Obwohl das nichts anderes wäre als ein Test der 2003er-Aufwärtstrendlinie, genau das selbe, wie wir es letztes Jahr vollzogen haben?
Lasset alle Vorsicht fahren ...
Selbst im vergangenen Jahr fanden sich sogar VOR Beginn der Korrektur ein paar verlorene Mahner, die eine größere Korrektur avisierten. Immerhin wurden es ca. 15%, das scheint mir momentan in Vergessenheit geraten zu sein. Zumindest bei denen, die den Dax auch weiterhin nach oben peitschen, egal, was da um uns herum passiert. Das Put/Call-Ratio am Optionsmarkt hatte sich zuletzt deutlich zugunsten der Calls verschoben, bei den Sentiment-Daten von cognitrend gab es einen kräftigen Anstieg des bullishen Lagers.
Akteure beginnen sogar, Wochen und Monate alte Absicherungen durch Put-Optionen aufzulösen, wird vom Optionsmarkt berichtet – mangels Notwendigkeit. Das ist so, als würde man sich einen Sportwagen zulegen und zugunsten eines ordentlichen Motorentunings auf die unnötige Ausgabe für Airbags und Sicherheitsgurte verzichten.
Kommen wir also noch mal auf Bill Bonners Frage zurück. Alle, die ein wenig Erfahrung an den Börsen haben, kennen die Antwort. Und wer hier falsch antwortet ... wird in Kürze Gelegenheit haben, dazuzulernen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer

