Sehr geehrter Herr Retz ...
Axel Retz in DAX Daily
vom 11. Juli 2006 08:30 Uhr
ENL5454
"in der letzten Woche ist mein Erbe endlich frei geworden und nun habe ich 126.800 Euro mehr auf dem Konto. Da ich Ihre Analysen im DAX PROTITS und im EurXProfits schon vom Start an verfolge und hiervon im Kleinen bereits sehr gut profitieren konnte, darf ich Sie heute in einer ganz persönlichen Frage um Ihren Rat bitten. Ich möchte gerne in der kommenden Woche […]",
schrieb mir am Samstag Leser X aus R., der ausdrücklich um Wahrung seiner Anonymität bat.
Ja, ja, so geht das. Ein Erbe, eine frei gewordene Lebensversicherung, ein fälliger Sparvertrag, eine Schenkung oder auch realisierte Börsengewinne (oder auch Verluste) – was nun, was tun?
Viele Menschen neigen in dieser Situation dazu, endlich einmal das zu tun, was sie immer schon einmal vorhatten. Bei den einen geht es um einen Urlaub nach x, bei anderen um den Kauf des bis dato unbezahlbaren "Traumwagens", bei wieder anderen darum, die magere Altersrente aufzustocken.
Und bei wieder anderen darum, das plötzlich verfügbare Geld hebelstark anzulegen, um aus der Summe von beispielsweise 126.800 Euro rasch das Doppelte, Drei- oder Zehnfache zu machen.
Losgehen soll es dann natürlich „sofort"! Schließlich hat man in der Regel lange genug auf den Geldsegen gewartet und derweil zusehen müssen, wie die Chancen der letzten Jahre, Monate oder Wochen immer und immer wieder ungenutzt vorbei strichen.
So verständlich der dadurch quasi „aufgestaute" Wunsch nach sofortigem Handeln auch sein mag, so gefährlich ist er auch.
Denn die Börse hat ja keineswegs darauf gewartet, bis ausgerechnet SIE – aus welchen Gründen auch immer – über anlagebereites Kapital verfügen. Ganz im Gegenteil: Ausschließlich aus derartigen Gründen platziertes Geld wird vom Markt gerne „verfrühstückt", wenn es keinen Trend gibt, der ein Engagement rechtfertigt.
Denn den Markt interessiert es nicht im Geringsten, ob und wann und über wie viel Geld Sie als Kleinanleger verfügen. Der Markt folgt seinen eigenen Gesetzen. Und in aller Regel entwickeln sich die Märkte entlang klarer Trends.
Im Dax war das weder aber weder am vergangenen Freitag noch in der letzten Woche und auch im Juni nicht so. Ich hatte es gestern ja bereits umrissen. Ein Niemandsland, in den manche einen kleinen Schatz gefunden haben, die Meisten aber auf eine Mine getreten sind.
In derartigen Phasen sollten, vielmehr müssen Sie neutral bleiben. Schön ist das nicht. Und Sie können mir glauben: Auch für jeden Verfasser eines oder mehrerer Börsendienste sind das die mit Abstand hässlichsten Zeiten: Die Abonnenten zahlen, bekommen aber keine verwertbaren Empfehlungen!
Versetzen Sie sich bitte einmal in die Lage eines derartigen Verfassers eines Börsendienstes: Würden Sie irgend jemanden in eine neue Position hetzen, nur weil Anleger mit anlagebereitem Kapital darauf warten? Steht der Markt still, haben Sie eine 50 : 50-Chance, ihn in ein kapitalvernichtendes Kreuzfeuer zu schicken.
So etwas verbietet sich auch im Krieg. Aber wir befinden uns nicht im Krieg. Schwenkt die Börse die weiße Flagge, tun wir es auch. Kommt es zu klaren neuen Chancen, sind wir dabei. Und bis dahin bleibt der Finger eben nur am Abzug!
PS zur WM: Viele Analysten bauen ja nun auf einen Fortbestand des von den WM ausgehenden Stimmungsimpulses und verweisen dabei auch noch auf die neuen, beeindruckenden Exportzahlen.
Was aber, wenn dieses Stimmungs-Argument nicht nur für uns Deutsche gilt? Und warum sollte es!
Italien ist keines unserer wichtigsten Exportziele. Die USA und Japan aber schon. Und deren Mannschaften traten schon früh die Heimreise an!