Seien Sie vorsichtig, vermeiden Sie jedoch Panik
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. Januar 2007 18:00 Uhr
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Kaum ist mal einen halben Tag nicht anwesend, schon denken die Börsen, sie könnten einfach machen was sie wollen, in diesem Fall: Verrückt spielen. Das Schlimme daran ist, der gestrige Tag hat einige Wunden geschlagen. Die meisten der großen Indizes, die ich hier immer wieder bespreche, stehen an überaus kritischen Marken. Ich hatte gehofft, dass der Nasdaq100 (Future) nach dem imposanten Ausbruch aus seiner Seitwärtsbewegung die anderen Märkte einfach mitreißt. Diesen Gefallen hat er mir nicht getan, noch nicht. Nun muss man sehr vorsichtig werden – vorsichtig, ohne jedoch in Panik zu geraten.
Die zweite Variante im Hinterkopf
Es gibt leider noch eine zweite Variante, die ich immer im Hinterkopf habe, frei nach meinem Motto: Die Börse geht immer den Weg des größten Schmerzes:
Der Dax ist im letzten Jahr gut gelaufen. Eine größere Konsolidierung ist jederzeit möglich, ohne dass dadurch der bullishe Eindruck verletzt wird. Vom Trend her hat der Dax nämlich dicke Platz bis runter auf 5900 Punkte:
Dazu noch einmal der Dax-Aufwärtstrend, der uns nun schon so lange begleitet. Sie sehen, der Dax hält sich an der oberen Linie des Aufwärtstrends auf. Das bedeutet nichts anderes, als dass das Abwärtspotenzial zurzeit recht hoch ist. Dieses Potenzial muss natürlich nicht ausgenutzt werden, es ist lediglich vorhanden. Nun rechne ich eigentlich mit einer Übertreibungsphase, also zumindest ein Test der obersten der beiden oberen Trendlinien, besser noch einen Ausbruch aus diesem Trend nach oben. Aber, es ist rein charttechnisch durchaus möglich, dass wir eine fette Konsolidierung bis an die untere Linie erleben. Das entspräche Kursen von 5900 – 6000 Punkte.
Das Bärenfest ist bullish
Man muss an den Börsen immer beide Szenarien analysieren, das bullishe und das bearishe. Heute geht es also mal um die bearishe Sichtweise: Was würde also passieren, wenn die Börsen bis März eine solche Konsolidierung hinlegen? Das Geschrei wäre riesig. Die Stimmung der Anleger würde ins tiefrote Bärendenken kippen. Untergangszenarien würden die Runde machen: Sprich, die Mainstreameinung würde dafür sorgen, dass jeder aus dem Markt springt, der halbwegs kurz- bis mittelfristig investiert ist.
Interessanterweise wäre das aber langfristig gesehen bullisher als mein „Übertreibungsszenario“. Denn sollte der Dax diese Konsolidierung jetzt schon einlegen, dann würde das Risiko eines Crashs in diesem Jahr dramatisch zurück gehen.
Starke Rallye dann erst ab März/April
Es wäre dann sehr wahrscheinlich, dass wir in nach diesem Einbruch eine schöne Rallye ab März/April einlegen. Und ich rede hier von einer Rally von vielleicht 30 % im Dax in einem Rutsch. Das wäre klassisch, denn wer würde sich schon nach so einem Einbruch trauen, einzusteigen? Besonders wenn der Dax auch noch die 6000er Marke nach unten verletzten würde? Wer würde, wenn die Bären lauthals den Untergang der Aktienmärkte propagieren, den Mut haben, seine Angst zu kaufen?
Präsidentschaftszyklus spricht für steigende Kurse
Eigentlich spricht der Präsidentschaftszyklus für stark steigende Kurse ab Mitte Januar, das bleibt mein favorisiertes Szenario (!). Das habe ich hier schon ausführlich genug dargestellt. Doch wenn nicht sehr bald die letzten Hochs aus dem Markt genommen werden, wenn nicht der Markt sehr bald anfängt, massiv anzusteigen, dann sollte man sich mit diesem zweiten Szenario unbedingt auseinandersetzen.
Gründe für eine Konsolidierung
Und es würde leider auch passen. Sie wissen, ich schreibe seit einigen Wochen davon, dass die Zinsenkungsphantasie aus dem Markt geht. Diese Zinssenkungsphantasie war das, was die Märkte in den letzten Monaten angetrieben hatte. Mit den gestrigen Konjunkturdaten scheint nun auch der letzte Anleger in den USA begriffen zu haben, dass es keine Zinssenkungen in den USA so bald geben wird. Es war ein Gemisch aus schlechten Inflationsdaten, guten Wirtschaftsdaten, aber ganz besonders aus guten Immobilienmarktdaten, welche diese Hoffnung zu Grabe trugen.
Gerade die besseren Immobiliendaten ließen die letzte Hoffnung auf Null sinken, dass eventuell ein weiter einbrechender Immobilienmarkt die Fed quasi dazu zwingen werde, die Zinsen zu senken. Nachdem diese Sorge/Hoffnung weg war, gab es gestern kein Halten an den Märkten - das Minus war vorprogrammiert.
Apple und Ben Bernanke
Natürlich haben auch die Zahlen von Apple dazu beigetragen, dass gerade der Nasdaq so ins Minus rutschte. Apple stand zum Schluss mit über 6 % in den Miesen und hat natürlich auch noch einige andere Tech-Aktien mit reingerissen. Interessant war, das lediglich die beiden Nasdaq Indizes so stark ins Minus gerieten, während der Dow lediglich 0,07 % und der S&P500 lediglich 0,30 % abgaben.
Auch aus diesem Grund war es nicht so, dass etwa die Anhörung von Ben Bernanke vor dem Haushaltsausschuss des Senats in Washington Auslöser für den Einbruch gewesen wäre. Dann hätten gerade auch der S&P500 und der Dow Jones deutlicher nachgeben müssen. Hier muss ich sagen: Markt, wie kurz ist dein Erinnerungsvermögen.
Ben Bernanke hatte in dieser Anhörung mit drastischen Worten vor den Gefahren einer ausufernden Staatsverschuldung durch die Kosten der Sozial- und staatlichen Krankenversicherung hingewiesen. Zwar könne es seiner Meinung nach in den nächsten Jahren zu einer Verbesserung der Defizitlage kommen, das sei aber nur die Ruhe vor dem Sturm. Er mahnte damit dringend Reformen an.
Nun ist das allerdings nichts Neues. Das hat auch schon sein Vorgänger Alan Greenspan in schöner Regelmäßigkeit zu dem gleichen Anlass mit ähnlich saftigen Worten getan. Das ist ein gängiges Prozedere und mehr als bekannt, wird also den Markt nicht verunsichert haben.
Nein, die Gründe lagen tatsächlich in einem Mix aus den Konjunkturdaten, welche die Anleger dazu trieben, wieder mehr Sicherheit zu suchen und die spekulativeren Positionen (im Nasdaq) abzustoßen. Hinzu gesellten sich die nicht ganz so guten Aussichten in der High-Tech-Branche, schon war der 2 % Minus Cocktail im Nasdaq angerührt. Mehr zu diesem Cocktail unter den US-Konjunkturdaten.
